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17.03.07 / Der Wochenrückblick mit Klaus J. Groth

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 11-07 vom 17. März 2007

Keine Flug-Mangos / ... und andere Rezepte zur Rettung der Welt / Was die elektrische Zahnbürste mit der globalen Verdampfung zu tun hat
Der Wochenrückblick mit Klaus J. Groth

Neulich am Bahnübergang, die Schranke ist geschlossen. Das kommt hier häufiger vor. Meist dauert es etwas länger, ehe sie sich wieder heben. Das weiß jeder, der hier auch nur ab und zu entlang fährt. Und diejenigen, die es nicht wissen, mahnt ein Schild: Bitte den Motor abstellen. Klar, das kennt man, wegen der Umwelt und so. Als zweiter Wagen in der reichlich langen Schlange wartet ein grün-weißer VW-Bus. "Bundespolizei" steht darauf. Am Steuer sitzt eine sehr junge Frau, blond, Pferdeschwanz, niedlich. Wie aus einer Vorabendserie des Fernsehens entliehen. Neben ihr ein älterer Kollege. Er spricht, und was er sagt, wirkt in Mimik und Gestik nicht gerade dienstlich, eher wie Süßholz. Der Motor des Wagens läuft. Das ist besonders gut auszumachen, weil der Wagen davor und alle nachfolgenden Wagen mit ausgeschaltetem Motor warten.

In der Zeitung stand, wie toll die Angela Merkel das auf der EU-Gipfel gemacht habe. Alle alten Knaben um den Finger gewickelt und auf erneuerbare Energien verpflichtet. Auch wenn die alten Knaben gar nicht wollten, zugestimmt haben sie. Und mit dem Energiesparen, stand weiter in der Zeitung, müsse jeder bei sich beginnen. Unbedingt und sofort. Weil anderenfalls die Erde einen Hitzekollaps erleide. Da müßte jedem zumindest ein Energiesparlicht aufgehen. Aber vielleicht lesen die bei der Bundespolizei keine Zeitung mehr. Weil das Dienstexemplar weggespart wurde. Dann kann man selbstverständlich auch nicht wissen, daß man den Motor abschalten muß, will man die Erde retten.

Und überhaupt, erstmal sind die anderen dran. Da fallen einem so viele schöne Dinge ein, wie die anderen durch Verzicht die Welt vor dem Verdampfen retten können. Als sei ein Wettbewerb ausgeschrieben: Wer hat den lustigsten Einfall? Er muß ja nicht unbedingt neu sein. Auch der Ladenhüter, den schon vorgestern niemand haben wollte, darf aus der untersten Schublade wieder hervorgekramt werden. Was sich da nicht wieder alles anfindet! Richtige Klassiker sind dabei! Der autofreie Sonntag (war das schön, mit der Ponykutsche auf der Autobahn). Das Tempolimit (weil alle anderen immer zu schnell fahren). Die zu lange aufgeladene elektrische Zahnbürste (sowieso überflüssig). Die zu heiß gewaschene Wäsche (weil porentiefe Reinheit ohnehin nur die Farben ausbleicht). Der Wäsche-trockner (vollkommen daneben, wer luftgetrockneten Öko-Schinken bevorzugt, kann auch seine Wäsche auf die Leine hängen). Käse essen (ganz schlimm, weil besonders klimaschädlich. Man hat es geahnt: In jedem Loch im Käse steckt ein Klimakiller.). Pupsen (Entschuldigung, aber es muß einmal gesagt werden, pupsen ist schlimm. Vieh erzeugt Methan und Methan ist ein 23mal stärkeres Klimagas als Kohlendioxid. Demnach ist eine Kuh gefährlicher als ein VW-Touareg. Man muß es nur entsprechend berechnen). Und dann diese meist vollkommen überflüssigen Bewegungen von einem Ort zum anderen (bei der Deutschen Bahn kann man sich bei der Buchung im Internet ausrechnen lassen, wie viel Energie pro Fahrgast benötigt wird - im Vergleich zu Flugzeug und Auto. Klar, daß die Bahn dabei gut abschneidet. Allerdings sähe das anders aus, wenn auch der Bus mit einbezogen würde. Jeder rechnet sein Klima eben anders schön).

Ja, und dann das Fliegen. Alle wollen fliegen. Sogar die Mango, die unser Obsthändler auf dem Wochenmarkt anbietet. Wie lange er das noch darf, ist ausgesprochen zweifelhaft. "Flug-Mango" nennt er die Dinger, und damit erklärt er deren sündhaft hohen Preis. Sie dürfen nämlich, sagt der Obsthändler, am Baum reifen, bis sie nach der Ernte direkt zum Verbraucher geflogen werden. Was könnte ich an Treibhausgas sparen, verzichtete ich auf diese Mango. Man sollte den Mango-Verzicht in kleine Öko-Fleißkärtchen eintragen. Da kann man dann Energiesparpunkte sammeln, so wie andere Leute Rabattmarken. Wer genügend Punkte beisammen hat, weil er keine Mango aß oder die Zähne von Hand putzte, der darf in den Urlaub reisen, allerdings nur im Umkreis von 70 Kilometern, das ist noch mit dem Fahrrad zu bewältigen.

Auf keinen Fall dürfte man allerdings mit dem Flugzeug in die Ferien. Auf den Ferienfliegern hakken jetzt alle rum. Das gehört sich so. Auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin durften zwar die Ferienmacher noch einmal zeigen, wie schön ferne Strände sind, wie dauerhaft die Sonne scheint und wie zauberhaft die Mädchen die Hüften wiegen, aber drauf fliegen darf keiner mehr. Fliegen ist noch schlimmer als Pupsen.

Eines allerdings hat noch niemand berechnet: In welchem Maße die abgesonderte heiße Luft dieser Debatte zur Erderwärmung beiträgt. Das aufgeregte Flattern und hektische Hecheln der aktuellen Diskussion sorgt für Verwirbelungen der Luft, deren schädliche Auswirkungen noch gar nicht erkannt sind.

Das ist insofern verwunderlich, als alle diese hervorgekramten Ratschläge keinesfalls für sich in Anspruch nehmen können, neu zu sein. Alle wurden schon mindestens einmal - häufiger schon mehrfach - in die Auslage gestellt. Von den gleichen Untergangspropheten und Welterrettern, die es auch jetzt wieder tun. Mit den gleichen Argumenten. Und mit der gleichen Unbelehrbarkeit. Jeder kennt seine Argumente und keiner will die des Anderen hören: Meine Lust am Untergang lasse ich mir von niemandem kaputt machen. Und der Irrtum, der haftet immer nur an den anderen.

Weshalb folglich die anderen erzogen werden müssen. Pauschal und in Bausch und Bogen! Alle! Ohne Ausnahme! Sie meinen es ja nur gut - mit den anderen, die Abgeordneten in Berlin. Tag und Nacht quälen sie die Sorgen um unsere erwärmte Luft und um unsere verqualmte Luft. Aus übergroßer Sorge überzogen sie das Land mit einem flächendeckenden Rauchverbot. Und selbstlos, wie sie sind, vergaßen sie beim großen Verbieten, Untersagen, Anordnen - also bei der ganz alltäglichen Gängelung - sich selbst. Während jeder Bahnhof zur "Rauchfreien Zone" wird, für die selbst eine

Dampflok eine Ausnahmegenehmigung benötigte, bleibt der Bundestag "Verbotsfreie Zone". Da kann die Regierung beschließen, was sie will, die Parlamentarier beharren auf ihrem "Recht auf Rauch". Ein souveräner Abgeordneter sei an die Entscheidungen der Regierung nicht gebunden, wird argumentiert. So ähnlich war es auch schon aus dem Europa-Parlament zu hören, von wo das Verlangen nach rauchfreien Ländern gekommen sein soll.

Doch sollte man so kleinlich sein und den mühevoll beladenen Abgeordneten nicht diesen belanglosen Sonderstatus zubilligen? Gewissermaßen zu Studienzwecken im Selbstversuch? Woher sonst sollten sie wissen, von welchem Laster die Bürger zu befreien sind? Nur wer den würgenden Raucherhusten am Morgen kennt, der weiß, was rauchende MdB's für die Bürger leiden. Wie sonst sollten sie "die Menschen im Lande mitnehmen" (so reden sie wirklich), wenn sie nicht um deren Leiden wüßten?

Norbert Lammert muß als Präsident des Bundestages von Amtswegen ein Herz für Parlamentarier haben. Andererseits hat er wohl verstanden, daß er ihnen nicht zubilligen kann, was "den Menschen draußen im Lande" generell untersagt wird. Man werde das Verbot im Bundestag wohl nicht "mit polizeilichem Vollzugseifer" kontrollieren, ließ er eine kleine Hoffnung aufkeimen. Für die Abgeordneten, wohlgemerkt, nicht für "die Menschen draußen im Lande".

Die allerdings, und damit sind wir wieder am Beginn dieser Wochen-Betrachtung, sind auch gehalten, an der geschlossenen Schranke den Motor ihres Autos abzustellen. Selbst wenn der "polizeiliche Vollzugseifer" nicht ausgeprägt ist.

PS: Selbstverständlich passierten in dieser Woche ein paar Dinge mehr. In Hamburg fanden die Sozialdemokraten sogar einen Bürgermeisterkandidaten. Da wir aber sowieso bald alle verdampfen, ist das ziemlich egal.

(Hans Heckel hat ein paar Tage Auszeit genommen, deswegen übernahm PAZ-Autor Klaus J. Groth vertretungsweise den Wochenrückblick.)


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