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17.02.07 / Krieg der Ingenieure / Architektur und Technik im Nationalsozialismus

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 07-07 vom 17. Februar 2007

Krieg der Ingenieure
Architektur und Technik im Nationalsozialismus

Religionen und politische Ideen haben, wenn sie denn kultiviert worden sind, stets eigene Kunstformen gefunden, Formen, die sich in der Architektur der Zeit spiegeln. Der Anspruch der Religion oder der politischen Ideologie läßt sich regelrecht ablesen an den Gebäuden, die den Machtanspruch repräsentieren sollen. Dem Christentum entspringen so revolutionäre Sakralbauten wie die Hagia Sophia in Konstantinopel, der Kölner Dom und der Petersdom in Rom, aber auch Festungsanlagen wie die Marienburg. In der Gegenwart hat das Berlin der Nachwendezeit etwa am Potsdamer Platz neue Architekturformen gefunden. Zur Realisierung der Ideen wurden ganze Flüsse umgeleitet und historische Bauten unzerlegt an einen anderen Ort geschoben.

Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war reich an Ideologien und Diktaturen. Der damit einhergegangene totalitäre Machtanspruch mußte dauerhaft demonstriert werden. Größe als Machtdemonstration, zur Berauschung und Selbstberauschung. Der Stil des Nationalsozialismus war offiziell der Neoklassizismus. Seine Wurzeln liegen im Europa der Jahrhundertwende. Seine ins Monolithische gehende Übersteigerung umzusetzen, das war die Aufgabe Albert Speers. Die Einheit, Festigkeit und Größe der "Volksgemeinschaft" sollte durch "Germania", die neue Reichshauptstadt auf dem Boden Berlins, realisiert werden. Allein die "Große Halle des Volkes" hätte die 17fache Größe des Petersdoms eingenommen und 180000 Menschen Platz geboten. Allein das Fundament der Halle hätte 30 Millionen Tonnen Beton benötigt.

Hitler hatte Pläne für Berlin, Nürnberg, München, Hamburg und 27 weitere Städte. Über die architektonische aber auch technologische Revolution beziehungsweise die Entwürfe dazu in der NS-Zeit hat nun Michael Ellenbogen ein Buch vorgelegt. In "Gigantische Visionen - Architektur und Hochtechnologie im Nationalsozialismus" vergleicht er die Pläne Speers mit klassizistischen Bauten in Paris, Genf, Helsinki und anderen europäischen Metropolen.

Der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur und der Streitkräfte rief weitere Ingenieure auf den Plan. Im Zweiten Weltkrieg kam es zu einem regelrechten Krieg der Ingenieure, so Ellenbogen.

So wurden ernsthaft Pläne für eine gigantische Untertunnelungsraupe, die "Midgard-Schlange" entwickelt und diskutiert. Durch sie sollten für die Streitkräfte Invasionstunnel unter der Maginot-Linie hindurch gegraben werden. Nicht minder ernsthaft wurde die Entwicklung eines Schlachtschiffes zu Lande, des Panzers "P 1000", vorangetrieben. Der von Krupp vorentwickelte Koloß sollte 39 Meter lang und 14 Meter breit werden und über 3,60 Meter breiten Ketten fortbewegt werden. Bewaffnung: zwei 28-Zentimeter-Kanonen. Hitler soll das Fahrzeug "Ratte" genannt haben. Es blieb bei den Planungen.

Andere Pläne wurden hingegen verwirklicht, so die für die nur 14 Tage eingesetzte 80-Zentimeter-Kanone "Dora" - sie knackte ein sowjetisches Munitionsdepot in 30 Metern Tiefe - und die Panzer Tiger I und II sowie des gefürchteten Sturmmörser "Sturm-Tiger". Ellenbogen geht auch auf Flugzeug- und Schlachtschiffentwicklungen ein sowie auf Bunkerbauten und unterirdische Fabrikanlagen wie Dora Mittelbau.

Bei der Entwicklung und Realisierung solcher Projekte seien Kräfte gebunden worden, die woanders sinnvoller hätten eingesetzt werden können. In die Bilanz der technologischen Revolution zieht der Autor auch Speers Resümee der allgemeinen Verhältnisse mit ein. Speer hatte den Einsatz von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen im Rückblick als "barbarisch" bezeichnet.

Michael Ellenbogen gibt einen faszinierenden Einblick in die Visionen und Utopien von Architekten und Ingenieuren im Dritten Reich. B. Knapstein

Michael Ellenbogen: "Gigantische Visionen - Architektur und Hochtechnologie im Nationalsozialismus", Ares, Graz 2006, 263 Seiten, 170 Abbildungen, geb., 19,90 Euro, Best.-Nr. 6062


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