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17.02.07 / Kaffeefahrt nach Afghanistan?

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 07-07 vom 17. Februar 2007

"Moment mal!"
Kaffeefahrt nach Afghanistan?
von Klaus Rainer Röhl

Kürzlich hörte ich einen Bundeswehr-Offizier sagen, der Einsatz der deutschen Aufklärungs-Flugzeuge sei bedenklich, denn die "Tornados" könnten von den Taliban abgeschossen werden und dabei könnten die deutschen Bundeswehrpiloten "gefährdet" sein. Was er meinte, aber nicht aussprechen mochte, ist: Die Soldaten könnten verwundet werden oder sogar sterben.

Allerdings! Der Gegner schießt neuerdings zurück. Die Zeiten sind vorbei, wo man, bei totaler Luftherrschaft, gefahrlos Bomben aus großer Höhe auf strategische Ziele und die neben ihnen liegenden Wohngebiete abwerfen und Tausende unbeteiligte Zivilisten, Frauen und Kinder töten konnte wie noch zuletzt im Kosovokrieg gegen Serbien. Kollateralschäden nannte man das, nicht Bombenterror. Mit Recht. Dieser Titel bleibt den alliierten Bomberkommandos des Zweiten Weltkriegs vorbehalten, die gezielt die Wohnviertel aller deutschen Großstädte ausradierten, mit Hunderttausenden von Toten, Frauen und Kinder die meisten. Ein nennenswertes Risiko bestand ab Mitte 1944 nicht mehr. Die meisten Verluste erlitten die Bomberkommandos durch mangelhafte Wartung, Zusammenstöße mit eigenen Maschinen und schlechte Wetterbedingungen.

Lang ist es her. Deutsche Präzisions-Flugzeuge, auf dem höchsten Stand der modernen Technik, gehören heute zu den Streitkräften der Nato. Gleichberechtigt, aber nicht gleich verpflichtet. Im Kosovo-Krieg wegen der Bedenken der grün-roten Mehrheit und auch wegen gefühlter Bedenken der Jugoslawen gegen den ersten Bombenangriff auf Belgrad nach 1941. Der Bundestag billigte gegen die Stimme von Hans-Christian Ströbele den Krieg, aber nicht den Kampfeinsatz. Ströbele blieb sauber, aber die anderen Grünen stimmten zu. Das war der Sündenfall. Seitdem war es nie wieder so schön wie einst, grün zu sein. Das störte die Abgeordneten aber nicht, ebensowenig wie ihre Kollegen Pazifisten von der SPD-Linken. Man erkannte auf Sachzwänge und niemand trat zurück, auch Ströbele nicht. Die deutschen Piloten flogen ja nur Luftaufklärung. Damals, beim Luftkrieg gegen Rest-Jugoslawien, waren sie schon mit von der Partie. Start und Landung erfolgten, wie bei den Bomberkommandos, mit denen sie zusammenarbeiteten, von sicheren Flughäfen oder Flugzeugträgern aus.

In Afghanistan ist das anders. Start und Landung erfolgen sozusagen im Feindesland. Der Feind ist überall, es herrscht Guerilla-Krieg. Kleinkrieg, mit List und Tücke aus dem Hinterhalt. Erfunden eigentlich schon von Armin dem Cherusker im Kampf gegen römische Besatzer, erhielt er seinen Namen von den spanischen Partisanen, die ab 1806 gegen den Diktator Napoleon und seine Besatzungstruppen kämpften.

Der Bundestag hat schon entschieden, gegen den Abgeordneten Ströbele, aber mit Mehrheit für den "Tornado"-Einsatz.

Wofür sollen wir uns entscheiden, auf wessen Seite sind wir? Sind die Amerikaner die Besatzer und das afghanische Volk steht im Freiheitskampf gegen die Unterdrücker?

Sollen wir nun wieder rufen wie einst die 68er: "Bürger runter vom Balkon, unterstützt den Vietcong?" "Amis, raus aus Vietnam?" Hinterher ist man immer klüger. Heute wissen wir, daß der Vietcong eine straff gelenkte militante Kommunisten-Minderheit war, die nun, 20 Jahre nach dem Abzug der Amerikaner für ihre marode Wirtschaft dringend amerikanische Kredite und Touristen braucht. Amis, rein nach Vietnam.

Was sagen die Berliner Experten zum Einsatz der deutschen Aufklärungsflugzeuge? "Keine Kaffeefahrt" sei der "Tornado"-Einsatz in Afghanistan, warnte der Wehrbeauftragte Reinhold Robbe (SPD), und der Chef des Bundeswehrverbandes, Gertz, sprach von einem "kalkulierbaren Risiko". Nicht größer als beim Einsetzen eines Herzkatheters durch die Hauptschlagader. Ein Prozent Exitus. Ex, wie tot. Restrisiko!

Die straff geführten und von mittelalterlichen Clanchefs und Mohnbauern unterstützten Taliban-Krieger (Durchschnittsalter 16 Jahre) haben viele Tausende dieser tragbarer Mini-Raketen gekauft. "Manpads" nennt die Militärsprache diese chinesische Weiterentwicklung der deutschen Panzerfaust, die, wie wir wissen, selbst von Kindern zu handhaben war. Manpads für "Man Portable Air Defense Systems" (tragbare Luftabwehrsysteme). David gegen Goliath, mit 2000 Schleudern bewaffnet. Der internationale Waffenmarkt bietet alle Varianten an. Geld spielt keine Rolle, die Mohnbauern und ihre Hintermänner zahlen gut, Afghanistan hält 90 Prozent der Heroin-Produktion der Welt. 3000 Meter ist die Reichweite der Miniraketen, aber nur bei Start und Landung ist der "Tornado" zu knacken. Einmal durch seine zwei Düsentriebwerke auf seine Höchstgeschwindigkeit von 2300 Stundenkilometern angeschoben, werden die langsamen Manpads zu nutzlosen Kinderspielzeugen. Der "Tornado" ist eine Kampfmaschine, wie man sie bis 1980 nur aus Science-fiction-Filmen kannte, bewaffnet mit Luft-Luft-Raketen, 27-Milimeter-Bordkanonen, Täuschkörpern und Störsendern, vor allem aber mit Wärmebild-Kameras mit digitaler Bild-Aufzeichnung, die bereits während des Fluges weitergegeben werden kann. Noch während er in der Luft ist, können die ausgemachten Ziele von den modernen US-Raketen in Feuer und Asche verwandelt werden, auch wenn es sich nur um eine Schafherde oder eine Kamelkarawane handelt, in deren Mitte Bin Laden auf seiner Tragbahre vermutet wird. Peng! Und weg ist die Karawane.

Die Begründung für den Einsatz der Deutschen an der unübersichtlichen Front der Wüsten- und Berglandschaft ist die Ankündigung der Taliban, demnächst mit 2000 Selbstmordattentätern (auch da wird orientalisch nach oben abgerundet) eine Frühjahrsoffensive zu starten. Wie aber sollen unsere, mit deutscher hochauflösender Fototechnik und "Zeiss"-Linsen ausgerüsteten "Tornados" die 2000 Selbstmord-Attentäter finden, woran erkennt man die? Scheint ziemlich sinnlos, der Einsatz.

Ob wir also in den Ruf einstimmen sollen: Amis, raus aus Afghanistan! Da wäre ich vorsichtig, denn das sagt auch der Grünen-Abgeordnete Hans-Christian Ströbele. Und der sagt mit großer Sicherheit immer das Falsche.

Was waren die Taliban, was sind sie noch? Die menschenfeindlichste Sekte, die der Islam überhaupt hervorgebracht hat an der Regierung eines Riesenlandes. Der Schrecken, der dort herrschte, übertraf jeden Horrorfilm bei weitem. Hier hatten die Selbstmordattentäter ihre Auffanglager, hier wurden, in der Ruhe und Abgeschiedenheit, die nur ein totalitäres Staatsgebilde bieten kann, die Pläne für den ersten Großangriff gegen die westliche Zivilisation vorbereitet, mit beiläufig - man vergißt es immer - 3000 toten Büroangestellten und zirka 500 Flugzeuginsassen, die den wahnsinnigen Selbstmord-Attentätern viele Stunden ausgeliefert waren, bevor sie endlich sterben durften. Dieser sichere Auffangraum ist durch die Vertreibung der Taliban und ihrer Anhänger an die pakistanische Grenze empfindlich gestört worden.

Wir sind doch nicht blöd: Nicht die Besetzung Afghanistans löste den Terror aus, sondern sie verhinderte erst einmal Großaktionen vom Schlage des 11. September. Die auf sich gestellten und aus dem Internet künstlich ernährten Terror-Zellen sind für eine entschlossene Geheimdienstabwehr, wie in England gezeigt, leichter auszumachen und zu isolieren als in Afghanistan.

Es stimmt, daß die Amerikaner selber im Krieg gegen die Weltmacht Sowjetunion die Taliban unterstützt, ausgerüstet und eingesetzt haben. Schlimm genug. Ja, es war unverantwortlich, Bin Laden zu bewaffnen, der später der ganzen Welt den Krieg erklärt hat. Das war ein Fehler. Aber das darf doch nicht heißen, daß man noch einen zweiten Fehler machen muß, seiner Reorganisation ruhig zuzusehen. Wir können die Geschichte nicht wieder rückwärts schreiben. "Amis, raus aus Afghanistan!" heißt ja nicht anderes als: Taliban rein nach Afghanistan! Wollen wir das ernsthaft? Die Frauen weiterhin beschneiden und sie zwingen, die Burka zu tragen, diesen tragbaren Kerker mit schmalem Sehschlitz? Wieder die Berufstätigkeit und Schulbildung der Frauen verbieten, die Universitäten und Oberschulen wieder schließen, die frühmittelalterlichen Folterstrafen der "Scharia" wieder einführen?

Das afghanische Volk, zerrissen in seine Stämme und Clans, aber seit unendliche langer Zeit ein Staatswesen mit einer gemeinsamen Geschichte und Tradition und einer erkennbaren Eigenständigkeit, war nach 2000 Jahren gerade soweit, den Anschluß an die Zivilisation und die Völkerfamilie zu finden. 1964 wurde das allgemeine Wahlrecht eingeführt und ein Parlament geschaffen. Bis 1973 gab es unter einem, zwar von Stammensfürsten und Clans gewählten, König ein halbwegs intaktes Staatswesen, das mit der Welt Handel trieb und einen bescheidenen Tourismus aufbaute. Für dieses große Land und sein stolzes Volk der indoeuropäischen Pachtunen, von dem schon Alexander der Große mit großer Hochachtung sprach, dürfen wir schon mal ein Restrisiko riskieren. In dem von Deutschen verwalteten Norden sollten wir uns auf Tugenden besinnen, die uns besser anstehen, als Bombenziele auszukundschaften. Zum Beispiel die Arbeit von Rupert Neudeck und seinen Grünhelmen stärker zu unterstützen.

Allein in der Provinz Herat haben die Grünhelme 19 Schulen gebaut, Spielplätze für herumlungernde Kinder errichtet.

Doch das Land braucht tausend Schulen und Spielplätze und Polykliniken und deutsche Ärzte und Medizinstudenten, die ihre Hilfe anbieten. Den Transport besorgt sicher gern die Bundeswehr.

Foto: Bald im Einsatz gegen die Taliban: "Tornados" der Bundeswehr


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