09.12.2021

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
17.03.07 / Depeschen von Feuer und Wasser / Serie: Die Geschichte der Kommunikation / Teil II

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 11-07 vom 17. März 2007

Depeschen von Feuer und Wasser
Serie: Die Geschichte der Kommunikation / Teil II
von Klaus J. Groth

Frühe Gehversuche machte die Telegrafie in Berlin. London war eine ebenso technisch aufgeschlossene Stadt. Aber eine Kommunikation miteinander war nicht möglich. Zwischen Brüssel und Aachen fehlte die Leitung. Das Telegrafenbüro Reuter schloß die Lücke. Es setzte dafür Tauben ein. So kam eine Nachricht telegrafisch von Berlin nach Aachen, wechselte dort über in die Taubenpost bis Brüssel und legte den Rest des Weges wieder telegrafisch bis London zurück.

Die Rauchzeichen der Indianer, die Feuerdepeschen der Perser und Griechen standen am Anfang der Telegrafie. Schnell wie Lauffeuer sollte eine Nachricht die Distanzen überwinden. Der griechische Dichter Aischylos (525-456 v. Chr.) schilderte in seinem Drama "Agamemnon", wie die Kunde vom Fall Trojas als Feuerdepesche den Weg von Troja nach Mykene bewältigte: "Von Feuer zu Feuer flog hierher die Flammenpost ..." Und das auf einem Weg von über 500 Kilometern Länge. Auf Bergkuppen und Inseln warteten Posten neben Holzstapeln und Reisighaufen auf das Zeichen des vorherigen Postens, um ihr Feuer zu entzünden.

Der Nachteil dieser Methode: Es konnte nur eine zuvor verabredete Nachricht signalisiert werden. Doch mit Licht ließ sich auch anders "schreiben". Als die Griechen begannen, Fackeln und Laternen für ihre Telegrafie einzusetzen, verringerten sich zwar die Distanzen, dafür wurden die Mitteilungen vielfältiger. Der griechische Geschichtsschreiber Thukydides (470-402 v. Chr.) hat die Bedeutung von Fackelzeichen notiert: Still in die Höhe gehaltenes Licht = Verbündete oder Ersatz kommt; geschwenkte Fackel = Feind kommt; Kreisen der Fackel = Landung feindlicher Schiffe.

Sehr viel komplizierter, aber auch mitteilsamer war eine Vorrichtung, die Feuer und Wasser kombinierte. Darüber berichtet der griechische Geschichtsschreiber Polybios (204-122 v. Chr.). Benötigt wurden zwei vollkommen identische Tongefäße mit einer großen Öffnung. Auf den mit Wasser gefüllten Töpfen schwammen - wieder identisch - Korkplatten, in der jeweils ein Stab steckte, der in gleiche Felder eingeteilt war. Auf jedem dieser Felder "aber sei eine deutliche Aufschrift; es sollen darauf alle etwaigen Kriegsvorfälle bezeichnet sein ..., wie zum Beispiel: Reiter sind ins Land eingefallen, schweres Fußvolk, Leichtbewaffnete, Schiffe, Proviant ..." Jeder der Töpfe hatte einen Abfluß, den ein Pfropfen verschloß. Beim Sender und beim Empfänger befand sich jeweils ein Topf. Auf ein Fakkelsignal des Senders hin entfernten Sender und Empfänger den Pfropfen, das Wasser floß ab, bis auf ein neuerliches Signal beide Stationen den Abfluß des Wassers stoppten. Nun konnte der Empfänger auf dem abgesunkenen Stab lesen, welche Botschaft ihm mitgeteilt werden sollte. Ein solches System soll immerhin schon 400 v. Chr. zwischen Karthago und Syrakus funktioniert haben.

Den Römern fehlte für eine derartige Nachrichtentechnik die Antenne. Sie hielten Sklaven als Boten für effektiver. Das Mittelalter schaute mehr in sich hinein als hinaus in die Welt und hatte wenig Bedarf an geschwind verbreiteten Nachrichten. So entstand erst einmal in der Entwicklung der "Telegrafie" eine sehr lange Pause.

Die Entwicklung des Fernrohres Anfang des 17. Jahrhunderts weckte noch einmal kurz das Interesse an der Fackeltelegrafie, aber recht erwärmen mochten sich nur ein paar Tüftler dafür. Nahezu zwei Jahrhunderte mußten noch vergehen, ehe die optische Telegrafie wieder auf Sendung ging. Dann aber passierte alles sehr schnell und an mehreren Orten gleichzeitig. Die Fernschreiber der Neuzeit wurden den antiken Fackelschwingern zu Ehren auch Telegrafen genannt, abgeleitet aus dem griechischen "telos" und "graphein", was "fern" und "schreiben" bedeutet.

Doch diese Namensgebung erfolgte erst später. Der Konsistorialrat Bergsträßer nannte sein Gerät noch "Synthematograph", den Signalschreiber. Das traf die Möglichkeiten der in jener Zeit entwickelten Geräte sehr viel genauer. In der Wahl der Signalgeber kannte die Phantasie des Rates Bergsträßer kaum Grenzen: Rauch, Glocken. Explosionen, Musik, Uhrzeiger, Flaggen - nichts schien ihm unmöglich. An der Königlichen Militärakademie in Berlin wurden ähnliche Gedanken entwickelt.

In einem Journal schwärmte 1794 der Leipziger Privatgelehrte Buschendorf über die schöne neue Medienwelt. Der Direktor eines Telegrafen verkürze jede Nachricht auf ihren wesentlichen Gehalt, indem er abgeschmackte Titel und Höflichkeiten fortlasse: "Den drey Quartalseiten langen Brief einer sehnsuchtsvollen Mutter an ihren entfernten Sohn, in welchem sie diesen ermahnt, bittet und beschwört zu ihr, und zu der liebes-kranken Braut Friederike, die ihm tausend Grüße und hunderttausend Küsse mit beygelegt hat, zurückzukommen, drängt er in sechs Worte oder zehn Silben zusammen und schreibt: Son ich und Friederike bangen: Komm!"

Die sehnsuchtsvolle Mutter mußte noch länger bangen, denn als die ersten telegrafischen Verbindungen gebaut waren, wurden über sie Befehle erteilt, nicht geschmachtet. Schließlich wurde der Bau der ersten Telegrafenlinie am 26. Juli 1793 so begründet: Mit diesem Nachrichtensystem werde eine "einheitliche, planmäßige Leitung der an verschiedenen, weit voneinander entlegenen Kriegstheatern operierenden Heere möglich". Mit dieser Begründung beschloß die Nationalversammlung in Paris die optische Telegrafenlinie von Paris nach Lille.

Für die Stationen wurden Türme gebaut oder hohe Dächer genutzt. Heraus ragte ein Mast mit schwenkbaren Flügeln. Später in Preußen gebaute Signalmasten besaßen drei Flügelpaare, mit denen theoretisch 4096 verschiedene Signale gegeben werden konnten. Während einer der beiden Telegrafisten, mit der jede Station besetzt war, die Signalflügel bediente, beobachtete der andere die signalgebende Station durch ein Fernrohr.

Die Anforderungen an die Telegrafisten nannten die "Preußischen Telegrapheninstructionen": "Das Telegraphieren ist keineswegs ein so leichtes Geschäft, daß es von einem Jeden, der nur dazu abgerichtet wird, betrieben werden könnte ... ein guter Telegraphen-Beamter muß ein Mann von gesundem unbefangenen Urtheil sein, dem Beobachtungsgeist nicht abgeht; er muß sein Geschäft mit angestrengter Aufmerksamkeit auf Alles was dabei vorkommt oder Einfluß darauf üben kann, mit großer Ruhe und Besonnenheit betreiben ..." Die Dienstvorschrift verlangte, zur Schonung innerhalb einer Minute mehrmals das Auge vom Sehrohr zu nehmen. Wer sich versah, mußte mit einer Geldbuße an die Staatskasse rechnen.

Die verschlüsselt gegebenen Nachrichten wurden erst am Endpunkt entschlüsselt. Das preußische Codebuch umfaßte 2200 Begriffe. Die Übermittlung einer Nachricht von Berlin nach Koblenz und deren Bestätigung dauerten 15 Minuten.

Die Linie Berlin-Koblenz war 1834 auf Vorschlag des Geheimen Postrats Carl Philipp Heinrich Pistor gebaut worden. Sie war die längste Telegrafenlinie der Welt. Die 62 einzelnen Stationen standen etwa 15 Kilometer voneinander entfernt.

Spät kam die optische Telegrafenlinie, und sie blieb nicht lange. Bereits 1848 nahm der elektrische Telegraf zwischen Berlin und Köln den Betrieb auf. Das war das Ende der handgemachten Signale.

Lesen Sie in der nächsten Folge: Die Massenkommunikation beginnt.

Foto: Preußische Telegrafenstation 1845: Die Dienstvorschrift verlangte, zur Schonung innerhalb einer Minute mehrmals das Auge vom Sehrohr zu nehmen.


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabo bestellen Registrieren