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19.05.07 / Selbständige in der Rentenfalle / Ein-Mann-Unternehmern droht Altersarmut

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 20-07 vom 19. Mai 2007

Selbständige in der Rentenfalle
Ein-Mann-Unternehmern droht Altersarmut
von Mariano Albrecht

Spätestens seit der Einführung der sogenannten Ich-AG ist die Zahl der Existenzgründungen in typischen Arbeitnehmerberufen drastisch in die Höhe geschnellt. Die Finanzämter haben die Regelungen für die sogenannte Scheinselbständigkeit abgeschwächt, und so können selbst in größeren Unternehmen neben sozialversicherungspflichtigen Angestellten immer mehr selbständige Freie Mitarbeiter an den gleichen Arbeitsplätzen beschäftigt sein . Seit die Bundesregierung mit der Arbeitsmarktrefom und der Einführung der Ich-AG im Jahr 2003, die Möglichkeit geschaffen hat, daß sich fast jeder Arbeitnehmer auch ohne Meisterbrief selbständig machen kann, wimmelt es in Deutschland nur so von sogenannten Solo-Selbständigen, die mit oder ohne Ich-AG-Förderung den Schritt in die Selbständigkeit gewagt haben. Ob Maler, Gärtner oder Friseur, sie alle können auf eigene Rechnung und durch den Wegfall der Rentenversicherungspflicht an den Rentenkassen vorbei arbeiten. Während der Förderungsphase der Ich-AG, die mittlerweile nicht mehr propagiert wird, zahlt zwar die Arbeitsagentur die Renten- und Sozialbeiträge, doch wenn diese ausläuft, versäumen es die meisten Kleinunternehmer, sich für das Alter abzusichern. Wer sich aus einer Anstellung heraus selbständig macht, ist vom ersten Tag an auf sich gestellt. Im Jahr 2001 wagten noch 1,8 Millionen Menschen den Schritt zur Existenzgründung, im Jahr 2004 waren es bereits über zwei Millionen. Was Unternehmen durch den Wegfall von sozialversicherungspflichtigen Angestellten und Lohnnebenkosten entlastet und arbeitslosen oder von Kündigung bedrohten Arbeitnehmern eine Existenz ermöglicht, kann den Staat teuer zu stehen kommen. Denn jede gesetzliche Mindestrente für die keine oder zuwenig Beiträge eingezahlt wurden, muß mit Transferleistungen bezuschußt werden. Den Betroffenen droht Altersarmut. Es sind nicht die klassischen freien Berufe wie Anwälte oder Architekten, denen der Sturz in die Rentenfalle droht, es sind ehemalige Arbeitnehmer aus handwerklichen oder Dienstleistungsberufen, die sich mit kleinen Ein-Mann-Betrieben selbständig machen. Für eine Friseuse, die für 3,50 Stundenlohn Euro angestellt war, nun einen Platz in einem großen Friseursalon anmietet oder als mobile Friseuse an der Haustür ihrer Kunden klingelt, kann sich das Arbeiten auf eigene Rechnung lohnen. Festangestellt würde sie monatlich zirka 600 Euro brutto verdienen und müßte zusätzlich Wohngeld oder einen Zuschuß zum Lebensunterhalt beantragen. Schafft sie als Freiberuflerin, im Monat 100 Kunden zum Durchschnittspreis von 15 Euro die Haare zu schneiden, kommt sie am Monatsende auf 1500 Euro brutto. Davon müßte sie mit mindestens 3oo Euro für ihre Rente vorsorgen.

Nach Abzug der Kosten für Haftpflichtversicherung, Krankenversicherung, KFZ, Kraftstoff und Materialien wie Haarpflegeprodukten und Handtüchern, bleiben ihr rund 700 Euro . Davon muß sie ihre Miete von 380 Euro und den Lebensunterhalt bestreiten für die Altersvorsorge mit einer privaten Rentenversicherung sind nicht mehr als 50 Euro übrig. Das reicht aber nicht einmal um nach 30 Jahren eine durchschnittliche Rente von 1000 Euro angespart zu haben. Als Faustregel empfehlen Versicherungsexperten, pro 1000 Euro Bruttoeinkommen mindestens 200 Euro Monatlich, bei einer Laufzeit von 30 Jahren , für die Rentenversicherung zu investieren. Bei geringer Laufzeit müssen höhere Beträge eingezahlt werden um bei Eintritt ins Rentenalter in den Genuß einer ausreichenden Rente zu kommen.

Während Arbeitnehmer zusätzlich zur gesetzlichen Rentenversicherung die Möglichkeit haben ihre Versorgungslücke mit der Riester-Rente zu schließen und dafür auch noch einen satten staatlichen Zuschuß für die Altersvorsorge bekommen, müssen Kleinselbständige und Freiberufler selbst vorsorgen. Falle oder Chance, der defizitären Staatsrente mit ihren hohen Beiträgen und miesen Erträgen zu entgehen? Fakt ist, wer privat vorsorgt kann mit besseren Renditen rechnen als es die gesetzliche Rente bietet. Doch viele Einzelunternehmer verzichten auf eine solide Rentenversicherung oder zahlen zu geringe Beiträge ein. Rentenexperten fordern von der Bundesregierung eine Pflichtversicherung für alle. Der Regierungsberater und Wirtschaftsweise Bert Rürup hat ein Rentenmodell entwickelt, das sich an den Bedürfnissen von Selbständigen und Freiberuflern orientiert und das Gegenstück zur Riester-Rente darstellen soll. Die Rürup-Rente wird zwar nicht bezuschußt, bietet aber hohe steuerliche Vorteile, nur eine Versicherungspflicht für Selbständige ergibt sich daraus nicht. Hier ist der Gesetzgeber gefragt.

Foto: Der Rentenbescheid als Hiobsbotschaft. Rechtzeitige Vorsorge kann Armut im Alter verhindern


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