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17.03.07 / Aus Liebe zur Heimat / Der Roman "Der Fundamentalist, der keiner sein wollte" auf Erklärungssuche

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 11-07 vom 17. März 2007

Aus Liebe zur Heimat
Der Roman "Der Fundamentalist, der keiner sein wollte" auf Erklärungssuche
von Rebecca Bellano

Nein, Erica sei nicht schwach. "She ist a novelist like me!" (Sie ist Romanautorin wie ich!) Entschieden verteidigt Mohsin Hamid seine weibliche Hauptfigur in "Der Fundamentalist, der keiner sein wollte". Der 1971 in Pakistan geborene Autor stellt bei Hoffmann und Campe in Hamburg an der Binnenalster sein neues Buch vor. Einen Roman, den er schon 2000 begonnen hatte, der aber nach den Ereignissen des 11. September 2001 von der Realität eingeholt wurde, so dachte der Autor erst. Doch dann hat er festgestellt, daß das Thema damit keineswegs überholt ist.

Auf einem Platz in Alt-Anarkali, der Altstadt von Lahore, begegnen sich in einem Café der Pakistani Changez und ein Amerikaner. Diesem Amerikaner erzählt Changez in einem langen Monolog seine Geschichte, eine Geschichte, die durchaus etwas Exemplarisches hat.

Changez studierte in den USA an der Elite-Universität Princeton. Den westlichen Idealen nachstrebend, erlangt er gleich nach dem Abschluß eine Anstellung bei einer Elite-Unternehmensberatung. Changez lebt den "american way of life", zumindest oberflächlich. Privat verliebt sich der zurückhaltende, hochintelligente Pakistaner in die reiche Amerikanerin Erica. Die scheue, in sich gekehrte junge Frau trauert um ihren an Krebs verstorbenen Freund. Ihre verletzliche Trauer zieht den jungen Mann an, die beiden werden ein Paar, doch sie führen eine "Dreierbeziehung" mit Ericas totem Freund. Genauso wie Changez Erica nicht voll für sich gewinnen kann, kann er auch Amerika nicht vollständig in sich aufnehmen.

Dann zerstört der Angriff auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 plötzlich das Weltbild des jungen Pakistani. Auf einmal muß er sich entscheiden und stellt schockiert fest, daß seine erste Reaktion auf die Fernsehbilder ein Triumphgefühl war. Plötzlich hat er das Gefühl, sich zu positionieren.

In seinem Urlaub fliegt Changez trotz eines drohenden Angriffs durch die Amerikaner in seine Heimat. Auf den ersten Blick kommt ihm dort alles schäbiger vor als vorher. Und überhaupt nimmt er plötzlich Dinge wahr, die er sonst nie festgestellt hatte - besonders auf seinem Rückflug in die Vereinigten Staaten. "Auf dem Flug fiel mir auf, wie viele meiner Mitreisenden in meinem Alter waren: Studenten und junge Männer mit gehobenen Berufen, die nach den Ferien zurückflogen. Das empfand ich als Ironie; vor drohenden Schlachten sollten Kinder und Ältere fortgeschickt werden, hier aber gingen die Stärksten und Klügsten, diejenigen, die früher am ehesten hätten bleiben sollen. Verachtung mir selbst gegenüber erfüllte mich ..."

Für Changez ist nichts mehr, wie es war. "Es ist beachtlich, was für eine Wirkung ein Bart angesichts seiner physischen Belanglosigkeit - schließlich ist es ja nur eine Haartracht - bei einem Mann meiner Hautfarbe auf Ihre Landsleute hat. Mehr als einmal wurde ich in der U-Bahn, wo ich immer das Gefühl gehabt hatte, mich nahtlos einzufügen, von wildfremden Menschen wüst beschimpft." Bei der Arbeit wird über ihn getuschelt, allein seine Herkunft macht Changez, für den Religion nie eine große Rolle gespielt hat, plötzlich verdächtig.

Der Autor Mohsin Hamid hat in seiner Hauptfigur Changez durchaus einiges von seiner eigenen Vita mit verarbeitet. Auch der Autor hat in Princeton und Harvard studiert und arbeitete in New York, doch im Gegensatz zu Changez ist er nicht zurück nach Pakistan. Hamid lebt heute in London, fährt nur im Urlaub in seine Heimat. "Zuhause ist dort, wo ich Freunde habe", so der auch als Journalist für den "Guardian" und die "Times" Tätige. Doch vielleicht lebt Mohsin Hamid in Changez eine Option aus, die er selbst auch hätte wählen können: ein westlich orientierter Intellektueller, der aus reiner Heimatverbundenheit in Pakistan als Universitäts-Dozent die Interessen seines Vaterlandes verteidigt?

Eher nicht, dafür ist Hamid zu feinsinnig, er liebt es zu differenzieren und abzuwägen. Wobei die Hauptfigur Changez auch den Drang hat, sich zu erklären, sonst würde er dem - als Romanfigur übrigens völlig im Hintergrund bleibenden - Amerikaner nicht seine Beweggründe erläutern und um Verständnis werben.

"Der Fundamentalist, der keiner sein wollte", weiß auf jeden Fall, seinen westlichen Lesern seine Motive verständlich zu machen.

Mohsin Hamid: "Der Fundamentalist, der keiner sein wollte", Hoffmann und Campe, Hamburg 2007, geb., 189 Seiten, 17,95 Euro, Best.-Nr. 6091

Foto: Ein pakistanischer Amerikaner? Wie sein Romanheld studierte der Autor in Princeton.


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