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26.05.07 / Auf Wasser gebaut / Die italienische Hauptstadt ist seit Jahrtausenden für ihre Brunnenarchitektur berühmt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 21-07 vom 26. Mai 2007

Auf Wasser gebaut
Die italienische Hauptstadt ist seit Jahrtausenden für ihre Brunnenarchitektur berühmt
von Helga Schnehagen

Rom ist die Stadt der Brunnen. Weit über 2000 findet man in der Ewigen Stadt. Es plätschert und fließt auf allen Plätzen - köstliches Gebirgswasser aus den Monti Sabini. Manchem ist schon der Blick ins kühle Naß innerliche Erfrischung. Etwa von den Travertinstufen der Spanischen Treppe, zu deren Füßen die Fontana della Barcaccia mitten in der Großstadt Wasser in ein versinkendes Schiff sprüht.

Bereits das alte Rom verfügte über solche Wassermassen wie nie eine Stadt zuvor. Zur Zeit der ersten Plünderung durch die Goten 410 n. Chr. führten elf Aquädukte Wasser nach Rom, wo es in mindestens 1212 Brunnen, elf großen kaiserlichen Thermen und 926 öffentlichen Bädern sprudelte. Nicht nur, um den Durst der Bewohner zu stillen und die Stadt zu zieren, sondern vor allem, um den ungeheuren Badekult des antiken Menschen zu befriedigen. Die Geschichte des kaiserlichen Rom mit all seiner Pracht war in Wasser geschrieben.

Die Barbareneinfälle vernichteten diesen Triumph der Hydraulik, der über Jahrhunderte ein Geheimnis bleiben sollte. Nur durch Zufall entdeckte der Humanist Poggio Bracciolini 1429 das verschollene Manuskript des zu Zeiten Nervas und Trajans tätigen römischen Wasserbauingenieurs Frontinus wieder. Mit seiner Hilfe begannen die Päpste der Renaissance nach über 1000jähriger Pause, das antike Bewässerungssystem zu restaurieren. Rom ist wohl die einzige Metropole der Welt, deren Wasser heute noch zum großen Teil nach antiken Methoden zirkuliert.

Mit der Rückkehr der Wassermengen setzte auch der Brunnenbau wieder ein. Schon die Brunnen im alten Rom müssen Weltwunder gewesen sein, geschmückt mit Statuen der größten griechischen Bildhauer. Reste von ihnen sind kaum noch vorhanden. Aus antikem Erbe entstanden ist jedoch die Brunnengruppe auf dem Monte Cavallo vor dem Quirinalspalast, wo einst Päpste und Könige residierten und jetzt Italiens Präsident. Der alles beherrschende 14 Meter hohe Obelisk stammt vom Augustus-Mausoleum, die mächtigen Rossebändiger Castor und Pollux aus den Konstantinsthermen, die auf dem westlichen Ausläufer des Hügels lagen. Für das heutige Ensemble brauchte es drei Päpste und über 200 Jahre. Sixtus V. beschloß um 1590, hier die Dioskuren aufzustellen, Pius VI. setzte um 1800 den Obelisken dazwischen und Pius VI. einige Jahre später das antike Granitbecken davor, dem eine Fontäne entspringt.

Acht Päpsten diente Gian Lorenzo Bernini als Baumeister und Bildhauer, länger als ein halbes Jahrhundert. Sie gaben ihm die großartigsten Aufträge, die je ein Künstler erhielt. Rom ist seine Stadt. Hier starb er auch 1680 nur wenige Tage vor seinem 82. Geburtstag. Sein Meisterwerk in der Sparte Brunnenbau ist zweifellos die Fontana dei Fiumi auf Roms schönstem Platz, der Piazza Navona. Nur drei Jahre brauchte das Genie des Barock, um mit Hilfe seiner Schüler den Vier-Stöme-Brunnen Mitte des 17. Jahrhunderts zu vollenden. Mit der Grotten-Fels-Landschaft im Zentrum setzte der Neapolitaner seinem heimatlichen Golf ein Denkmal. Mit den vier großen Statuen, die Nil, Ganges, Donau und La Plata darstellen und damit gleichzeitig die vier damals bekannten Erdteile Afrika, Asien, Europa und Amerika machte er den Hausplatz der Pamphili unter Innozenz X. zum Nabel Roms.

Exakt 111 Jahre später feierte die Fontana di Trevi ihre Vollendung. Ob der Brunnen am Ende der Acqua Vergine, der antiken Wasserleitung, die bereits die Thermen Agrippas mit dem erfrischenden Naß versorgte, nun Roms schönster ist, muß jeder selbst entscheiden. Großes Theater mit seinem Kulissenmix aus barocker Palastfassade und römischem Triumphbogen ist er allemal - und spätestens seit Anita Ekbergs nächtlichem Bad in Fellinis "La Dolce Vita" (1959) weltberühmt. Hauptdarsteller des Brunnen-Spektakels ist Okeanos, der Herrscher über die Fluten, den Meeresgötter und Seepferde im Muschelwagen durch Wasser ziehen. Niccolò Salvi begann den Trevi 1732. Giuseppe Pannini vollendete ihn 30 Jahre später.

Der Brauch, zum Abschied drei Münzen in den Trevi zu werfen, um nach Rom zurückzukehren, ist zum Schutz des Marmors offiziell zwar verboten. Aber "cosi fan tutti"- so machen es alle. Wenn der Wunsch sich auch nicht realisieren mag, einen guten Zweck erfüllt er in jedem Fall. Die Stadtverwaltung saugt regelmäßig die Münzen aus dem Becken und führt sie der Caritas zu.

Wer Rom an der Stazione Termini per Bahn verläßt, kommt fast immer am Najadenbrunnen der Piazza della Repubblica vorbei. Heute wird kaum noch jemand den Skandal nachvollziehen können, den er vor 100 Jahren bei seiner Einweihung verursachte. Zu erotisch, zu aufreizend fand man damals die zurückgelehnten Nymphen, die eher zu billigem Landwein passen würden als zur Reinheit des Wassers. Inzwischen sind vielen Mario Rutellis Najaden des Ozeans, der Seen, Flüsse und unterirdischen Ströme samt dem die Naturgewalten zügelnden Menschen in der Mitte feucht-fröhlicher Abschiedsgruß der "rauschenden" Stadt.

Foto: Der berühmteste Brunnen Roms: Die Fontana di Trevi gelangte mit "La Dolce Vita" zu Filmruhm.


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