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17.03.07 / Zwischen Hufschlag und Moderne / Polens Kultur-Metropole Krakau: Eine alte Hauptstadt erfindet sich neu

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 11-07 vom 17. März 2007

Zwischen Hufschlag und Moderne
Polens Kultur-Metropole Krakau: Eine alte Hauptstadt erfindet sich neu
von Thomas Voigt

Der Hufschlag der Kutschpferde hallt vom Kopfsteinpflaster durch die Straßenschlucht. Schmiedeeiserne Straßenlaternen werfen gelbschummriges Licht auf die mittelalterliche Real-Kulisse. Beinahe im Minutentakt chauffieren die Kutscher Touristen durch die romantische alte Königsstraße, polnisch Ulica Grodzka, zum imposanten Wawelhügel, weiter ein Stück am Weichselufer entlang und zurück zum Marktplatz - bis in die Abendstunden. Krakaus Hauptmarkt mit 200 mal 200 Metern Fläche gilt als größter mittelalterlicher Platz Europas. 1978 wurde Polens ehemalige Hauptstadt von der Unesco zu einem der zwölf bedeutendsten architektonischen Komplexe der Welt gekürt. Wen wundert es da, daß Krakau das von Touristen aus dem In- und Ausland mit Abstand meistbesuchte Ziel in Polen ist.

Postsozialistischen Mief muß man hier lange suchen. Allenfalls in der Hauptpost wird man fündig, wo militante Schalterbeamte noch trotzig über Briefmarken herrschen. Die übrige Stadt ist aufgeweckt bis hellwach. Sie hat längst erkannt, was in ihr steckt, bietet ihren Besuchern allerorts Ansprechpartner, die gut Englisch können: der Taxifahrer, der Portier, die Kellnerin, der Optiker, der Andenken-Händler, das Mädchen im Zigaretten-Billigladen.

Gut 15 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs präsentiert sich das altehrwürdige Krakau weltoffen, jung und modern.

170000 Studenten leben im Großraum Krakau und gewährleisten ein pulsierendes Kulturleben mit Theater, Kleinkunst, Galerien, Musik und Mode. Zudem hat im Herbst mit der Galeria Krakowska direkt neben dem Hauptbahnhof Polens größtes Einkaufszentrum eröffnet. Betrieben von deutschen Investoren, unterscheidet es sich durch nichts von den Shopping-Tempeln westlicher Metropolen. Krakaus kulinarisches Angebot reicht von heimischer Küche über italienische, spanische, deutsche oder chinesische Restaurants bis zu Sushi-Bars, Fast-Food-Ketten und dutzendweise Döner-Buden.

Die etwa 1500 mal 800 Meter große Altstadt ist begrenzt durch einen rechteckig angelegten Grünstreifen, der die im 19. Jahrhundert niedergerissene Stadtmauer ersetzt. Nahezu sämtliche Gebäude dieses als Fußgängerzone ausgewiesenen Gebiets - Ausnahme: Pferdekutschen - sind von historischem Wert. Allein am Hauptmarkt kann man getrost einen ganzen Tag verbringen. Die Tuchhallen in der Mitte, über die Jahrhunderte in mehreren Baustilen entstanden, fesseln mit Unmengen von Bernsteinschmuck, gläsernem Kunsthandwerk und einer Abteilung des Nationalmuseums. Etwas seitlich am Rande des Platzes blieb die winzige Adalbertkirche erhalten, eine der wichtigsten archäologischen Ausgrabungsstätten.

Am nordöstlichen Rand des Marktes erhebt sich die bis 1537 deutsche Marienkirche mit ihren zwei gänzlich unterschiedlichen Turmspitzen, eines der Wahrzeichen der Stadt. Für sie schuf der Nürnberger Meister Veit Stoß sein Lebenswerk, den monumentalen Triptychon-Altar aus Lindenholz. Ebenfalls auf dem Hauptmarkt nahe den Tuchhallen steht der einsame Turm des im 19. Jahrhundert niedergerissenen Rathauses. Der Wawelhügel am Rand der Altstadt war bereits im 8. Jahrhundert Regierungssitz im Staat der Wislanen. Heute thronen hier das königliche Renaissanceschloß mit malerischem Schloßhof und die Wawel-Kathedrale. Jahrhundertelang wurde Polen von hier regiert, bevor um 1600 die Hauptstadt nach Warschau verlegt wurde.

Der heute südöstliche Stadtteil Kazimierz war lange eine eigene Stadt. Hier ist polnisch-jüdische Geschichte in engen Straßen und Marktplätzen, kleinen Wohnhäusern, Synagogen und jüdischen Friedhöfen sichtbar. Nach dem Holocaust war dieser Stadtteil zunächst entvölkert und verfiel. Ein markanter Wendepunkt wurde der Kinofilm "Schindlers Liste", den Star-Regisseur Steven Spielberg hier drehte. Über Nacht war Kazimierz wiederentdeckt und entwickelte sich schnell zum intellektuellen und künstlerischen Zentrum der Stadt, wo nicht nur Klezmer-Musik erklingt.

Unzählige neue Cafés, Clubs und Kunststätten ziehen diejenigen Besucher an, denen Krakaus Hauptmarkt und seine Umgebung schon zu überlaufen sind. Exklusive Hotels und Restaurants grenzen hier an Werkstätten von Modemachern, Schustern oder Graveuren, neben religiösen Kultstätten gibt es Bühnen wie das Laznia-Theater, wo wegweisende Projekte realisiert werden. Seit Mitte der 90er Jahre findet in Kaszimierz das inzwischen international anerkannte Jüdische Kulturfestival statt.

Wer es zeitlich einrichten kann, unternimmt einen Ausflug in das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, zum Salzbergwerk Wieliczka oder zum früheren sozialistischen Vozeige-Stahlwerk Nowa Huta mit angrenzenden Arbeitersiedlungen. Angebote örtlicher Unternehmen gibt es in der Tourist-Information hinter der Marienkirche, darunter auch von "Crazy Guides" eine "Kommunismus-Tour": Sie führt stilecht im DDR-Trabi nach Nowa Huta, dann weiter in ein "Ostblock-Restaurant" und schließlich in eine seit 1970 unveränderte Arbeiterwohnung.

Foto: Der Hauptmarkt: Krakau wurde 1978 von der Unesco gekürt.


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