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02.06.07 / Kleine Beichte / Vaclav Havel und Tschechien

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 22-07 vom 02. Juni 2007

Kleine Beichte
Vaclav Havel und Tschechien

"Fassen Sie sich bitte kurz" heißen die Gedanken und Erinnerungen von Vaclav Havel.

Zugegeben, das mit dem sich kurz fassen ist dem tschechischen Schriftsteller und Politiker nicht gelungen, aber dafür hat der Mann, der als Oppositioneller die Samtene Revolution in der Tschechoslowakei vorantrieb und der von 1989 bis 1992 Präsident der Tschechoslowakei und von 1993 bis 2003 Präsident der Tschechischen Republik war, auch zu viel zu erzählen.

Havel wäre nicht der Schriftsteller, der er ist, wenn er sich nicht etwas Besonderes hätte einfallen lassen, um dem Interessierten seine Autobiographie zu präsentieren. Er mischt Interviewpassagen mit eigenen briefartigen Aufzeichnungen aus dem Jahr 2005 und Notizen aus den Jahren 1993 bis 2003, die er sich als Präsident für seine Alltagsarbeit gemacht hatte. Die etwas eigenwillige Form hat aber durchaus ihren literarischen Reiz, und der Leser kann sogar praktischen Nutzen aus ihr ziehen: Er liest nur das, was ihn wirklich interessiert.

Seine briefartigen Aufzeichnungen lesen sich deswegen unterhaltsam, weil sie von seiner Zeit in Washington berichten, wo er viel mit US-Politikern und Studenten zusammentraf. Besonders über die Clintons und Madeleine Albright weiß er Erquickliches zu berichten. Gleichzeitig sind seine verwunderten Feststellungen über den American way of life auch sehr lesenswert. Auch seine Antworten auf die teilweise sehr persönlichen und kritischen Fragen sind spannend zu lesen, zumal Havel sehr offen antwortet. Auch über sein Verhältnis zu seinem tschechischen Gegenspieler Vaclav Klaus spricht er sehr ehrlich und selbstkritisch. So gibt er zu, daß die Autorität, die Klaus ausgestrahlt habe, ihn manchmal so beeinflußt habe, daß er gegen seine Überzeugungen eingeknickt sei.

Des weiteren versucht er keineswegs, seine Rolle in der nahen tschechischen Vergangenheit zu glorifizieren. So gibt er zu, daß er die Teilung der Tschechoslowakei in Tschechei und Slowakei im Jahr 1992 so nicht vorausgesehen habe, da er die Befindlichkeiten der Slowaken nie ganz verstanden habe. In diesem Zusammenhang versucht er zu erklären, warum es damals keine Volksbefragung gegeben hat und warum es gut sei, daß die Teilung des Landes von oben erfolgt ist.

Spannend liest sich auch Vaclav Havels Kritik an der derzeitigen Politik Tschechiens: "Wir zerstören unsere Landschaft, um sinnlos ausgebreitete Industriezonen zu errichten, in der Hoffnung, daß ein reicher Ausländer vorbeikommt und dort eine Fabrikhalle baut, deren Betrieb er zwar fünf Jahre später nach Pakistan verlegt, aber eben erst in fünf Jahren. Ein wenig erinnert mich das an die Mädchen, die an der E55 auf die vorbeifahrenden Deutschen warten." Rebecca Bellano

Vaclav Havel: "Fassen Sie sich bitte kurz", rowohlt, Reinbek 2007, geb., 406 Seiten, 19,90 Euro, Best.-Nr. 6191


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