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19.05.07 / Das Ritual / Der Schein trügt des öfteren, und die Wahrheit kommt zum Schluß

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 20-07 vom 19. Mai 2007

Das Ritual
Der Schein trügt des öfteren, und die Wahrheit kommt zum Schluß
von Helen Bauers

Armand lächelte zufrieden. Der Leib seines Opfers lag reglos vor ihm. Spielerisch rollte er den schlaffen Körper hin und her, strich über die schwellenden Rundungen und genoß die Glätte der zarten Haut. Vorsichtig hob Armand den Körper auf die metallene Unterlage, die er schon bereitgestellt hatte, und schob sie in den vorbereiteten Raum. Allerdings mußte er noch etwas warten, bis die endgültige Beseitigung seines Opfers in Angriff genommen werden konnte. Das nämlich war das Lieblingsteil dieses regelmäßig wiederkehrenden Rituals.

Die Vorfreude verursachte ein geradezu quälendes Glücksgefühl in Armand. Manchmal, aber nur manchmal, fragte er sich, ob es nicht vielleicht ein bißchen ungewöhnlich war, an solchen Dingen ein geradezu so zwanghaftes Vergnügen zu empfinden. Aber es wäre müßig, nun darüber zu spekulieren - jetzt galt es die Zeit zu überbrücken, bis sein Augenblick gekommen war. Armand sah auf die Uhr und ging ins Wohnzimmer hinüber. Dort schenkte er sich ein halbes Glas des Rotweins ein, den er schon vor einer Stunde geöffnet hatte, und genoß zunächst das feine Bouquet, dann den vollen samtigen Geschmack. Widerwillig nahm er die Zeitung zur Hand. Im Grunde war er zu ungeduldig für jegliche Lektüre, aber ganz unerwartet fesselte ihn der Sensationsbericht über den jüngsten Fall von Kannibalismus in Deutschland doch so stark, daß die Zeit recht schnell verging. Nachdem er das dritte Mal angespannt auf seine Armbanduhr geschaut hatte, war es endlich so weit. Armand befreite sein Opfer aus dessen Gefängnis, schaffte es zu seinem Arbeitstisch und plazierte es vorsichtig auf der Tischplatte. Dabei bewegte er den reglosen Körper ein paar Male hin und her. Wie bei den vorherigen Ritualen auch, staunte er über die hohe Körpertemperatur seiner Opfer und wie lange sie warm blieben. Ein tiefer Seufzer entrang sich Armands Brust. Weitermachen konnte er erst, wenn der Leib vor ihm sehr viel kälter geworden war. Das steigerte seine Ungeduld ins Unerträgliche. Doch er bezwang sich - nur aufgrund des Gedankens daran, daß sonst alles verdorben wäre - und kehrte in das Wohnzimmer zurück, zu Zeitung und Wein. Schließlich aber hielt er es doch nicht mehr aus. Egal wie warm der Körper jetzt noch sein mochte, er war entschlossen, zu allem entschlossen, endlich die Früchte seiner Vorbereitungen auszukosten!

Armand nahm sein Glas, goß noch etwas Wein nach und eilte in den Raum, in dem sein Opfer lag. Hastig schliff er das Messer, das er eigens für diese Gelegenheiten in der mittleren Schublade des alten Buffets verwahrte, noch einmal nach und prüfte die Klinge. Zufrieden nickte er und ließ die Messerspitze verspielt über die goldbraune Haut gleiten, so daß sie eben und eben von ihr geritzt wurde. Schade, daß das vor ihm liegende Opfer von dieser Zärtlichkeit nichts merken konnte. Dann gab er sich einen Ruck, setzte die Klinge endgültig an. Die Schneide glitt tief in den leblosen Leib. Angespannt atmete Armand. Wenn jetzt aus dem Inneren etwas heraus quoll, hatte er einen Fehler gemacht, einen ärgerlichen Fehler, der ihn um jeglichen Genuß bringen würde. Erleichtert stellte er fest, daß er unbeschadet den zweiten Schnitt setzen konnte. Wieder fand die Klinge mühelos ihren Weg.

Armands Begierde wurde unbezähmbar - bisher hatte jedes seiner Opfer ein geradezu unwiderstehliches Aroma besessen, besonders nach dem Anschnitt ... Aber verdammt! Ärgerlich ließ er das Messer fallen. Vor lauter Gier hatte Armand etwas Wichtiges vergessen. Er fingerte ein Tafelmesser aus der Besteckschublade, rannte zum Kühlschrank und riß die Butterdose heraus. Aufseufzend ließ er sich damit am Arbeitstisch nieder und zog die abgetrennten Teile seines Opfers zu sich heran. Nun endlich war es so weit - sein Ritual begann. Nichts, aber auch nichts auf Welt konnte schöner sein als die ersten beiden Scheiben eines selbstgebackenen Brotes, dick mit Butter bestrichen, zu einem kernigen Glas Rotwein zu verzehren!


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