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26.05.07 / Desaster am Hindukusch / Nach dem Anschlag auf deutsche Soldaten: Allianz muß ihre Strategie gegen Terroristen überdenken

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 21-07 vom 26. Mai 2007

Desaster am Hindukusch
Nach dem Anschlag auf deutsche Soldaten: Allianz muß ihre Strategie gegen Terroristen überdenken
von Jörg Schmitz

Irgendwann mußte es passieren: Dabei handelte es sich nur um eine routinemäßige Einkaufstour. Kühlschränke für das Feldlager der rund 300 deutschen Soldaten in der nordafghanischen Stadt Kundus standen auf dem Einkaufszettel. Im Zentrum der Stadt kletterten die deutschen Soldaten aus ihren gepanzerten Mannschaftstransportern vom Typ "Dingo" und tauchten ein in das quirlige Marktgeschehen. Minuten später war die belebte Einkaufsstraße ein blutiges Inferno. Ein Selbstmordattentäter hatte sich neben den Soldaten in die Luft gesprengt und drei Deutsche sowie sieben Afghanen mit in den Tod gerissen. Weitere fünf Deutsche und 13 Afghanen trugen zum Teil schwere Verletzungen davon. Die Soldaten hatten trotz aller Vorsichtsmaßnahmen keine Chance.

Hat sich der Angriff gezielt gegen die Deutschen gerichtet? Verteidigungsminister Franz Josef Jung will nichts davon wissen. Der Anschlag habe der Internationalen Schutztruppe Isaf gegolten, meint er. Allerdings: In Kundus besteht die Isaf im wesentlichen aus deutschen Soldaten.

Jung sprach sich dafür aus, die deutsche Strategie der sogenannten "vernetzten Sicherheit" in Nordafghanistan auf das ganze Land auszuweiten. Nötig sei dazu auch der Kontakt zur Bevölkerung, um Vertrauen zu gewinnen. Doch wie eng wird der Kontakt zur Bevölkerung tatsächlich gepflegt? Nur etwa zehn Prozent der Soldaten vor Ort kommen auf Patrouillenfahrten überhaupt aus den stark befestigten Kasernen raus - in gepanzerten Wagen.

Der Bundeswehrverband fordert eine "größere Diskussion" darüber, "ob dieser Einsatz in dieser Art noch sinnhaftig ist oder ob nicht die Gesamtstrategie für Afghanistan" geändert werden muß.

Fest steht: Bei einem Abzug der westlichen Truppen bräche in Afghanistan endgültig das Chaos aus. Das Land würde erneut zur Heimstatt von Terroristen und böte ihnen einen staatlich sanktionierten Rückzugsraum. Islamisten in Nordafrika oder Somalia könnten sich erst recht eingeladen fühlen, Staaten nach ihrem Bilde zu formen. Sie hätten dann keine internationale Gemeinschaft mehr zu fürchten, die ihnen in den Arm fiele. Es kann also nicht um das Ob des Engagements gehen, sondern um das Wie.

Tatsächlich ist nämlich keines der 2001 formulierten Ziele erreicht worden: Die militärischen Auseinandersetzungen haben eher zugenommen. Der Aufbau der afghanischen Sicherheitsstrukturen in Armee, Polizei und Justiz steckt in den Kinderschuhen. Es gibt keinen wirtschaftlichen Wiederaufbau, der diesen Namen verdient. Die Erträge der Drogenbarone sind rekordverdächtig. Entweder steigert der Westen sein Engagement noch einmal richtig, schickt mehr Geld und Soldaten und konzentriert sich auf die zivile Hilfe, oder er errichtet nach dem militärischen Sieg eine Art Protektorat, das im Inneren für ein Mindestmaß an Stabilität sorgt sowie dafür, daß von Afghanistan keine Gefahr für die westliche Welt mehr ausgeht.

Die sichtbare Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit jedenfalls wird der Westen nicht mehr endlos aushalten, denn sie unterhöhlt die Akzeptanz solcher Einsätze. Eine Demokratie westlichen Musters wird man sich für Afghanistan wohl aus dem Kopf schlagen müssen. Zumindest für die nächste übersehbare Zeit.

Es handelt sich um ein Projekt, das im Grunde nicht gelingen kann. Selbst in den viel kleineren Balkan-Staaten Bosnien und Kosovo wachsen die Bäume nicht in den Himmel. Eine Studie des Berliner Instituts für Europäische Politik hat diagnostiziert, daß das Kosovo allein noch immer nicht lebensfähig ist. Wenn die Allianz nicht Fakten schaffen kann, die ihrem Anspruch entsprechen, dann muß sie ihre Ansprüche an die Faktenlage anpassen.


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