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19.05.07 / Nur die halbe Wahrheit / Nach der Kriminalstatistik 2006 wäre Deutschland eines der sichersten Länder

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 20-07 vom 19. Mai 2007

Nur die halbe Wahrheit
Nach der Kriminalstatistik 2006 wäre Deutschland eines der sichersten Länder
von Mariano Albrecht

Zufrieden äußerte sich Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble über die von ihm vorgelegte Kriminalstatistik für das vergangene Jahr. Deutschland gehöre zu den sichersten Ländern der Welt, so der Minister. Mit 6304223 Straftaten sei die Kriminalität im Vergleich mit dem Vorjahr um 1,4 Prozent zurückgegangen. Frankfurt ist mit 16378 Straftaten pro 100000 Einwohner das kriminellste Pflaster auf deutschem Boden gefolgt von Hannover, Düsseldorf und Bremen. Berlin, die schrille Hauptstadt mit ihren Problemstadtteilen Wedding, Kreuzberg und Neukölln, liegt an fünfter Stelle der Gefahrenliste, das feine Hamburg mit dem Rotlichtstadtteil St. Pauli, wo sich Zuhälter, Menschenhändler und Drogenbosse tummeln, liegt sogar noch dahinter. Wer das Papier genauer unter die Lupe nimmt, stößt auf Fragen. Insgesamt, so die Statistik, ist zum Beispiel die Drogenkriminalität weiter rückläufig. Im Vergleich zum Vorjahr um 7,8 Prozent, klingt nicht schlecht. Allerdings schweigt sich die Polizei hartnäckig aus, wie häufig sie an bekannten Drogenumschlagplätzen tatsächlich eingreift. Was an Häfen und Grenzen passiert, fällt unter die Zuständigkeit des Zolls. Der Polizei gehört die Straße, Beispiel Hamburg: Im Stadtteil St. Georg befindet sich das sogenannte Drogenberatungszentrum "Drob In"; hier soll Drogenabhängigen der Ausstieg aus der Sucht erleichtert werden. In der Realität sieht es so aus, daß den meist Heroinabhängigen hier Räumlichkeiten und saubere Spritzbestecke zum Drogenkonsum zur Verfügung gestellt werden, Beratung auf Wunsch. Vor der Einrichtung ist ganztägig eine Menschentraube zu beobachten. Natürlich wird hier mit Rauschgift gehandelt. Ein Einsatzfahrzeug der Polizei steht bereit. Wie häufig es zu Festnahmen von Drogenhändlern im unmittelbaren Umfeld der Einrichtung kommt, ist Polizeigeheimnis. Wenn weniger eingegriffen und ermittelt wird, dann bleibt die Statistik natürlich sauber.

Ähnlich schwammig auch die Informationen über den Anteil von Ausländern am Verbrechensgeschehen in Deutschland. Die Statistik weist zwar einen Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger von 22 Prozent aus, auch daß türkische Staatsbürger unter allen ausländischen Straftätern mit 21,4 Prozent (107653) die Rangliste der nichtdeutschen Tatverdächtigen anführen, trifft jedoch keine Aussage über den Anteil von deutscher Straftäter, die einen Migrationshintergrund haben, bei jährlich zirka 120000 Einbürgerungen dürfte sich da noch einiges relativieren.

Lücken und Verschwommenes auch im Bereich der Wirtschaftskriminalität. Nicht unter den Punkt "Wirtschaftskriminalität im Zusammenhang mit Arbeitsverhältnissen" fallen die Ermittlungen der "Finanzkontrolle Schwarzarbeit", welche von Zoll und Polizei gemeinsam durchgeführt werden. Das sind 91820 abgeschlossene Ermittlungsverfahren, die nicht in die Kriminalstatistik einfließen, weniger kriminell sind diese Straftaten deshalb nicht. Beunruhigend ist die Zunahme von Mord und Totschlag. Im Jahr 2006 wurden mit 727 Tötungsdelikten zwar 77 weniger als im Vorjahr registriert, bei versuchtem Mord oder Totschlag schnellte die Zahl der Delikte jedoch nach oben, 1741 Fälle, 149 versuchte Tötungen mehr als im Jahr 2005. Besonders unter Jugendlichen ist eine zunehmende Verrohung und Gewaltbereitschaft zu verzeichnen. Insgesamt ging die Zahl der von Jugendlichen verübten Straftaten zwar um 2,1 Prozent auf 278 447 Fälle leicht zurück, bei den Gewaltdelikten war aber ein Zuwachs von 2,7 Prozent bei den Jugendlichen und 4,6 Prozent bei den Heranwachsenden zu verzeichnen. Wobei hier von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden kann, da besonders im Freizeit- und Schulbereich aus Angst vor Rache und Repressionen oft keine Anzeigen erstattet werden. Der Bundesvorsitzende der Polizeigewerkschaft, Wolfgang Speck, läßt durchblicken, daß es in Deutschland ein Defizit in der Vermittlung von menschlichen Werten gibt, Schuldzuweisungen an die Politik: "Wir glauben, daß die Verrohung auch damit einhergeht, daß das Verhältnis zur Unversehrtheit des Menschen, zur Gesundheit, zum Leben ein anderes geworden ist als in der Vergangenheit". Die heftigste Kritik an der Statistik kommt aus den Reihen der Polizei. Der Vorsitzende des Bundes deutscher Kriminalbeamter (BdK), Klaus Jansen, stellt die Erhebung in Frage, seit Jahren werde der Anstieg der Gewaltkriminalität festgestellt und von Politikern bedauert, ohne daß Gegenmaßnahmen ergriffen worden wären. Das liege schlicht daran, daß die Statistik nicht auf wesentliche Zusammenhänge hinweise. Zur Verbesserung der Aussagekraft und besseren analytischen Verarbeitung forderte der BdK, den Migrationshintergrund deutscher Tatverdächtiger festzuhalten. In der jetzigen Form diene die Kriminalstatistik der Polizei lediglich noch als Nachweis ihrer geleisteten Arbeit, statt analytische Grundlage für überfällige Kriminalstrategien zu sein. Innenminister Schäuble reagierte mit der Ankündigung eines gemeinsamen Projekts vom Innenministerium und dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen, eine repräsentative Dunkelfelderhebung durchzuführen, erste Ergebnisse erwarte man bis Jahresende.

Ob aus einer weiteren Statistik dann für den Bürger verständliche Informationen zu entnehmen sind, bleibt offen. Bis dahin bleibt dem Interessierten nichts weiter übrig, als wie gewohnt zwischen den Zeilen zu lesen.

 

Zeitzeugen

Winston Churchill - Der Literaturnobelpreisträger war von 1940 bis 1945 und von 1951 bis 1955 Großbritanniens Regierungschef. Ihm wird das Zitat zugeschrieben: "Traue keiner Statistik, die Du nicht selber gefälscht hast." Seine Verbrechen sind in keine polizeiliche Statistik eingegangen.

Sherlock Holmes - Der von dem Autor Sir Arthur Conan Doyle (1859-1930) geschaffene Brite ist die bekannteste Detektivfigur (aus der Zeit des vorletzten Jahrhundertwechsels). Ganz im Geiste des damaligen Fortschritts- und Wissenschaftsglaubens ist das Besondere an dieser Figur ihre neuartige Arbeitsmethode, die ausschließlich auf detailgenauer Beobachtung und nüchterner Schlußfolgerung beruht. Er gilt bis heute weithin als Symbol erfolgreichen analytisch-rationalen Denkens.

Eduard Zimmermann - Der 1929 geborene Münchner schlug sich in der Nachkriegszeit als Dieb und Schwarzhändler durch und saß auch in Hamburg hinter Gittern, bevor er sich mit gefälschten Papieren in Schweden eine neue Existenz aufbaute. Ein Reportage-Auftrag führte ihn 1949 in die SBZ, wo er wegen angeblicher Spionage fünf Jahre in Bautzen saß. Von 1964 bis 2001 moderierte der Journalist 300mal "Aktenzeichen XY ... ungelöst" und 180mal "Vorsicht Falle! - Nepper, Schlepper, Bauernfänger". Heute arbeitet der Mitbegründer des "Weißen Ringes" hinter der Kamera.

Ehrhard Voigt - Der von 1905 bis 2004 lebende deutsche Geologe und Paläontologe erfand um 1930 die Lackfilmmethode, mit deren Hilfe nicht nur Boden- und Sedimentprofile, sondern auch Fingerabdrücke dokumentiert werden.

Thomas Müller - Der österreichische Kriminalpsychologe und Profiler hat als einfacher Polizist angefangen. Neben dem Dienst studierte er Psychologie. 1991 machte er Examen, 2001 promovierte er. 1993 begann er im österreichischen Bundesinnenministerium mit dem Aufbau eines Kriminalpsychologischen Dienstes. Bekannt wurde er durch die Beteiligung an diversen Ermittlungen sowie seine Bücher "Bestie Mensch" und "Gierige Bestie".


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