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02.06.07 / Überleben im Jahr 1948 / Stubben roden, Ähren sammeln, Kartoffeln stoppeln, Beeren und Waldpilze sammeln

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 22-07 vom 02. Juni 2007

Überleben im Jahr 1948
Stubben roden, Ähren sammeln, Kartoffeln stoppeln, Beeren und Waldpilze sammeln
von Klaus Lehmann

Nach unserer Flucht vor der Roten Armee im bitterkalten Winter des Jahres 1945 aus Heinrikau im Ermland war unsere Familie über und durch verschiedene Zwischenaufenthalte in Herfahrt, einem winzigen Ort bei Itzehoe, gelandet. Vater war nach langem, bangen Hoffen auch endlich wieder bei uns. In Ostholstein war er nach unfreiwilligen Jahren als Soldat in britischer Kriegsgefangenschaft gewesen. Als ehemals selbständiger Schneidermeister hatte er sich, hier in der Fremde, sogar wieder eine kleine Schneiderwerkstatt eingerichtet. Ein handgezimmerter Schneidertisch, eine gebrauchte Anprobepuppe, eine uralte Nähmaschine gaben Vater wieder neuen Auftrieb und das angeschlagene Selbstbewußtsein zurück.

Mein Bett stand hier zwischen einem Stapel aufgetrennter Wehrmachtsmäntel und der alten Nähmaschine. In der Ecke die Bretterschlafstatt meiner fünfjährigen Schwester. Nachbar Sch., der Zimmermann war, hatte dafür Hand angelegt. In der anderen Ecke eine große Emailleschüssel mit selbst hergestelltem Kartoffelmehl. Wenn man die frisch geriebenen Kartoffeln durch ein Tuch gepreßt hatte und alles lange genug stehen ließ, erhielt man diese köstliche Speisezutat. Suppen, Saucen und noch vieles mehr ließen sich dann mit dem Kartoffelmehl verfeinern.

Draußen aufgeregtes Glockengebimmel und eine schrille Ausrufer-Stimme: "Achtung, Achtung! Morgen ab 14 Uhr kostenfreies Stubbenroden im Kremperheider Wald." Schon Tage vorher hatte es sich gerüchteweise herumgesprochen: Die britische Besatzungsmacht erlaubte das Roden von Stubben an einem Tag der Woche im Kremperheider Wald. Gerodete Stubben waren bestes Brennholz für die gußeiserne Ofenhexe und den altertümlichen, aber noch gut beheizbaren Kachelofen. Das Zerkleinern dieses begehrten Holzes machte allerdings - besonders für Ungeübte - sehr viel Arbeit. Zuerst versuchte man, große Holzkeile oder - falls vorhanden - auch Keile aus Eisen in das Stubbenholz hineinzutreiben. Ganz einfach war das nicht. Es kam auch vor, daß Holzkeile splitterten oder Stahlkeile abglitten und durch die Gegend flogen. Die Feinbearbeitung der gespaltenen Stubben erfolgte mit einer langstieligen Axt oder mit kleinen Stahlkeilen.

Ganz Schlaue hatten sich für das Stubbenroden sogar herumliegende Munition von dem nahen Truppenübungsplatz "besorgt". Vor zwei Wochen hatte sich dabei ein mutiger "Stubbenroder" gefährliche Gesichtsverletzungen hinzugezogen. Die Gier nach gutem Brennholz war wohl stärker als das Erkennen des gefährlichen Leichtsinns.

Es klopft energisch an der Haustür. Schnell geht Mutter hin und öffnet einen Spalt. Nachbar K. fragt mit lauter Stimme, ob wir auch nach Kremperheide "zum Holz holen" mitkommen. Er hat bereits Bauer E. gebeten, mit einem Pferdegespann die gerodeten Stubben abzutransportieren. Gegen Nachbarschaftshilfe beim anstehenden Einschlagen von Zaunpfählen auf den Viehweiden hat sich dieser dann bereit erklärt.

Ein gehäufter Pferdewagen voll des kostbaren Holzes wurde auch alsdann herbeigebracht. Mit vereinten Kräften ging es jetzt ans Werk. Großvater, Vater und auch wir Kinder waren voller Eifer dabei. Immerhin konnte ich schon die Keile und die Säge bereithalten und hingeben. Ebenso die Holzreste und Späne zusammenharken. Auch beim Stapeln des kostbaren Holzes waren meine Schwester und ich mit Eifer dabei.

Schließlich hatte uns Mutter ein paar köstliche selbstgekochte Sahnebonbons aus der schmiedeeisernen Pfanne versprochen.

Bunt waren schon die Wälder, gelb die Stoppelfelder ... Hochwillkommene Zeit, um Kornähren einzusammeln. Natürlich durften da auch wir Kinder mitmachen. Alte Wehrmachtskochgeschirre und Konservendosen mit primitiven Drahthenkeln dienten als Sammelbehälter. "Daß ihr mir aber ja keine Ähren aus den Hocken abreißt", hatte uns Mutter noch eingeschärft. "Und zankt euch nicht, wer die meisten nach Hause bringt. Ihr bekommt jeder zehn Pfennig, ist das klar?" - Und ob das klar war!

Mit den Nachbarskindern standen wir am abgemähten Weizenfeld. Durch meine durchgelaufenen Schuhe konnte ich die Stoppeln teilweise recht schmerzhaft spüren. Aber dennoch, es tat dem Sammeleifer keinen Abbruch.

Auch die alten Nachbarsleute, Oma und Opa D., wie wir sie nannten, sammelten fleißig mit. Opa D. trug einen abgeschnittenen Jutesack und Oma D. eine kleine Milchkanne zum Einsammeln.

Und da standen sie, prächtig anzusehende Hocken mit prallen Weizenähren. Sollte man nicht wenigstens ein paar Ähren da ganz vorsichtig abknipsen? Nein, lieber doch nicht! Mutters Warnung wirkte sehr nachhaltig. Fassungslos wurden wir aber Zeuge, wie ein erwachsener Mann sich dennoch einfach an den Hocken bediente. Verschämt sahen wir einfach weg.

Eine besonders leckere Köstlichkeit waren Kartoffelpuffer mit Apfelmus aus Fallobst vom Straßenrand. Geflüchtete Ostpreußen und inzwischen sogar einige Einheimische kochten delikate Kartoffelklöße - mit gebratenen Speckstückchen, ein wahrer Gaumenschmaus.

Lange, sehr lange, ist das alles her. Dringend benötigtes Brennholz, mühsam gerodet und mit großer Muskelkraft zerkleinert. Mehl zum Backen aus umständlich gesammelten Kornähren, gemahlen in einer alten Kaffeemühle. Gestoppelte Kartoffeln verschiedener Sorten, heimtransportiert in klapprigen Handwagen oder mühselig mit vollem Jutesack auf dem Fahrrad oder dem Buckel nach Hause geschleppt.

Wer denkt heute noch daran zurück, als in Schleswig Holstein im Jahr 1948 jedem Deutschen 1185 Kalorien von der britischen Siegermacht zugestanden wurden. Stubben roden, Ähren sammeln und Kartoffeln stoppeln und natürlich wilde Pilze und Beeren sammeln - damals für manchen der einzige Weg zum Überleben in trostloser Zeit!


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