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02.06.07 / Wie ich die "Wende" im TV erlebte / Vor 25 Jahren wurde die sozialliberale Schmidt-Regierung durch die christliberale Kohl-Regierung abgelöst

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 22-07 vom 02. Juni 2007

Wie ich die "Wende" im TV erlebte
Vor 25 Jahren wurde die sozialliberale Schmidt-Regierung durch die christliberale Kohl-Regierung abgelöst
von Manuel Ruoff

Abgesehen von einer punktartigen Detailerinnerung an die Guillaume-Affäre kannte ich nur Helmut Schmidt als Bundeskanzler. Amt und Amtsträger waren für mich also quasi fast synonym. Die SPD/FDP-Koalition hatte als Sozialliberalismus schon fast Weltanschauungscharakter, wurde als "historisches Bündnis von Arbeiterschaft und liberalem Bürgertum" ideologisch überhöht. Und diese scheinbar für die Ewigkeit geschlossene Ehe ging nun in die Brüche. Ich erinnere mich an die Fernsehbilder von der Übergabe der Entlassungs- beziehungsweise Ernennungsurkunden im Amtssitz des Bundespräsidenten. Die FDP-Minister waren zurückgetreten, ihre Ressorts auf die im Amt verbliebenen SPD-Minister verteilt. Es war eine Farce - die erste und bisher einzige SPD-Regierung.

Dort herrschte Endzeit-, in der Opposition hingegen Aufbruchstimmung ("Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt"). Im Fernsehen hieß es, die Gastronomie des Bundestages hätte den Auftrag bekommen, schon einmal den Sekt kalt zu stellen. Von wem der Auftrag kam, wollten die Bundestagsmitarbeiter nicht verraten. In der SPD herrschte blanke Wut. Von Verrat war die Rede. Man erinnert sich an entsprechende Äußerungen Schmidts und seines damaligen Regierungssprechers Klaus Bölling. Die FDP war in der Zerreißprobe. Im Fernsehen sollte es ein Streitgespräch zwischen der linksliberalen Ingrid Matthias-Meier und dem rechtsliberalen Jürgen Möllemann geben. Während der Sendung kam die Information, Möllemann müsse sich entschuldigen lassen, er wurde für die Regierungsbildung gebraucht.

Am 1. Oktober 1982 war es soweit. Die entscheidende Bundestagssitzung, in der über das Mißtrauensvotum abgestimmt werden sollte, stand an. Um 9 Uhr ging es los. Da waren wir pflichtgemäß in der Schule. Die vorletzte Unterrichtseinheit war Leistungskurs Gemeinschaftskunde. Da ging es samt Lehrer zu einem in der Nähe wohnenden Stufenkameraden, bei dem es im Wohnzimmer der Eltern eine Art "Public Viewing" für Schulkameraden gab. Nach der Gemeinschaftskundeeinheit mußte ich mich leider ausklinken und zurück zur Schule, immer in der Sorge, die Abstimmung zu verpassen. Dort hatte man im Medienraum zwischenzeitlich für die Schüler, die frei hatten, einen Fernseher aufgebaut und laufen. Ich aber mußte in den Englischunterricht. Wir standen alle, als die Lehrerin den Raum betrat und eine von uns die entscheidende Frage stellte. Die Englischlehrerin lächelte verständnisvoll und meinte, weil wir sonst so gut mitarbeiten würden, könnten auch wir in den Medienraum. Da habe ich dann die letzte Unterrichtseinheit vor dem Bildschirm verbracht, aber auch dort habe ich die Entscheidung nicht erlebt. Die fiel erst um kurz nach 15 Uhr, und da war ich bereits zu Hause.

Danach hieß es, Helmut Kohl müsse sich umziehen. Für die Übernahme der Ernennungsurkunde durch den Bundespräsidenten wählte er einen Cut. Das war für mich eine neue Kultur. Cuts kannte ich bis dahin nur aus den Geschichtsbüchern - Weimarer Republik, bestenfalls noch frühe Bundesrepublik und so. Und dann kamen die Vereidigung Kohls im Bundestag und anschließend die Bilder von einem in einer ansonsten leeren Regierungsbank sitzenden Bundeskanzler Helmut Kohl. Ein unvergeßlicher Augenblick.


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