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17.02.07 / Von Friedrich dem Großen gelernt / Der Habsburger Joseph II. kopierte Preußens Einwanderungspolitik

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 07-07 vom 17. Februar 2007

Von Friedrich dem Großen gelernt
Der Habsburger Joseph II. kopierte Preußens Einwanderungspolitik
von Rebecca Bellano

Wo du jetzt Wälder hast,
da wird man Äcker schauen,
Wo jetzo niemand wohnt,
da wird man Kirchen bauen,
Wo finstre Hecken sind,
wo wilde Tiere ziehn,
Da werden Gärten sein,
und schöne Rosen blühn.

Ist Preußen schon ein Land,
da Milch und Honig fließen,
So wird ein Segensbach
sich da noch mehr ergießen,
Die Menschen werden selbst
wie dort die Bienen sein,
Die tragen den besten Honig ein.

Dieses im Jahre 1732 in Leipzig erschienene Flugblatt mit dem Titel "Das preiswürdige Preußen, oder gerechte Lobes-Erhebung dieses Königreichs, wegen liebreicher Aufnahme der salzburgischen Emigranten" gibt einen Eindruck von den Erwartungen an die verstärkte Einwanderungs- und Kolonisationspolitik unter dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. Was schon unter den Vorgängern des Soldatenkönigs seinen Anfang nahm - man denke nur an die Aufnahme der französischen Hugenotten 1685 unter dem Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm nach der Aufhebung des Edikts von Nantes durch Ludwig XIV. -, wurde von den Preußenkönigen zum Prinzip ihrer Politik. So folgten 1732 rund 20000 Salzburger Protestanten der Einladung Friedrich Wilhelms I. Unter seinem Sohn Friedrich II. fand diese Einstellung zum Thema Einwanderung dann ihren Höhepunkt.

In unser Land wird aufgenommen, Wer einen Gott und Herren, und einen König liebt! Der fremde Mann ist uns willkommen, Der davon uns Beweise gibt! So dichtete der Halberstädter Poet Johann W. L. Gleim in "An die Ausländer" über Friedrich II. "Wer einen Gott und Herren ...", diese frei auslegbaren Zeilen zeugen von Toleranz, was nach den jahrzehntelang andauernden Glaubenskriegen in Europa durchaus keine Selbstverständlichkeit war. Und daß es in Preußen tatsächlich nicht ganz so wichtig war, ob man nun Protestant oder Katholik war - bedingt durfte man sogar Jude sein, um willkommen geheißen zu werden -, war zur Zeit Friedrichs des Großen schon Tradition, die dieser vertiefte.

Nach der Eroberung des überwiegend katholischen Schlesien konnte Friedrich II. beweisen, daß es ihm mit der Toleranz wirklich ernst war. Er verbot jeden Streit zwischen den beiden großen christlichen Glaubensbekenntnissen. Um seine Neutralität in kirchlichen Dingen zu belegen, stellte er 1747 in Berlin ein Grundstück für den Bau einer römisch-katholischen Kathedrale zur Verfügung. Die königliche Erlaubnis und das dazu geschenkte Grundstück mitten in der preußischen Hauptstadt zeigten, wie der König es mit der Toleranz hielt. Zudem war die Hedwigskathedrale auch ein Entgegenkommen an Schlesien, denn jene Heilige Hedwig galt als Schutzpatronin der Region. Auch Aussagen wie "Alle Religionen sind gleich und gut, wenn nur die Leute, so sie professieren, ehrliche Leute sind. Und wenn Türken und Heiden kämen und wollten das Land peuplieren, so wollen wir ihnen Moscheen und Kirchen bauen lassen. Ein jeder kann bei mir glauben, was er will, wenn er nur ehrlich ist" fügen sich in das Bild friderizianischer Toleranz. Einer der berühmtesten Sätze Friedrichs lautet: "Die Religionen müssen tolerieret werden, und muß der Fiskal nur das Auge darauf haben, daß keine der anderen Abbruch tue, denn hier muß ein jeder nach seiner Fasson selig werden."

Bei allen Überlegungen zum Thema Friedrich II. und die Toleranz darf man jedoch eines nie außer acht lassen: den Staatsmann, der zielstrebig nach aufgeklärten Maßstäben sein Reich zur Großmacht in Europa ausbauen möchte. Je mehr Menschen, desto mehr Waren und Werte konnten erschaffen werden, desto besser war die Landesverteidigung organisiert und desto größer wirkte der Staat dann nach außen, so die Devise.

Um auch im Kernbereich des Landes Kolonisten anzusiedeln, machte Friedrich II. vorher unbewohnbares Land besiedelbar. Durch regulierende Eingriffe in die Natur, vor allem in der Wasserwirtschaft, wurden ganze Landstriche landwirtschaftlich nutzbar gemacht. So ließ der Monarch in Vor- und Hinterpommern eine Großzahl der Sümpfe trocken legen, um dort an die 100000 Personen neu anzusiedeln. Um die Siedler zusammenzubekommen, rief der Staatsmann "ausländische Bankiers, Kaufleute, Manufacturbesitzer, Tuchmacher, Strumpfweber, Stricker, Metallarbeiter, Knopfmacher, Hutmacher, Gerber, Bürstenbinder und Seifensieder zur Einwanderung auf und sicherte ihnen für einen bestimmten Zeitraum nicht nur die Befreiung von verschiedenen Lasten einschließlich des Militärdienstes zu, sondern hieß auch Angehörige aller Glaubensbekenntnisse willkommen".

Liest man die Schrift "Über die bürgerliche Verbesserung der Juden. Berlin 1781" des preußischen Gelehrten Christian Wilhelm v. Dohm wird allerdings ersichtlich, daß die Toleranz Friedrichs des Großen keineswegs mit Emanzipation gleichzusetzen, wenn auch viel weitreichender als in fast allen anderen europäischen Staaten war. Dohm hebt die beschränkte Möglichkeit der Ansiedlung hervor. Außerdem wurde der Landerwerb und Pacht verwehrt, ein Universitätsstudium war nur unter erschwerten Voraussetzungen möglich, öffentliche Ämter wurden ihnen nicht gewährt. Den Juden blieb zum Lebenserwerb eigentlich nur der Handel und das Bankwesen. Schutzgelder und Zölle engten sie finanziell stärker als alle christlichen Mitbürger ein. Mischehen waren noch bis ins 19. Jahrhundert hinein untersagt. Das gesamte jüdische Leben wurde zudem in allen Bereichen vom preußischen Staat überwacht. Nur einigen wenigen besonders kapitalkräftigen Juden gestattete Friedrich der Große, seine Sondergesetze zu mißachten, damit sie Fabriken und Manufakturen errichten konnten. Aber auch bei den Katholiken gab es keine völlige Emanzipation. Schließlich wurden bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts hinein alle höheren Staatsämter und Professuren nicht mit Katholiken besetzt, da man befürchtete, sie würden in Krisenzeiten wie beispielsweise dem Siebenjährigen Krieg zugunsten der katholischen Mächte agieren.

Betrachtet man allerdings die damalige Gesellschaft unter dem Aspekt der Gleichbehandlung, so stellte gar nicht mal so sehr die Religion, sondern vielmehr die Ständezugehörigkeit den trennenden Faktor dar. Zwar galten vor dem Gesetz dank Friedrich II. alle Menschen als gleich, doch laut Ständewesen waren sie alle wieder ungleich. So kam es beispielsweise erst im Zuge der Reformen von Karl Freiherr vom und zum Stein zur Bauernbefreiung. Ein gewissen Bauernschutz wollte und konnte Friedrich II. jedoch durchsetzen, wobei sich selbst der absolute Monarch auf Streitereien mit den auf ihren Vorteil bedachten adligen Großgrundbesitzern einlassen mußte.

"Ein jeder neue Unterthan ist eine neue Eroberung." Diese Bemerkung stammt nicht von Friedrich dem Großen, sondern von dem österreichischen Aufklärer Joseph von Sonnenfels. Doch diese schon unter der Regierungszeit von Maria Theresia geäußerte Erkenntnis war keineswegs kennzeichnend für die österreichische Politik. Schon Vater und Onkel der österreichischen Herrscherin waren ziemlich rabiat mit den Nicht-Katholiken umgegangen. Geldstrafen, Prügelstrafen, Gefängnis, Umerziehung, Ausweisung. Viele fanden letztendlich in Preußen Aufnahme. Auch Hussiten aus den tschechischen und slowakischen Regionen ihres Reiches wanderten nach Preußen aus. Es entstanden in Preußen ganze Stadtteile und Gemeinden, die nur von böhmischen Glaubensflüchtlingen bewohnt waren, und die von Friedrich dem Großen nur behutsam assimiliert wurden, da man ihnen ihre Kultur und Religion nicht gewaltsam nehmen wollte. Joseph II., von 1765 bis 1780 Mitregent seiner Mutter, erkannte sehr wohl das Problem. "Werden hingegen diese Erdrückungen ... sobald als möglich abgestellet, so wird mit der aufhörenden Ursache die Emigration von selbst aufhören." Doch die in den österreichischen Landen allmächtige katholische Kirche und auch das System der Leibeigenschaft unterdrückten die Bevölkerung, die hoffte, in dem als tolerant geltenden nahen Preußen zumindest in Glaubensdingen "nach eigener Facon selig zu werden".

"Ohne herrschende Religion?" - diese von Entsetzen gekennzeichnete Frage Maria Theresias an ihren Sohn und Mitregenten Joseph II. charakterisiert den Konflikt zwischen den beiden Herrschern. Für sie war religiöse Toleranz identisch mit Religionslosigkeit, doch ihr ebenfalls katholischer Sohn sah dies ganz anders. Er war davon überzeugt, daß Toleranz die feindliche Stimmung im Land und im ganzen Reich neutralisiere, während Maria Theresia am liebsten alle christlichen Minderheiten in den Schoß der katholischen Kirche gezwungen hätte. Nur verhältnismäßig widerwillig setzte Maria Theresia manche Ideen des von ihr verabscheuten Friedrichs II. um. In Sachen Toleranz war sie jedoch trotz des mehrfach von ihrem Sohn betonten wirtschaftlichen Nutzens nicht zu bewegen.

Mit dem Tode Maria Theresias 1780 hatte Joseph II. nun die Möglichkeit, die von ihm schon seit langem propagierte Toleranzpolitik endlich umzusetzen. Als ersten Schritt hob er das Religionspatent von 1778 auf, das den Besitz lutherischer Bücher und das Abhalten von nicht-katholischen Gottesdiensten untersagte. Von dem Moment an war die Zugehörigkeit zum katholischen Glaubensbekenntnis nicht mehr Voraussetzung für das Eingehen einer Ehe. Auch die immer noch geltende Verbannung wurde endlich beendet, zudem der Druck von protestantischen Büchern zugelassen wurde. Gemäß einer Empfehlung eines anonymen Autors, die jedoch einem der aufgeklärten Berater Josephs II. zuzuschreiben sein dürfte, sollte der Kaiser seine tolerante Einstellung gegenüber den Nicht-Katholiken in Form eines Patents zum Gesetz machen, doch hier verweigerte sich der trotz allem überzeugte Katholik. Allerdings durften beispielsweise die bekennenden Protestanten immer noch keinen Grundbesitz erwerben, und ohne Sondererlaubnis war ihnen auch die Beschäftigung von Arbeitern untersagt. In einigen Gebieten durften sich Protestanten nicht ohne vorherige Erlaubnis des dortigen Pfarrers niederlassen.

Es war vor allem der schon Maria Theresia treu dienende und sogar von Friedrich dem Großen als kluger Staatsmann gelobte Staatskanzler Kaunitz, der den Kaiser zum Erlaß eines Toleranzpatentes drängte. Wollte man also den Abwanderungsdruck abbauen, mußte man zunächst die religiösen Minderheiten zu Habsburger Patrioten machen. Diesen Argumenten konnte sich auch der Kaiser nicht verschließen, und so kam es am 13. Oktober 1781 zum Erlaß von verschiedenen Toleranzpatenten, denn jede Provinz, von Wien über Oberösterreich, Ungarn, Böhmen, Mähren, Galizien und die Niederlande bis zu den einzelnen italienischen Territorien, erhielt ihr eigenes Patent. Diese im Detail unterschiedlicher Patente galten zudem nur für Lutheraner, Kalvinisten und Orthodoxe sowie - hier mit Abstrichen - für die Juden. So durften die drei christlichen Gruppen jeweils ab 100 Familien eigene Gemeinden bilden, wobei ihnen beim Bau ihrer Kirchen Türme und Glocken

untersagt wurden. Auch durften sie unter Staatskontrolle auf eigene Rechnung Priester und Lehrer ernennen. Die neuen Rechte der Juden waren keineswegs so ausgeprägt, wobei vor allem die Wiener Juden, von denen viele wohlhabend waren, bevorzugt behandelt wurden. In manchen anderen Regionen hingegen kam man den Juden kaum entgegen. Daher ist es schwierig, verallgemeinernde Aussagen zu treffen. So erhielten die Wiener Juden im wesentlichen Rechtsgleichheit, das Recht auf freie wirtschaftliche Tätigkeit, sei es im Gewerbe, sei es im Handel. Beseitigt wurden auch die diskriminierenden Kleiderordnungen und anderes mehr; Anlaß zur Kritik bot indes der Versuch, die Juden zur Assimilation zu zwingen, indem sowohl die Gemeindebildung verboten als auch der Gebrauch des Hebräischen eingeschränkt wurde. Schutzgelder und Zuwanderungsbeschränkungen machten den Juden zudem weiter das Leben schwer.

Alle anderen Glaubensgruppen wurden weiterhin als Sekten verfolgt, so die Deisten, Adamiten, Abrahmiten, Israeliten und die Lampelbrüder, die unter dem Sammelbegriff Hussiten bekannt waren. Hier kam Joseph II. wieder den Wünschen der katholischen Kirche entgegen und ließ die Anhänger der als Sekten verschrieenen Glaubensrichtungen auspeitschen und zwang sie in Umerziehungskursen zur Konversion.

"Je n'ai fait que vouloir ...", ich habe immer nur gewollt, schreibt Joseph II. wenige Tage vor seinem Tod an Katharina II. Die Toleranzpatente sind neben der Bauernbefreiung und einigen kirchenpolitischen Maßnahmen letztendlich alles, was über den Tod des zu seiner Zeit ungeliebten Modernisierers im Sturmritt hinaus Bestand hatte.

Foto: Vorbild und Feind zugleich: Der Sohn Maria Theresias trifft 1769 den Preußenkönig Friedrich II. in Neiße.


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