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02.06.07 / Ein Fest für die Sinne / "Ein Leben in Schönheit": Das Edwin-Scharff-Museum in Neu-Ulm zeigt eine Ausstellung zum Thema Jugendstil

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 22-07 vom 02. Juni 2007

Ein Fest für die Sinne
"Ein Leben in Schönheit": Das Edwin-Scharff-Museum in Neu-Ulm zeigt eine Ausstellung zum Thema Jugendstil
von Silke Osman

Nach und nach waren sie verschwunden, die klaren, geraden Linien, die strengen Winkel. An ihre Stelle waren weich schwingende Kurven, üppige Ornamente, schmuck-volle Schleifen und Ranken getreten. Ganz Europa war in den Bann des Jugendstil geraten, wenn diese Kunstrichtung auch in jedem Land einen anderen Namen bekommen hatte. In Deutschland sprach man vom "Jugendstil", angelehnt an die damals sehr gern gelesene Zeitschrift "Die Jugend" (1896-1940), die Illustrationen im neuen Stil veröffentlichte. In Frankreich war es "Art Nouveau", die neue Kunst. Als Anregung für den Namen diente das "Maison de

l'Art Nouveau", eine Galerie in Paris, die der Hamburger Siegfried Samuel Bing betrieb. Dort verkaufte er zunächst japanische Kunst, bevor er sein Geschäft als Verkaufsfläche, Kunstgalerie und Ausstellungsort kombinierte und Aufträge an Künstler vergab, die den neuen Stil vertraten. In Italien sprach man vom "Stilo Moderno", in Spanien von "Modernismo" und betonte damit die Modernität und Erneuerungskraft der Bewegung. Aber auch vom "Englischen Stil" (Italien) oder "Belgischen Stil" (Deutschland) war die Rede. "Stilo libero" spielt schließlich auf das englische Nobelwarenhaus "Style Liberty" in London an, das Arbeiten von Jugendstilkünstlern ausstellte. In Österreich endlich sprach man vom "Sezessionsstil". Spötter hingegen erfreuten sich am "Nudelstil" und spielten damit auf die sich kringelnden und schlängelnden Haarsträhnen der schönen Frauen auf so manchem Gemälde oder Plakat an.

Wenn auch der neue Stil sich geradezu rasant in Europa verbreitete, so war ihm doch keine lange Lebensdauer vergönnt. Ab der Zeit um 1910 ging man andere Wege. 1895 trat der Jugendstil erstmals in Erscheinung. Vier Jahre später schon bestimmte er die Gestaltung und Ideenwelt der Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt, wo man noch heute "Jugendstil pur" bewundern kann.

Die Wurzeln der Stilrichtung liegen im viktorianischen England, wo sich in der Arts-and-Crafts-Bewegung Künstler und Kunsthandwerker zusammengefunden hatten, um gemeinsam gegen die Folgen der Industrialisierung anzukämpfen. "Der Jugendstil bezieht seine Dynamik aus der Ablehnung des zeitgenössischen Kunsthandwerks, das im Zuge der Industrialisierung zunehmend verfällt und ideenlos wird. Vor allem ist es aber die Übersättigung durch die Formwiederholungen des Historismus - die Nachahmung vorausgegangener Stile - die zum Ansporn und verbindenden Element verschiedener Strömungen wird: Anregungen erfährt der Jugendstil im wesentlichen durch die ästhetische und sozialreformatorische Arts-and-Crafts-Bewegung (um 1850) in England sowie die nahezu zeitgleiche Entdeckung japanischer Kunst. In rasanter Geschwindigkeit wird die echte Erneuerungsbewegung zu einem internationalen kunstgeschichtlichen Phänomen. Ihren Höhepunkt erlebt sie um 1900", erläutern die Ausstellungsmacher des Neu-Ulmer Edwin-Scharff-Museums, wo erstmals in der Geschichte des Hauses alle Aspekte einer Epoche in einer Ausstellung gezeigt werden.

"Ein Leben in Schönheit" ist der Titel der großen Jugendstil-Ausstellung mit kostbaren Silber- und Zinn- sowie Glasobjekten aus zwei Privatsammlungen. Anschaulich wird die "Schönheitssehnsucht, die Freude an dekorativer und solider Handwerkskunst und die dahinter stehende Haltung einer Kunstrichtung gewürdigt, die nur von kurzer Dauer war, aber bis heute unvergessen ist". In Kombination mit ausgesuchten Möbeln, kostbaren Vasen, Bildern und Skulpturen werden Beispiele angewandter Kunst aus der Zeit des Jugendstils präsentiert.

Im Mittelpunkt der Schau, die den Jugendstil in einem Wohnraum-Ensemble inszeniert, steht eine private Ulmer Sammlung von Silber- und Zinnobjekten. Diese wird ergänzt durch wertvolle Glasobjekte eines weiteren Ulmer Sammlers. Die beiden Privatsammlungen führen die Durchdringung von Kunst und Kunsthandwerk anschaulich vor Augen und weisen den Stil als Wegbereiter der Moderne aus. Bereichert wird das Projekt durch Leihgaben von zehn renommierten Museen aus ganz Deutschland.

Besondere Glanzpunkte der Ausstellung sind Otto Eckmanns "Schwanenteppich" und Peter Behrens' Farbholzschnitt "Der Kuß" - beides Inkunabeln des Jugendstils - sowie Gläser von Emile Gallé und frühe Arbeiten von August Macke. Macke und auch Scharff setzten sich mit der Formensprache des Jugendstil kurzzeitig auseinander. Scharff wurde in München durch den neuen Stil geprägt, während Macke an der Düsseldorfer Kunstgewerbeschule Anregungen empfing. Dort unterrichtete Peter Behrens, einer der führenden Künstler des Jugendstils.

Der Schwerpunkt der Sammlung von Silber- und Zinnobjekten, die in diesem Umfang übrigens erstmals öffentlich gezeigt werden, liegt auf den Arbeiten der Kölner Firma "Orivit", die hochwertige silberähnliche Zinnlegierungen schuf, 1905 aber wegen geringer Nachfrage in der Württembergischen Metallwarenfabrik (WMF) aufging. Von der Schreibtisch- und Raucherausstattung für den Herrn über Toiletteartikel für die Dame bis hin zu Gegenständen der gepflegten Tafelkultur reicht die Zinnausstattung des Jugendstils.

Ein weiterer Höhepunkt ist die Glaskunst. Die Gläser waren zuallererst kleine Kunstwerke und wurden nicht benutzt. Einzelgläser waren sogar signiert. Und der Name Emile Gallé zeugt noch heute von herausragender Qualität.

Doch auch in Deutschland, in Böhmen zum Beispiel, gelangen den Glasbläsern großartige Exemplare, wenn auch mit weniger Dekoration, so doch mit einer besonderen Oberflächengestaltung, welche die Gläser metallisch glänzen läßt.

Ob Glas, Silber oder Zinn - alle Exponate bereiten ein Fest für die Sinne, ganz im Zeichen des Jugendstils.

Ein umfangreiches Rahmenprogramm begleitet die Ausstellung. So werden im Juni und Juli literarische Führungen angeboten, die von der Schauspielerin Anuschka Michalk gestaltet werden. Offene Museumswerkstätten für Kinder und ein "atelier für kinder" sowie drei Kurse im Rahmen des "ateliers im museum" runden das Programm ab.

Die Jugendstil-Ausstellung im Edwin-Scharff-Museum, Petrusplatz, 89231 Neu-Ulm, ist dienstags, mittwochs, freitags und sonn-abends von 13 bis 17 Uhr, donnerstags von 13 bis 19 Uhr und sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Weitere Informationen sind im Internet unter www.edwinscharffmuseum.de zu finden.

Foto: Peter Behrens: Der Kuß (Farbholzschnitt)


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