© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 08-07 vom 24. Februar 2007

Blutrote Flaneure
von Harald Fourier

Meine neue Nachbarin ist glücklich. Sie kommt aus dem Umland und hat den Sprung in die Großstadt geschafft: Seit letztem Herbst hat sie einen Job an einer Berliner Bühne, wo sie als Kostümschneiderin arbeitet - für viele junge Mädchen der Traumjob schlechthin.

Darauf hat sie sich neben der Schule vorbereitet, hat ein Praktikum absolviert. Als sie dann den Ausbildungsplatz erhielt, hat sie sich mächtig gefreut, schließlich gibt es regelmäßig sehr viel mehr Bewerber als freie Plätze.

Das hätte sie auch einfacher haben können. Sie hätte nur Terroristin werden müssen. Kein Scherz: Die neue RAF-Debatte treibt immer neue Blüten. Eine davon war das Jobangebot des Berliner Ensembles (BE) an den Ex-RAF-Mann Klar. BE-Chef Claus Peymann hatte Klar bereits 2005, als seine Entlassung noch in weiter Ferne lag, öffentlich das Angebot unterbreitet, als Bühnentechniker bei ihm anzufangen.

Dieses Angebot an Klar war bereits heiß diskutiert, als diese Woche eine neue "RAF-Bombe" platzte: Eva Haule (52) absolviert in Berlin ebenfalls gerade ein RAF-Resozialisierungsprogramm.

Die verurteilte Dreifachmörderin spaziert am hellichten Tag durch die Hauptstadt, sitzt am Rosenthaler Platz im Café, studiert an einer Fotoschule in der Brunnenstraße. Abends fährt sie mit der U-Bahn zurück ins Frauengefängnis Neukölln, wo sie im offenen Vollzug einsitzt. So pendelt sie schon seit fast drei Jahren. Die Fotoschülerin durfte auch schon einmal im Berliner Abgeordnetenhaus Fotos erstellen. Werden wir sie demnächst vielleicht auch im Bundestag sehen?

Haule galt zeitweise als ranghöchste RAF-Frau und ist verantwortlich für den Tod von drei Menschen. Plus 23facher Mordversuch. Demnächst könnte sie - nach 21 Jahren Haft - freikommen. Schon jetzt wird sie darauf vorbereitet.

Für die Terroristin Mohnhaupt, deren Freilassung bereits beschlossene Sache ist, macht sich bereits ein großer Unterstützerkreis warm: Wie die "Bild"-Zeitung herausgefunden hat, haben ihr Sympathisanten bereits ein "Haus im Grünen" sowie Jobs und Bargeld angeboten. Ein Mohnhaupt-Fan alleine will ihr 20000 Euro zukommen lassen, damit sie nicht von Hartz IV leben müsse! Ein anderer will helfen, ein Buch zu schreiben.

Wenn Privatpersonen so etwas tun - bitte. Schon den Bankierssohn Tom Koenigs konnte in den 70er Jahren niemand daran hindern, sein Erbe dem Vietcong zu spenden. (Koenigs' Karriere als deutscher Topdiplomat hat das später nicht geschadet.)

Aber müssen wir mit unseren Steuergeldern, die ja auch ans Berliner Ensemble fließen, die Luxusresozialisierung von Typen wie Christian Klar mitfinanzieren?


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