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02.06.07 / Schwelender Krisenherd / Pakistan identifiziert sich nur über seine Feinde und kann so niemals Ruhe finden

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 22-07 vom 02. Juni 2007

Schwelender Krisenherd
Pakistan identifiziert sich nur über seine Feinde und kann so niemals Ruhe finden
von R. G. Kerschhofer

Die jüngsten blutigen Unruhen haben wieder daran erinnert, daß auch Pakistan ein gefährlicher Krisenherd ist. Auslöser war diesmal die Absetzung des obersten Richters Iftikar Muhammad Chaudry durch Präsident Pervez Musharraf. Aber auch jeder andere Vorfall hätte Massendemonstrationen auslösen können, denn die ethnischen, religiösen und sozialen Spannungen sind übergroß. Pakistan ist zudem direkt in die Afghanistan-Krise sowie indirekt in den Nahost-Konflikt verstrickt, und Zusammenstöße zwischen Hindus und Muslimen in Indien lassen erst recht keinen kalt.

Chaudry und die Rechtsanwälte, die in Anzug und Krawatte für ihn auf die Straße gingen, sind weltliche Juristen mit zum Teil westlicher Ausbildung, und das pakistanische Rechtssystem baut auf britischem "Common Law" auf. Doch während der Militärdiktatur von Präsident Zia ul-Haq 1977 bis 1988 wurde auch die Scharia eingeführt. Parallel zum weltlichen Höchstgericht gibt es ein islamisches, das prüft, ob Gesetze und Verordnungen dem Islam widersprechen. Im Familien- und Erbrecht gilt die Scharia allgemein, im Strafrecht nur teilweise. Da die Regierung aber kaum die Hälfte des Landes kontrolliert, wird die Scharia in manchen Gegenden vollumfänglich umgesetzt.

Auf welch schwachen Beinen die Rechtsordnung steht, illustrieren auch die "Burka-Brigaden". Es sind dies tausende mit Burkas verhüllte und langen Bambusstangen bewaffnete Koran-Schülerinnen, die gegen "Sünder" aller Art gewaltsam einschreiten. Selbst Polizei und Armee gehen den Burka-Furien aus dem Weg. Der Moral-Terror islamistischer Fanatiker forderte vorige Woche auch ein (weiteres) politisches Opfer: Die Tourismus-Ministerin Nilofar Bakhtiar mußte zurücktreten, als bekanntgeworden war, daß sie in Frankreich bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung für pakistanische Erdbebenopfer einen Tandem-Fallschirmsprung absolviert und nach glücklicher Landung spontan ihren Fluglehrer umarmt hatte - einen fremden Mann! Sie kann wohl froh sein, wenn sie nicht gesteinigt wird.

Pakistan hatte von Anfang an (1947) ein Identitätsproblem: Der Staat hat kein historisches Vorbild. Das Staatsvolk besteht aus mehreren Völkerschaften und Stämmen. Und die Staatsgrenzen zu Indien, Afghanistan und Iran gehen quer durch die Siedlungsgebiete der vier größten Gruppen, der Pandschabi, Paschtunen, Sindhi und Belutschen. Einziges ideelles Band ist der Islam. Doch selbst Religion wirkt nur solange "national", als ein gemeinsames Feindbild allgegenwärtig ist. Für Pakistan war es zunächst das mehrheitlich hinduistische Indien. Unter US-Einfluß kam die "gottlose" Sowjetunion dazu, die ihrerseits enge Beziehungen zu Indien unterhielt.

Nach dem Sowjet-Einmarsch in Afghanistan Ende 1979 wurde Pakistan zur wichtigsten Basis im Kampf gegen die Invasoren, einem Stellvertreterkrieg.

Es war der Zauberlehrling USA, der damals in Pakistan jene Leute aufrüstete, die später als Taliban und El-Kaida zum Albtraum werden sollten. Als diese schließlich zu Terroristen erklärt wurden, entstand in Pakistan zwangsläufig der Eindruck, daß man im Kampf gegen die "Gottlosen" von den "Ungläubigen" mißbraucht worden war.

Seit dem Zerfall der Sowjetunion und dem Sturz der afghanischen Kommunisten 1992 ist das eine Feindbild weg, und Anläufe zur Aussöhnung mit Indien lassen auch das andere verblassen. Aber im Gefolge der Terroranschläge vom 11. September 2001 trat ein neues in den Vordergrund: Der Westen. Allerdings ohne einigende Wirkung, im Gegenteil. Denn da der 1999 durch einen Militärputsch an die Macht gekommene Musharraf auf massiven Druck der USA hin die Intervention in Afghanistan unterstützte und in begrenztem Maß gegen Islamisten vorgeht, sind er und seine Anhänger für die meisten Pakistaner Komplizen der "Ungläubigen".

Es ist ein vertrautes Szenario: Der Westen verbündet sich wissentlich mit Leuten, die in keiner Weise den vielbemühten "westlichen Werten" entsprechen. Man macht die "Geförderten" damit im eigenen Land noch mehr verhaßt, hindert sie aber zugleich, konsequent gegen Oppositionelle vorzugehen. Beides spielt Extremisten in die Hände und führt letztlich ins Chaos. Wann es in Pakistan soweit ist, bleibt Spekulation - an möglichen Auslösern mangelt es nicht. Die Atommacht Pakistan gilt heute als eines der korruptesten Länder der Welt - wenig überraschend angesichts der ethnischen Zersplitterung. Und im rohstoffreichen Belutschistan agiert seit Jahrzehnten eine militante Unabhängigkeitsbewegung.


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