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26.05.07 / Zwischen Hoffnung und Trostlosigkeit / Ein Afghane hat nach 30 Jahren zum ersten Mal wieder seine Heimatstadt Kabul besucht / Teil III und Schluß

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 21-07 vom 26. Mai 2007

Zwischen Hoffnung und Trostlosigkeit
Ein Afghane hat nach 30 Jahren zum ersten Mal wieder seine Heimatstadt Kabul besucht / Teil III und Schluß

5. Tag

Beharrlich bin ich auch an diesem Tag wieder auf der Suche nach bekannten Ecken, nach einem Stück Mauer, nach einem Haus, einer Straßenecke, die mich an früher erinnert. Nicht immer bin ich erfolgreich. In der "Hühner-Straße" gibt es immer noch viele Geschäfte. Dort, wo in den 50er und 60er Jahren Hühner verkauft wurden, gibt es seit den 70ern Läden mit den unterschiedlichsten Angeboten, meist für Touristen. Auch hier immer wieder der für mich ungewohnte Staub, der Schmutz. Ist das noch mein Kabul? Heute leben hier vier bis sechs Millionen Menschen, darunter viele Flüchtlinge aus der Umgebung. Dafür hat die Stadt gar nicht die Kapazität. Vor 30 Jahren war es "nur" eine halbe Million.

6. Tag

Heute ist Freitag. Na ja, in Kabul ist es eigentlich Sonntag, denn in der islamischen Welt ist eben der Freitag der Ruhetag der Woche. Aber von wegen Ruhe, draußen ist das gleich geschäftige Treiben wie in der Woche. Der Straßenverkehr kommt mir sogar noch lebhafter vor. Wo wollen die alle bloß hin?

Meine Schwester weiß die Antwort: "Die machen einen Ausflug. Jetzt, da das Wetter beständiger ist, zieht es die Menschen raus aus der Stadt. Weißt du noch, früher?" Ja, früher sind wir auch am Freitag raus gefahren, die ganze Familie, das waren immerhin neun Personen. Wir sind dann mit dem Auto zum Beispiel nach Paghman gefahren, haben alles mitgenommen für ein Picknick. Für uns Jungen war das Abenteuer pur. Wir haben viel Spaß gehabt und konnten uns austoben. Die Mädchen haben zusammengesessen und nur gekichert ... Sogar Musik haben wir gemacht. Ach ja früher ...

Mein Schwager sieht mir wohl an, daß ich wehmütig an vergangene Zeiten denke und packt mich energisch an der Schulter: "Wir leihen uns von meinem Bruder das Auto und dann fahren wir nach Paghman." Und so verbrachten wir diesen Freitag außerhalb der Stadt.

Die Fahrt nach Paghman war ebenso abenteuerlich wie alle anderen Touren mit dem Auto. Normal dauert die eine Strecke in die kleine Stadt, in der König Aman Ullah geboren wurde, etwa 30 Minuten. Wegen des starken Verkehrs brauchten wir fast die doppelte Zeit. Dann aber war's einfach schön.

Das erste Grün zeigte sich an den Bäumen, und die Menschen waren so ausgelassen wie früher, wenn sie vor der großen Hitze in der Stadt flohen und sich über ein kühles Plätzchen unter Schatten spendenden Bäumen freuten. Viele der alten Bäume gibt es nicht mehr. Sie wurden von Raketen zerschossen oder abgeholzt, weil die Menschen Feuerholz brauchten.

Überhaupt sieht alles anders aus als früher; vieles ist kaputt. Den Triumphbogen, der an sein Pariser Vorbild erinnert und den König Aman Ullah zu Ehren der 1919 im Befreiungskampf gegen die Engländer gefallenen Soldaten errichten ließ, gibt es allerdings noch. Auch die kleinen Imbißstände im Park haben die Zeiten überdauert. Wir kauften uns einen Snack, bestehend aus Kartoffeln und Kichererbsen in Essig und Öl. Nach einem Spaziergang durch den Park reihten wir uns wieder ein in die endlose Schlange von Autos, die auf dem Rückweg nach Kabul waren. Es ist schon erstaunlich: Obwohl die Menschen in Kabul nun wirklich kein einfaches Leben führen und viel erlebt haben in den vergangenen Jahren, lassen sie sich nicht unterkriegen und gönnen sich auch einmal ein paar sorgenfreie Stunden mit der Familie.

7. Tag

Zum Frühstück gibt's eine besondere Überraschung: Plötzlich knirscht und rumpelt es, das Haus wackelt. Ein Erdbeben. Nach 30 Jahren zum ersten Mal wieder dieses komische Gefühl. Jetzt aber nichts wie raus. Wie der Blitz bin ich auf der Straße. Gott sei dank ist nichts passiert. Die Kabulis sind solche Naturereignisse gewohnt, hier bebt immer wieder einmal die Erde, wenn die Platte des indischen Subkontinents sich gegen Himalaya und Hindukusch schiebt.

Am Nachmittag leisten wir uns einen Ausflug in eine andere Welt: Wir gehen ins Kabul City Center, einen der Glaspaläste, die in jüngster Zeit wie Pilze aus dem Boden schießen. Zuerst aber sind Hindernisse zu überwinden. Die Sicherheitskontrolle am Eingang ist so streng wie am Flughafen. Man muß durch die elektronische Kontrolle gehen, seine Taschen entleeren und wird dazu noch streng begutachtet. Na ja, wenn's hilft ...

In den meist kleinen Läden gibt es alles, was das Herz begehrt, von afghanischer Handarbeit bis zu modernen Jeans, vorausgesetzt man hat das nötige Kleingeld. Die Mieten für die Läden sind entsprechend hoch, zwischen 350 und 3400 Euro. Angeschlossen ist ein Hotel, in dem die Übernachtung etwa zwischen 150 und 890 Euro kostet. Dennoch ist es fast immer ausgebucht.

Ein solcher Bummel durch ein Einkaufszentrum macht auch in Kabul hungrig und durstig. Wir machen eine Pause und gönnen uns einen "Berger", sprich Hamburger, mit Cola. Nein, nicht bei McDonalds, sondern bei "Coffee to go", einer Kette, der ich auch schon bei meinem Zwischenstop in Dubai begegnet bin. "Berger und Co." sind ein besonderes Ereignis für eine afghanische Familie. Gekostet hat es für fünf Personen 550 Afghani, das sind umgerechnet 8,40 Euro, aber immerhin ein Drittel eines Gehalts für einen Arbeiter.

Wie anders doch der Besuch im Basar. Da gibt's Schuhe aus China ("Die halten nur bis zur anderen Straßenseite", warnt mein Schwager), vorzügliche Anzugstoffe aus der Türkei (der Schneider ist gleich um die Ecke), aber auch Gemüse und Brot.

Den Teppich-Basar gibt es leider nicht mehr. Kleine Geschäfte sind über die Stadt verstreut, so daß man schon suchen muß. Die Grundnahrungsmittel sind relativ günstig. Ein Fladenbrot kostet acht Afghani, ein Kilo Mehl 125 (1,90 Euro), ein Kilo Fleisch aber schon 240 Afghani (3,70 Euro), selbst Reis ist mit 300 Afghani (4,60 Euro) pro Kilo ziemlich teuer. Man muß die Preise schließlich immer in Relation zu den Einkommen sehen, falls eine Familie überhaupt einen Ernährer hat.

Kein Wunder, daß es so viele Bettler gibt. Besonders schwer betroffen sind Frauen, die ihre Männer im Krieg verloren und keine männlichen Verwandten haben. Sie müssen sehen, wie sie zurechtkommen. Und manche sieht den einzigen Ausweg in der Prostitution. Man schätzt die Zahl der Prostituierten in Kabul derzeit auf etwa 8000.

Selbst Kinder verkaufen auf der Straße. Ganz plötzlich streckt sich von links eine Kinderhand meinem Gesicht entgegen: "Kaugummi, Onkelchen?" Jetzt bloß nicht weich werden, sonst habe ich eine ganze Meute am Hals. Bei diesem katastrophalen Verkehr winden sich die Kinder zwischen den Autos hindurch, um ihre Ware, meist Kaugummi oder Bonbons, zu verkaufen.

Bei diesen Bonbons fällt mir auf einmal mein Zahnarzt in Hamburg ein. Der würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, allerdings auch bei den Gebühren hier in Kabul. Sein afghanischer Kollege verlangt erst einmal 100 Afghani (1,54 Euro) Gebühren, bevor er überhaupt anfängt. Eine Zahnfüllung kostet 500 Afghani (7, 70 Euro), das Ziehen eines Zahns "nur" 150 Afghani (2,30 Euro). Prothesen sind besonderes teuer - von 1500 (23 Euro) bis 15000 Afghani (230 Euro). Selbst wer berufstätig ist, kann sich diese Preise manchmal nicht leisten, denn oft genug muß eine mehrköpfige Familie von nur einem Gehalt ernährt werden.

Die meisten Kabulis verdienen ihren Lebensunterhalt als Handwerker oder Kaufleute. Es gibt Schneider, Klempner, Bäcker, Kfz-Mechaniker, Uhrmacher, Schuster. Alles wird repariert, solange es noch irgendwie zu gebrauchen ist. Sie sind einfallsreich und schaffen es, aus nichts oder wenig viel zu machen - aus der Not heraus. Eine Eigenschaft, die uns in den reichen Ländern schon längst verlorengegangen ist.

Auffallend die vielen Gaststätten, die große Hochzeitsräume vermieten, komfortabel eingerichtet und meist mit allen modernen Lichteffekten ausgestattet. In Kabul wird gern geheiratet, und zu solch einem Fest muß natürlich die ganze Familie kommen. Das sind dann schon mal 200, 300 Leute, die bewirtet werden müssen.

Letzter Tag

Es ist ein Wechselbad der Gefühle, in dem ich mich in den vergangenen Tagen bewegt habe. Hoffnung und Trostlosigkeit vermischen sich miteinander. Es fehlt die Zeit, die Grauzone zu entdecken. Kabul erinnert mich an einen schwer verletzten Menschen, dessen Gesicht hinter Verbänden verborgen ist. Man weiß, daß er gerettet ist. Man weiß aber nicht, wie er aussieht, wenn einmal der Verband gelöst wird.

Nun aber geht es wieder in Richtung Deutschland. Die Maschine nach Dubai hat ein bißchen Verspätung. Wir starten eine Stunde später als geplant, da ein Minister mitfliegt.

"Wir haben Glück gehabt", so eine Mitreisende strahlend. "Das ist eine gute Maschine, weil einer von der Regierung mit dabei ist." Tatsächlich sitzt auch keiner mehr auf dem Gang wie beim Hinflug.

In Dubai muß ich eine Übernachtung einlegen, da der Weiterflug nach Hamburg erst am nächsten Morgen abgeht. Mit dem Taxi fahre ich ins nahegelegene Hotel, das ich schon von Hamburg aus gebucht habe. Dort will ich nach dem Abendessen noch einmal kurz um den Block gehen, doch als ich auf die Straße trete, höre ich hinter mir plötzlich eine Frauenstimme. "Massage!?" bietet sie mir energisch an. Da weiß ich, daß ich wieder in der sogenannten "zivilsierten" Welt gelandet bin. Auf Wiedersehen, Kabul!

Foto: Reiches Angebot auf dem Basar: Wer Geld hat, kann alles bekommen.


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