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26.05.07 / "Ich kann dich nicht ausstehen" / Die Macht der Worte wird oft unterschätzt, vor allem ihre verletzende Macht

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 21-07 vom 26. Mai 2007

"Ich kann dich nicht ausstehen"
Die Macht der Worte wird oft unterschätzt, vor allem ihre verletzende Macht
von Gabriele Lins

Sie saßen in einem Zimmer des Pfarrheimes im Kreis, zehn Mädchen im Alter von elf Jahren und ihre Leiterin. Schwester Aloysia hatte den Kindern etwas über die Macht der Worte vorgelesen, und hinterher hatten sie lebhaft darüber diskutiert.

"Zum besseren Verständnis dieses Themas machen wir jetzt noch ein Spiel", sagte die Nonne mit geheimnisvollem Lächeln und legte zehn leere Zettel auf den Tisch. "Jede von euch schreibt einen einzigen Satz, zum Beispiel: Ich mag dich, weil ... oder das Gegenteil, und dann liest sie ihn laut vor und gibt ihn der, für die er bestimmt ist. Ich hoffe, ihr seid ganz ehrlich und scheut euch nicht, die Wahrheit zu schreiben. Wer den Druck, der eventuell dabei entsteht, nicht aushalten und deshalb nicht mitmachen will, der kann es jetzt sagen. Niemand wird dazu gezwungen!"

Eifrig nahmen die Kinder die bereit liegenden Stifte und kritzelten mit hochroten Wangen etwas auf ihren Zettel. Keines der Mädchen verweigerte sich. Einige dachten länger nach, andere schrieben sofort los.

"So", nach einer Weile sah Schwester Aloysia die neben ihr sitzende Jenny an, "lies du als Erste vor, und dann geht es der Reihe nach."

Das Mädchen las: "Anna, ich mag dich sehr, weil ich dir vertrauen kann, deshalb bist du ja auch meine Freundin." Sie gab der ihr gegenüber sitzenden Anna den Zettel. Die errötete vor Freude und küßte Jenny auf die Wange. Alle klatschten.

Die nächste las: "Daniela, mir gefällt deine Ehrlichkeit, und deshalb hab ich dich gern." Und so ging es weiter: "Inga, ich finde, daß du sehr hübsch bist, und darum sehe ich dich gerne an." - "Eva, ich mag dich, weil du mir immer in Mathe hilfst." - "Simone, ich finde dich klasse, weil du mich oft zum Lachen bringst."

Nele wollte ihren Satz plötzlich nicht mehr vorlesen, aber als ihr die Schwester versicherte, daß jeder seine ehrliche Meinung haben dürfe, auch wenn sie nicht positiv sei, las sie leise und stockend vor: "Ilka, du hast an jedem etwas auszusetzen und wirst dabei oft ziemlich beleidigend, deshalb kann ich dich nicht ausstehen!" Sie stand auf und ließ dem Mädchen das schmale Papier vor die Füße fallen.

Entsetzte Stille herrschte. Ilka hob den Zettel nicht auf, warf ihren langen schwarzen Zopf mit hochmütigem Schwung über die Schulter und schritt mit der Würde einer Königin zur Tür, die sich leise hinter ihr schloß.

"Die ist jetzt stinkbeleidigt", stellte Daniela fest, "ehrlich gesagt, wäre ich das auch." Die anderen nickten. "Aber Nele hat Recht", meinte Laura, "Ilka stänkert dauernd herum. Wenn sie da ist, herrscht ewig Unfrieden. Vielleicht merkt sie jetzt endlich mal, wie man sich fühlt, wenn man immer negativ kritisiert wird."

Leise ging die Tür wieder auf. Ilka stand auf der Schwelle. Ihre Augen waren verweint. Sie setzte sich auf ihren Platz und lächelte schief. "Nele hat Recht." Ihre Stimme wackelte ein bißchen. "Ich bin ein Ekel. Aber wenn man zu Hause dauernd von seinem Vater ausgeschimpft und nie von seiner Mutter in Schutz genommen wird, dann möchte man vor Wut anderen auch eins verpassen. Manchmal kommt es mir vor, als könne mich niemand so richtig leiden. Könntet wenigstens ihr mich ein bißchen gern haben, auch wenn ich so eine Kratzbürste bin?"

Nicht nur die Mädchen saßen stumm da, auch die Nonne sah sinnend an die Decke, als läse sie dort oben die schlüssige Antwort. Die Stille war aber keine drückende, ungute mehr; im Gegenteil, sie legte sich wie Balsam auf die erhitzten Gemüter. Endlich stand Nele auf und nahm Ilka wortlos in die Arme.

Schwester Aloysia schneuzte sich geräuschvoll. "Ihr habt tatsächlich gerade die große Macht, die Worte haben können, erlebt. Wie schnell können sie Seelen vernichten, andererseits aber auch aufrichten. Achtet also immer darauf, was ihr sagt, und wie ihr es sagt." Und zu Nele und Ilka gewandt meinte sie ernst: "Ihr beide habt heute Größe bewiesen, jede auf ihre Art."


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