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19.05.07 / Drachen über den Gräbern

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 20-07 vom 19. Mai 2007

Drachen über den Gräbern von Kabul
Ein Afghane hat nach 30 Jahren zum ersten Mal wieder seine Heimatstadt besucht / Teil II

3. Tag

Heute sind wir auf den Friedhof gefahren, um das Grab meiner Eltern zu besuchen. Wenn man so lange nicht da gewesen ist wie ich, dann ist das sehr schwierig, schließlich tragen die Grabsteine keine Namen. Die Steine bestehen übrigens aus hellem Schiefer und werden für Frauen parallel aufgestellt, für Männer hintereinander. Der Erdhügel wird nicht mit Gras oder Blumen geschmückt, sondern der Natur überlassen. Alles soll so schlicht wie möglich aussehen. Uns empfängt ein schreckliches Bild. Überall Trümmer, sogar ein großer Container liegt dort und sollte am besten verschrottet werden. Wie kam er überhaupt dorthin?

Allein hätte ich unser Familiengrab nicht gefunden. Der Friedhof ist enorm gewachsen in diesen 30 Jahren. Gräber ohne Ende; und das ist nicht der einzige Friedhof in dieser Riesenstadt. Obwohl wir die Grabstätte damals mit Steinen haben einfassen lassen, sieht es jetzt dort erbärmlich aus. Die Steine sind gestohlen, die Gräber müssen dringend wieder hergerichtet werden. Wir werden wohl die Seiten mit Zement befestigen lassen.

Es ist schwer, in diesem Augenblick einen klaren Gedanken zu fassen, meine Erinnerungen wandern zurück in die Zeit, als wir alle noch zusammen waren ...

Fröhliches Lachen schreckt mich aus meinen Gedanken. Kinder spielen unbeirrt zwischen den Gräbern und lassen ihre Drachen steigen. Die Jungen blicken mich erstaunt an, als ich mit Tränen in den Augen am Grab meiner Eltern und meines älteren Bruders stehe. Sie wohnen in unmittelbarer Nähe zu dem Friedhof und denken sich nichts dabei.

Der Rückweg führt uns zunächst durch Straßen, die ich eigentlich hätte wiedererkennen müssen. Doch auch hier kaum ein Anhaltspunkt. Dort, wo einmal unsere Firma war, ist nur noch ein Trümmerhaufen. Doch da erkenne ich etwas! Endlich. In der Mitte der Straße steht das Denkmal zur Erinnerung an den Sieg der Afghanen über die Briten 1880 bei Maiwand. Es wurde von einem Privatmann teilweise wieder aufgebaut.

Auch die Altstadt ist zu fast 90 Prozent zerstört. Das waren die Mudschaheddin mit ihren Rake-ten, als sie zunächst die Russen verjagen wollten und dann sich untereinander bekämpften. Und die Taliban haben nichts wieder aufgebaut.

Nun aber soll die Altstadt wieder ihr altes Gesicht erhalten. Man will mit zeitgemäßem Material, also keine Lehmziegel, die Häuser neu bauen, keine Hochhäuser und keine Glaspaläste, wie sie in der Neustadt entstanden sind.

Gerade als wir in der Altstadt sind, entlädt sich ein Unwetter mit starkem Regen und Hagel über unseren Köpfen. In einer halben Stunde ist zwar alles vorbei, doch der Regen hat seine Spuren hinterlassen. Ich bin bis zum Bauch mit Schlamm bedeckt.

Was machen nur die Menschen, die auf dem Weg zur Arbeit von solchen Wassermassen überrascht werden?

Auf dem Rückweg kommen wir an einer großen Wiese vorbei, wo Jungen und Männer ihre Drachen steigen lassen. Erinnerungen an die Jugendzeit werden wach. Was war das doch für ein herrlicher Anblick, wenn am Himmel über Kabul Tausende von bunten Dra-chen standen. Die meisten über der Altstadt, wo auf den Dächern der beste Ausgangspunkt für die-sen Sport war. Mit großem Vergnügen haben wir damals die Drachen steigen lassen und richtige Wettkämpfe veranstaltet. Die Drachen waren kleine Kunstwerke, die wir bei einem Händler gekauft hatten. In jedem Viertel gab es damals solche Spezialisten, die Drachen selber bauten, kleine rautenförmige mit einem schleifchenverzierten Schwanz für Kinder, große quadratische für Erwachsene. Alles in bunten leuchtenden Farben natürlich. Wichtig aber war die Schnur. Sie mußte besonders lang sein und war mit einer Paste aus Glas- und Reismehl präpariert. So wurde sie messerscharf, denn bei einem Wettbewerb galt es, die Schnur des "Gegners" zu kappen und so den Drachen zum Absturz zu bringen. Wer einen solchen Drachen fand, durfte ihn behalten. Was war das manchmal für ein Getümmel, wenn ein Drachen auf die Straße fiel und eine Horde von Jungen sich darum balgte. Oft genug ging dabei der Drachen zu Bruch und wurde in tausend Stücke zerrissen.

Kaum zu glauben, selbst dieses harmlose Vergnügen war unter den Taliban verboten.

Am liebsten würde ich alles fotografieren, doch das ist nicht immer angebracht. Die Menschen blicken mich sowieso oft miß-trauisch an. Und so mache ich ein paar Fotos für Hamburg aus dem Auto heraus.

4. Tag

Heute habe ich endlich auch einmal allein zu Fuß die nähere Umgebung erkundet. Bis zu mei-ner alten Schule bin ich gekom-men, der Amani-Oberrealschule, die 1924 zu Zeiten der Regierung von König Aman Ullah im Rah-men eines Kulturabkommens mit Deutschland eröffnet wurde. Mi-nister aller späteren Regierungen und wichtige Funktionsträger in Wirtschaft und Politik haben hier die Schulbank gedrückt. Von 1966 bis 1971 habe ich diese Schule besucht und Deutsch gelernt, weil mein Vater so die besten Chancen für mich sah, später ein Studium in Deutschland aufzunehmen. Auch heute werden in der Amani-Schule Kinder auf den Ernst des Lebens vorbereitet. Ob sie allerdings wie früher auch in zwölf Fächern unterrichtet werden, davon mehr als die Hälfte in Deutsch, und ob dort noch (oder wieder) deutsche Lehrer unterrichten, konnte ich nicht herausbekommen. Die Türen waren verschlossen. Die Kinder, vor allem die Mädchen, haben in der Taliban-Zeit große Bildungsdefizite erlitten. Die Mädchen durften überhaupt nicht zur Schule gehen, und so wurde meine Nichte von ihrer Mutter ausgebildet, die als Kindergärtnerin auch nicht arbeiten durfte. Jetzt holen die jungen Leute alles nach, doch es gibt nicht genug intakte Schulen und gut ausgebildete Lehrer. Und so muß der Schulunterricht in mehreren Schichten durchgeführt werden, um alle Schüler mit Wissen "zu füttern".

Ein Militärfahrzeug kommt angefahren, stoppt plötzlich, und heraus springen bewaffnete Isaf-Soldaten. Sofort fällt mein Blick auf ihre Schulterklappen. Ja, es sind Deutsche. Auch ihr Wagen trägt Schwarz-Rot-Gold. Sie positionieren sich vor einem Krankenhaus für Kriegsverletzte, halten eine kurze Zeit Wache und fahren wieder davon. Vermutlich wollen sie nur Präsenz zeigen. Dieses Krankenhaus hat übrigens einen besonderen Ausgang für Tote. Wenn an dieser Seitentür wieder einmal viele Menschen warten, dann ist einer der Patienten gestorben und die Angehörigen wollen ihn abholen, um ihn dann auch so schnell wie möglich zu bestatten. Alltag in Kabul im Jahr 6 nach der Befreiung. Wird fortgesetzt

Foto: Ein Friedhof in Kabul: Auch hier haben Krieg und Verwüstung ihre Spuren hinterlassen.


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