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17.02.07 / Heilige Anna auf Museumsinsel / Das "Bode-Museum" stellt ein Meisterwerk Tilmann Riemenschneiders als Neuerwerbung vor

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 07-07 vom 17. Februar 2007

Heilige Anna auf Museumsinsel
Das "Bode-Museum" stellt ein Meisterwerk Tilmann Riemenschneiders als Neuerwerbung vor
von Silke Osman

Als im Oktober vergangenen Jahres auf der Museumsinsel in Berlin das "Bode-Museum" wieder eröffnet werden konnte, da wurde vielen Kunstfreunden erst bewußt, welch ein Reichtum an Skulpturen dort versammelt ist. Allein der dem Holzschnitzer und Bildhauer Tilmann Riemenschneider (um 1460-1531) gewidmete Saal, der zu den schönsten des Museums gehört, ist mit der exquisiten Auswahl der Werke und ihrer Präsentation atemberaubend. Die Berliner Sammlung gehört neben der im "Mainfränkischen Museum Würzburg" und der des "Bayerischen Nationalmuseums München" weltweit zu den wichtigsten des spätgotischen Bildhauers. Zu sehen sind in Berlin unter anderem die "Vier Evangelisten" des Magdalenenaltars aus Münnerstadt, der heilige Matthias und die Muttergottes aus Tauberbischofsheim, einst noch von Wilhelm v. Bode erworben.

Daß diese qualitätvolle Sammlung nochmals zu toppen ist, hat selbst den Präsidenten der "Stiftung Preußischer Kulturbesitz", Klaus-Dieter Lehmann, noch in Erstaunen versetzt. Mit finanzieller Unterstützung der "Kulturstiftung der Länder", der "Ernst von Siemens Kunststiftung München" und der "Deutschen Bank" ist es den "Staatlichen Museen zu Berlin" jetzt gelungen, eine eigenhändige Arbeit Riemenschneiders aus Privatbesitz zu erwerben. Die in Lindenholz geschnitzte Gruppe der heiligen Anna mit ihren drei Ehemännern Joachim, Kleophas und Salomas ist 115 Zentimeter hoch und war vermutlich nicht farbig bemalt. "Das Besondere an diesem Werk", so der Riemenschneiderexperte und ehemalige Vizedirektor der Berliner Skulpturensammlung Hartmut Krohm, "ist nicht nur, daß im Vorfeld der Reformation bereits bewußt auf die farbige Fassung verzichtet wurde, sondern auch die inhaltliche Umdeutung, die Riemenschneider vornimmt." Der Legende nach war Anna, die Mutter der Jungfrau Maria, nach Joachim noch mit zwei anderen Männern verheiratet. Riemenschneider führt sie mit seiner Darstellung aus der Welt der Legenden heraus und zeigt sie als würdevolle Herren, die Zeugen der Menschwerdung Christi sind. Die "Heilige Anna" entstand um 1505 / 06 und stammt wahrscheinlich aus der Marienkapelle am Milchmarkt in Rothenburg ob der Tauber, die bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts abgerissen wurde. Zwei weitere Fragmente befinden sich im "Victoria and Albert Museum" in London und im "Württembergischen Landesmuseum" in Stuttgart. Im Rahmen eines Festaktes wird die Neuerwerbung nun erstmals am 19. Februar präsentiert und einen Tag später für die Öffentlichkeit freigegeben.

Tilmann Riemenschneider - den Namen kennt der Kunstfreund gemeinhin. Über das Leben des Mannes, der so wundervolle Figuren mit ausdrucksstarken Gesichtern aus sprödem Holz zu schnitzen wußte, weiß man jedoch meist nicht allzu viel. Geboren wurde er um 1460 im thüringischen Heiligenstadt als Sohn eines Münzmeisters. Als Tilmann fünf Jahre alt war, zog die Familie in den Harz nach Osterode. Vermutlich in Straßburg und in Ulm erlernte er das Bildhauer- und Bildschnitzerhandwerk. Später begab er sich als Geselle auf Wanderschaft, die ihn erstmals nach Würzburg führte, aber auch nach Schwaben und an den Oberrhein, wo er Martin Schongauer kennenlernte, der seine Arbeit prägen sollte. 1483 schließlich wurde er als Malerknecht in die Zunft der Maler, Bildhauer und Glaser aufgenommen. Nachdem er die Witwe eines Goldschmiedemeisters geheiratet hatte, kam auch er zu Meisterehren. Riemenschneider heiratete viermal und entwickelte viel Geschäftssinn aber auch Kunstfertigkeit. Er war bald ein geachteter Bürger Würzburgs und von 1520 bis 1524 sogar Bürgermeister der Stadt. Er besaß mehrere Häuser, Weinberge und eine gut gehende Werkstatt. Im Deutschen Bauernkrieg (1524-1526) unterstützte er die Bauern gegen den Landadel und wurde auf der Feste Marienberg festgesetzt und wohl auch gefoltert. Der Legende nach sollen ihm beide Hände gebrochen worden sein und er nachher nie mehr habe arbeiten können. Teile seines Vermögens wurden eingezogen. Der offensichtlich gebrochene Mann führte nach seiner Entlassung bis zu seinem Tod am 7. Juli 1531 ein zurückgezogenes Leben. Der Künstler Tilmann Riemenschneider geriet alsbald in Vergessenheit. Erst als 1822 seine Grabplatte wieder aufgefunden wurde, erinnerte man sich seiner.

Das Bode-Museum ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 22 Uhr geöffnet.

Foto: Tilmann Riemenschneider: Bildnis der heiligen Anna mit ihren drei Ehemännern (Lindenholz, um 1510)


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