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26.05.07 / Linke Lebenslügen: Der Hang zur Gewalt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 21-07 vom 26. Mai 2007

"Moment mal!"
Linke Lebenslügen: Der Hang zur Gewalt
von Klaus Rainer Röhl

Deutsche Soldaten wurden Opfer eines Terroranschlags. Tote und Verletzte. Tiefe Betroffenheit bei allen Parteien, außer bei der ehemaligen SED, die heute Linkspartei heißt. Die übrigen Linken reagierten so, wie wir es vor einer Woche an dieser Stelle vorausgesagt haben: Deutsche raus aus Afghanistan. Was gehen uns die Taliban an? Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß! Was geht uns der Terror in der Welt an?

Dabei ist der Terror schon bei uns vor der Tür angelangt. Aber die "guten Deutschen" feiern ein großes Erinnerungsfest, sie feiern sich selbst. 40 Jahre APO, 40 Jahre 68er, am 2. Juni 1967 fing alles an, mit der Schah-Demonstration und der Erschießung von Benno Ohnesorg. Damit fing alles an, schreibt in der "ZEIT" ein ehemaliger Mitstreiter, der als Schüler dabei war und es wissen müßte, aber nichts weiß: Das ist bereits die erste linke Lebenslüge.

Über die 68er wird nämlich hartnäckig seit vielen Jahrzehnten eine Legende verbreitet: Die Bewegung sei anfangs strikt gewaltlos gewesen, im Geist von Mahatma Gandhi und Martin Luther King, und sie habe ab 1967 mit gewaltlosen Scherzen und einfallsreichen Ulk-Demonstrationen die Bürger nur zum Nachdenken über die deutschen Zustände und so die "versteinerten Verhältnisse zum Tanzen" bringen wollen. Dann aber habe die Polizei mit gewaltsamen Einsätzen, die in der Erschießung des Demonstranten Benno Ohnesorg gipfelten, die kommende Welle der Gewalt überhaupt erst ausgelöst.

Den gleichen Mechanismus befürchten angesehene deutsche Kommentatoren jetzt übrigens von der Unterdrückung der angekündigten Gewaltaktionen gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm. "Wir schießen zurück!" forderte damals, nach dem 2. Juni 67 die berüchtigte Anarcho-Postille "883" und eine noch ganz unbekannte Studentin machte schon am Abend des 2. Juni auch praktische Vorschläge, wie man das umsetzen könnte. Wir kommen darauf zurück.

Die Legende von der Gewaltlosigkeit der Studenten trifft übrigens für einen großen Teil der Demonstranten und Zehntausende der späteren 68er zu und ist so - als deren Wunschprojektion verständlich - nicht jedoch für die geistigen Vordenker und Anführer der Bewegung. Im Gegenteil. Es ist kein Geheimnis, daß die Wortführer und Stichwortgeber der 68er, auch wenn sie wie Rudi Dutschke mit heiserer Pfarrerstimme den gewaltfreien Widerstand predigten, von Anfang an mit den militanten Guerillabewegungen in der Dritten Welt sympathisierten, die ihren Erfolg und ihre wachsende Anziehungskraft ausschließlich schonungslos eingesetzter Gewalt verdankten. Ja, diese Kriegshelden wie Che Guevara mit dem roten Stern auf der Baskenmütze und den ziegenbärtigen Ho Tschi Minh erlebten die Studenten um Rudi Dutschke als romantische Identifikationsfiguren, deren Namen sie auf ihren Demonstrationen im Laufschritt wie Schlachtrufe skandierten: Ho, Ho, Ho Tschi Minh, Che, Che, Che Guevara! Niemals Ga-, Ga-, Gandhi! Die Bewegung lief ins Leere.

Und die inzwischen vielen Zehntausende von Studenten und Schülern machten sich, nach einer Aufforderung ihres charismatischen Wortführers Dutschke aus dem Mai 1968, auf den "Langen und mühevollen Marsch durch die Institutionen", aus dem sie nach 30 Jahren, 1998 als rotgrüne Regierungsmitglieder und im Vollbesitz der Macht zurückkehrten. Und wenn sie nicht gestorben sind, sind sie heute noch an der Macht, mindestens als Abgeordnete, Parteiführer, Professoren, Lehrer, Richter, Staatsbeamte, Fernseh-Kommentatoren und Zeitungsmacher, die meisten von ihnen als Lehrer. Nur ein kleiner, ein verschwindend kleiner Teil der großen Studentenbewegung von 67/68 verschmähte damals schon die ,,Latschdemos" (Demonstrationen ohne Krawall) und reimte den Schlachtruf "Feuer unterm Arsch - verkürzt den Langen Marsch!" Der Tod Benno Ohnesorgs wurde abschließend übrigens als fahrlässsige Tötung erklärt, in vermeintlicher Notwehr.

Für die meisten Studenten war es Mord. Wir schießen zurück, das sagten nicht alle. Erst viele Jahre später wurde bekannt, daß eine Studentin noch am Abend des 2. Juni den Vorschlag gemacht hatte, eine Polizeistation zu stürmen, um sich Waffen für den "Widerstand" zu beschaffen. Ich habe das 1999 in einem Buch veröffentlicht. Die Studentin hieß Gudrun Ensslin. Sie wurde später zur Patin der ersten deutschen Terrororganisation RAF. Während man in diesen Tagen noch die vorzeitige Haftentlassung der letzten wegen vielfachen Mordes Verurteilten diskutiert, bereitet eine neue Generation von ,.Gewaltlosen" eine Wiederauflage der Schah-Demonstration vor. Das geplante G8-Treffen in Heiligendamm, vor allen Dingen die Anwesenheit des verhaßten amerikanischen Präsidenten Bush soll "unter allen Umständen verhindert werden". Was heißt das? Bei ausreichender Mobilisierung von Protestierern erhoffen sich die Gipfelgegner eine frühzeitige Blockierung aller Zufahrtswege noch vor dem Beginn des allgemeinen Demonstrationsverbotes vom 30. Mai bis zum 12. Juni 200 Meter vor dem Sicherheitszaun, wenn möglich eine massive Berhinderung des Gipfeltreffens. Schwerins Innenminister Lorenz Caffier (CDU) verwies auf die ernsthafte Androhung einer "Erstürmung" Heiligendamms.

Wenn die ersehnte Mobilisierung sehr großer Massen ausbleibt, treten die militanten Gipfelgegner in Aktion, die sich "mit großer Phantasie" und allen modernen Mitteln auf ihren Einsatz vorbereiten. Die Skala der Möglichkeiten reicht von individuellen Anschlägen und Terror-Aktionen der militanten Autonomen bis zu gezielten Anschlägen kleiner terroristischen Gruppen, wie der Gruppe MG ("Militante Gruppe"). Die Konkurrenz unter den gewaltbereiten Gruppen ist groß, der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, auch keine finanziellen Grenzen.

Der Verfasser sah bereits vor 30 Jahren bei der Demonstration gegen das Kernkraftwerk Brockdorf, wie Polizeihubschrauber durch ein paar ferngelenkte Spielzeug-Flugzeuge ausgeschaltet wurden. Schließlich ist es einzelnen als "Reporter" einschlägiger Linkszeitungen jederzeit möglich, mit einem Presseausweis auf das Gelände des Gipfeltreffens zu gelangen. Sogar Geiselnahmen und Entführungen schließen die Verantwortlichen des Innenministeriums nicht aus, selbst Großaktionen von El Kaida sind angesichts der hochrangigen Gipfelteilnehmer möglich. Versuche islamistischer Einzelgänger wie die Kofferanschläge auf dem Kölner Hauptbahnhof, die eine verheerende Sprengkraft gehabt hätten, sind nur durch laienhafte Ausführung gescheitert. Es gibt auch Fachleute. Afghanistan ist überall, und Selbstmordattentäter werden auch in deutschen Moscheen rekrutiert.

Nur eines ist ganz sicher: die Parteilichkeit unserer Medien. Was auch immer die militanten Gipfel-Gegner unternehmen, Reporter und Kameraleute werden es mit großer Aufmerksamkeit registrieren und in allen Einzelheiten darstellen, und Kommentatoren werden es, mit großem Verständnis für die militanten Demonstranten - bei schweren Verletzungen oder gar Todesfällen mit gebührender Betroffenheit - begleiten. Immer aber wird das Mißtrauen gegen Polizei und Innenminister bereits im Vorfeld als festes Vorurteil vorhanden sein. Attentate, Bluttaten und verletzte Polizisten? Selber schuld. Warum seid ihr nach Afghanistan gegangen? Warum habt Ihr die Großen der G8 überhaupt nach Deutschland eingeladen?

Die 40. Wiederkehr der Ereignisse beim Schahbesuch wird überall im Land durch eine große, romantisch gefärbte Gedenkdiskussion vorbereitet. Titelgeschichte und Sonderseiten in der "ZEIT" - Dauerseiten in der "taz", seit Wochen. Es ist eine Fehlerdiskussion. Aber ihr Tenor heißt keineswegs: "Genossen, wir haben Fehler gemacht!" Oh nein. Es soll über die Fehler des Staates und der Polizei diskutiert werden. Es geht nicht um Selbstkritik, es geht um Fehler der "Herrschenden". Die Terroristen haben ihre Haltung zur Gewalt ,,reflektiert", schreibt der Kommentator der "taz", einst Anführer der berühmten Steinschlacht von Tegel von 1968 (Steine-Semmler), bei der die Polizei zum ersten Mal durch massive Salven von Pflastersteinen in die Flucht geschlagen wurde. Die Terroristen haben Fehler eingestanden, nun muß die Bundesregierung nachziehen, findet Semmler. Der Terror, das ist für solche Schreiber keine Frage, geht vom Staat aus. So blicken sie in Berlins linker Szene mit freudiger Spannung auf das Gipfeltreffen. Und die gute Tante "ZEIT" blicket stumm auf dem ganzen Tisch herum.

Einerseits - Andererseits. Wie es sich in der "ZEIT" seit ewiger Zeit gehört. Aber das Herz der Redakteure schlägt für die große und schöne Bewegung aus der sie fast alle gekommen sind und über deren Fehler sie nicht ernsthaft diskutieren wollen. Sie haben ja recht. Die 68er Bewegung, die unsere ganze Gesellschaft so umfassend verändert hat, machte keine Fehler. Sie war der Fehler.

Foto: Konfrontation am Sperrzaun: Erste Probe-Demonstrationen in Heiligendamm.


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