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26.05.07 / Alte Klischees / Kaiserliche Marine sei kriegslüstern gewesen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 21-07 vom 26. Mai 2007

Alte Klischees
Kaiserliche Marine sei kriegslüstern gewesen

Der Neudruck ist verdienstvoll, besticht durch die Schlichtheit der Sprache mit der die Intensität der Ereignisse, Operationen und Gefechte, einschließlich der Revolution, dargestellt wird. Dagegen irritiert die 30 Seiten lange Einführung der kritischen Edition.

Der Herausgeber des Bandes, der Oberstleutnant Dr. Gerhard Groß, behauptet, daß die Marine und ihre Vertreter den deprimierenden Verlauf des Ersten Weltkrieges und sein unrühmliches Ende in der Matrosenrevolution zur Existenz- und Zukunftssicherung der Reichs-, Kriegs- und Bundesmarine zu instrumentalisieren versuchten.

Mehr noch, er erklärt, die Flotte habe eine klare Stoßrichtung gegen England gehabt, das seestrategische Konzept von Tirpitz sei gescheitert, die Flotte geschont worden, woraus Meuterei und Revolution erwachsen seien, denen die meisten Seeoffiziere hilflos gegenüber gestanden hätten. Groß bedient sich der üblichen Klischees und verweist auf Sekundär- und Tertiärliteratur, um den deutschen Militarismus zu entlarven. Er geht nicht auf zeitgenössische Quellen und Dokumente zurück, die belegen, daß in anderen Marinen ähnlich gedacht und gehandelt wurde und die Flotte auch im Hinblick auf die Seestreitkräfte Rußlands und Frankreichs geschaffen wurde, deren Kräftevereinigung man glaubte verhindern zu müssen.

Groß übersieht auch die Wirkungsmechanismen einer "fleet in being", ohne die das Gesamtgeschehen im Ersten und Zweiten Weltkrieg nicht zu verstehen ist und die das strategische Ringen so nachhaltig beeinflußt hat. Der erste Operationsplan mag versagt haben - wie der Stoß der Armeen im Westen -, aber ohne die gefechtsbereite Flotte in der Nordsee hätte die Entente schon 1914 über ausreichende Kräfte verfügt, die Ostsee-Eingänge zu kontrollieren und den russischen Armeen die so benötigte Munitionszufuhr zu ermöglichen.

Sie hätte auch im Mittelmeerraum viel aktiver werden und die Mittelmächte an deren Südfront treffen können. 1915 wäre die Öffnung der Dardanellen mit der Unterstützung durch stärkere Schlachtschiffseinheiten mit Sicherheit vollzogen worden, was die "Flotte" in der Nordsee und das kleine Detachement von "Gröben" und "Breslau" verhinderten. - Daß 1916 bei Skagerrak die Hochseeflotte nicht vernichtet wurde, besiegelte die Niederlage des Zarenreiches 1917.

Wieder hatte die einsatzbereite Streitmacht in der Nordsee Tatsachen geschaffen, die weit über ihre materielle Stärke hinausging. Auch der U-Bootkrieg war nur möglich durch die Deckung der Geschwader aus der deutschen Bucht heraus. "Ohne Flotte hätte es keinen U-Bootkrieg gegeben", stellte die Seekriegsleitung im Januar 1943 fest.

Kriegsmarine und Bundesmarine hatten keinen Bedarf an Rechtfertigungen à la Groß zum Nachweis ihrer Zukunfts- und Existenzberechtigung. H.-O. Ebner

Gerhard Groß (Hrsg.): "Der Krieg zur See 1914-1918 - Der Krieg in der Nordsee", Verlag E. S. Mittler & Sohn, Hamburg, Hardcover, 486 Seiten, 68 Euro, Best.-Nr. 6183


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