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17.02.07 / Zum Malen auf die Nehrung / Karina Stängle versucht mit ihrer Gruppe, die Schönheit Niddens und seines Umlands einzufangen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 07-07 vom 17. Februar 2007

Zum Malen auf die Nehrung
Karina Stängle versucht mit ihrer Gruppe, die Schönheit Niddens und seines Umlands einzufangen

Zur Vernissage und ihrer Abschlußausstellung in Nidden auf der Kurischen Nehrung hatten sich einige deutsche Maler eingefunden. Die Arbeiten hängen angeklammert an der Schnur auf der Hotelterrasse am Haff. Zwei Wochen lang waren die Maler auf Jagd nach den Motiven und stellten in den letzten Tagen fest, daß ihnen noch ungemalte Bilder für mindestens einen Aquarellblock fehlten beziehungsweise daß ihnen das Aquarellpapier für diese Motive ausgegangen war.

Was war in diesen beiden Wochen geschehen?

Der Wind, der von Westen die Dünenlandschaft empor streicht, entwickelt ein leises Rauschen in den Strandhaferflächen, deren Blütenstände in der Sonne golden aufleuchten. Die sogenannten Rippelmarken bilden hier ein lebendiges Muster auf dem Sand. Je höher man steigt, desto deutlicher findet man dieses Muster wieder vor, da der Wind hier oben stärker bläst. Die Rillen werden deutlicher und fester. Sie sind den Wellen auf dem Haff bei leichter Brise sehr ähnlich.

Die Malerin Karina Stängle und ihre Malgruppe sind auf dem gewaltigen Kamm der "Hohen Düne" auf der Kurischen Nehrung angelangt. Ihr Blick schweift über die erhabene Welt der Dünen. Zu beiden Seiten der Nehrung ist Wasser: die Ostsee rechts, das Kurische Haff links, an unterschiedlichen Blautönen auszumachen. In der Ferne kann man ahnen, wo der Wind den Sand der Düne in das Haff treibt, sich die Düne ins Haff stürzt.

Die Gruppe ist zum Aquarellieren hier oben und sucht den schönsten Blick für ihre Bild-Komposition auf dem Torchonpapier. Es ist zu überlegen: Wo setzt man die Horizontlinie? Wieviel Himmel mit Wolkengebilden möchte man sehen? Wie gestaltet man den Vordergrund, wenn man in das Bild hineingehen möchte? Für Stängle ist klar, daß sie den hellen Sand gegen den tiefkobaltblauen Wolkenhimmel setzt. Hell gegen dunkel bringt Spannung in das Bild. Das Licht der Sonne verdeutlicht die Farben. Die Gestaltung der freien Sandfläche könnte in kleinen Mustern nach "Klee" gelingen.

Vom Licht über der Nehrung lebten auch die Maler der "Künstlerkolonie Nidden". Von der "Sandakademie" sprachen die Kunststudenten der Königsberger Akademie. Sie schwärmten von dem wechselnden Licht und der sich ändernden Farbe auf dem Dünenrücken. Schwebt der Schatten einer Wolke darüber, mußte man einen violetten Ton auf die Fläche setzen. Die Expressionisten wie Pechstein, Schmidt-Rottluff, Heckel, Mollenhauer griffen dafür kräftig in die Farbe. Zinnoberrot war besonders beliebt.

Seit 2001 leitet Stängle Malgruppen. Die Betreuung übernimmt das Reisebüro Litauen-Reisen Willoweit von Sofija und Aurelius. Man wohnt im historischen Hotel Blode, heute in aktuellem Charme, doch leider ohne die berühmte Veranda. Es liegt vom Thomas-Mann-Haus nur fünf Minuten entfernt. Im August wird dort zu Konzerten mit litauischen Solisten geladen. Man sitzt im Wohnzimmer der Manns oder lauscht an den warmen Sommerabenden von der Veranda aus.

Ein anderes Mal mußte die Malgruppe früh genug im Haus sein zu einer Lesung aus "Königliche Hoheit" und "Die Reise nach Tilsit". Die Gruppenmitglieder hatten die Kulisse der letzten Geschichte den ganzen Tag auf der Bootsfahrt über das Haff verinnerlicht.

Auch der leichten Muse war in Nidden gedacht: Wohltätigkeitskonzerte zugunsten Blinder wirkten nicht nur auf die Jugend wie ein Magnet. Vor dem Yachthafen war eine stattliche Bühnenkonstruktion aufgebaut. Der Sound ließ keinen Wunsch offen. Bemerkenswert ist, daß alle Stücke in der Landessprache gesungen wurden.

Ein anderes Mal erlebte die Gruppe Volksmusik pur mit großartigem Aufbau und Technik. Bekannte litauische Sänger und Volkstanzgruppen gestalteten das Festival. Das Fernsehen war vor Ort. Zwei Stunden später entdeckte man sich im Hotel auf dem Bildschirm.

Was Stängle hier auffiel, war die lockere Tanzfreudigkeit der Zuhörer auf dem Rasen vor der Bühne. Ein Wippen, ein Schunkeln, ein Anfassen, ein Drehen - die jungen Männer machten hier den Anfang bei den Tänzen im Kreis und den Promenaden. Diese Freude hatte nicht viel mit Bier zu tun.

Auffallend war die geringe Zahl deutscher Touristen. Möglicherweise hat die Fußball-WM Reisende abgehalten und sowohl die Anreise als auch die Unterkünfte in Nidden sind relativ teuer. Dafür sind jedoch die Gaststättenpreise für Speisen wie Rote Beetesuppe, auch "Die Kalte" genannt, Ceppelinis, Kartoffelkuchen, Plinies, Zander, Scholle, Hering oder Knoblauchbrot und Getränke wie Bier, Wodka, oder Beaujoulais sehr niedrig; im Schnitt zahlt man hier nur ein Drittel des in der Bundesrepublik Deutschland üblichen Preises. Dazu kommen die günstigen Angebote an einheimischen Gütern beispielsweise im Supermarkt vor Ort oder auf dem Memeler Markt, wo Früchte des Sommers, Honig unterschiedlichster Sorte, Pilze, Baumkuchen, Räucherfische angeboten werden. Wer sich für Leinenkleidung begeistert, findet in Boutiquen pfiffige Mode von Kopf bis Fuß, ebenso farbige Tischwäsche. Bei alldem nicht zu vergessen ist der ebenso schöne wie preiswerte vielfältige Bernsteinschmuck.

Trotzdem halten viele Gäste sich nur ein paar Tage auf, um dann weiter ins Baltikum zu reisen. Ein weiterer Grund für die wenigen Touristen mag in dem geringen Fassungsvermögen der kleinen Maschinen liegen, welche diese Gegend Ostpreußens anfliegen.

Doch zurück zur Vernissage der Maler am letzten Tag: Nach den Reden der Maleléven und der Hoteldirektorin widmeten sich Hotelgäste, Promenadenbummler und andere Neugierige den Werken, dem Sekt, der Torte. Verkauf nicht ausgeschlossen. Ein echter Magier aus der Gruppe verblüffte die Gesellschaft mit seinen Fertigkeiten beim Wegzaubern, Erzaubern, Verlängern, Verkürzen, Leeren, Auffüllen. Zu guter Letzt entstand einfach so aus einer Papierserviette eine Rose mit Blatt. Das "Wie" bleibt das Geheimnis des Magiers. Peter, so sein Name, nahm es mit nach Hause bis zum nächsten Malkurs nächsten Sommer.

Einmal durchatmen hieß es am Ostseestrand. Den Abschlußsonnenuntergang wollte niemand versäumen. Die Sonne machte es spannend. Wunderschön gestaltete sie ihren Auftritt in Karminrot. Am Himmel in Ultramarinviolettfarben tauchte sie in der See ein. Dieses herrliche Schauspiel und die zwei gelungene Wochen mit guten Malergebnissen galt es zu feiern. Flaschen mit Sekt und Wodka zu Räucheraal kreisten. Der Kommentar einer Teilnehmerin: "Wißt ihr eigentlich, daß man vom Lachen betrunken werden kann?" trug erheblich zu einer Steigerung der Heiterkeit bei. Alle hoffen nun auf ein Wiedersehen im nächsten Sommer, wenn Karina Stängle vom 28. Juli bis 11. August und vom 18. August bis zum 1. September zum siebten Mal Malen in der Sommerfrische von Nidden durchführt.

Interessierte erhalten weitere Informationen bei Karina Stängle, Rosmarinweg 11, 73733 Esslingen, Telefon / Fax (07 11) 3 70 10 45, oder Litauen-Reisen, Telefon (09 31) 8 42 34.


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