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02.06.07 / Ost-Deutsch (17): Anschluß

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 22-07 vom 02. Juni 2007

Ost-Deutsch (17):
Anschluß
von Wolf Oschlies

Nordrhein-Westfalen feiert Lippe-Anschluß", kommentierte Anfang Mai der Deutsche Depeschendienst ddp das Aufgehen des Freistaats Lippe im neuen Bundesland NRW vor 60 Jahren: Eine klare Aussage - mit einem Wort von unbegrenzter Verwendungsvielfalt: Anschluß suchen, kein Anschluß unter dieser Nummer, Gas-, Strom-, Wasseranschluß, Anschlußzug, im Anschluß an die Feier, dazu noch der "Anschluß" Österreichs an das Deutsche Reich am 12. März 1938, der eine de-facto-Annexion war. Oder nicht?

"Del prebivalstva je pozdravil anslus", gaben slowenische Blätter eine jüngste Äußerung des österreichischen Bundespräsidenten Heinz Fischer wieder: Ein Teil der Bevölkerung begrüßte den Anschluß.

Nur in diesem Kontext lebt das Wort in Osteuropa seit Jahrzehnten: Keine historische Analyse, kein Geschichtslehrbuch, in dem die Ereignisse von 1938 nicht als "anslus, ansljus, anszlus" - oder wie das Wort bei Tschechen, Russen, Polen etc. geschrieben wird - firmierte.

Und weiter ging's - mit Polemiken gegen die deutsche Wiedervereinigung, die tschechische Linksblätter 2005 als "15 let anslusu" (15 Jahre Anschluß) empfanden, gegen die Osterweiterung von Nato und EU, für Russen ein "barchantnyj ansljus" (samtener Anschluß), gegen Pressekonzentrationen in Polen, den "papierowy anszlus", gegen Bemühungen von Kroaten und Slowenen um Landsleute im Ausland, was Kritiker als "priprema anslusa" (Vorbereitung eines Anschlusses) verdächtigten, gegen Pläne, bosnischen Volkstumshader per "anslus" an Nachbarländer zu regeln etc.

Bis vor drei Jahren hatte die Wortwahl ironischen Beiklang angenommen: Moskauer Bankenfusionen, russisch-weißrussischer Erdöl-Schacher, Erweiterungsvorhaben von Kiew - alles (und viel mehr) ist "ansljus".

Seit einigen Monaten ist sie wieder ernst: "Ansljus ne sostoitsja" (Anschluß findet nicht statt) sagte Moskau russischen Sezessionisten im Kaukasus.

Und dem Kosovo wollen Kommentatoren in ganz Osteuropa gar ein "Anschlußverbot" erteilen - wie es 1920 der Vertrag von Saint-Germain für Österreich verfügte.


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