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02.06.07 / Auf Granit gebaute Blütenpracht / Guernsey: Die britische Kanalinsel bezaubert durch französisches Flair

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 22-07 vom 02. Juni 2007

Auf Granit gebaute Blütenpracht
Guernsey: Die britische Kanalinsel bezaubert durch französisches Flair
von Cornelia Höhling

Gunter Botzenhardt war 20 Jahre alt, als er nach Guernsey kam. Heute ist er 45. Damals, erinnert er sich, war er in dem kleinen Reisebüro nahezu der einzige mit diesem Reiseziel. Heute führt der deutsche Koch erfolgreich das Fischrestaurant "Le Nautique" in einem alten Lagerhaus der Inselhauptstadt St. Peter Port - der stimmungsvollsten Stadt der britischen Kanalinseln, wie er betont.

Anders Victor Hugo (1802-1885). Als er die zweitgrößte Insel im Ärmelkanal zum Exil wählte, hatte er bereits sein 53. Lebensjahr erreicht und war berühmt. 14 lange Jahre hielt es der französische Schriftsteller im Hauteville House in St. Peter Port aus, das heute als Museum mit Originaleinrichtung zahlreiche Besucher anlockt. Schließlich war die Heimat nah. Vom Dach seines Hauses konnte Hugo die Normandie sehen. Bis zur französischen Nordküste sind es nur 43 Kilometer. Das britische Festland liegt dreimal so weit entfernt.

Ob berühmt oder nicht, längst haben Touristen und Naturliebhaber die Vorzüge der Kanalinsel für sich entdeckt. Besonders zwischen April und Oktober ist der Ansturm groß. Dann bezaubert nicht nur in Hugos Garten die Blütenpracht.

Vom milden Golfstrom klimatisch begünstigt, grünt und blüht es überall. Tomaten sind in der Regel einen Monat früher als im Vereinigten Königreich reif. Bis die EU dazwischenfunkte, war deshalb die Guernsey-Tom der Exportschlager für den Markt von Südostengland. Exportiert wird auch das Guernsey-Rind, sogar bis nach Amerika. Besucher begegnen auf ihren Wanderungen und Radtouren immer wieder den goldbraunweißen Kühen, von denen es derzeit etwa 2500 auf der Insel gibt, und schätzen vor allem ihre extrem fetthaltige Milch (bis fünf Prozent). Auch die Butter ist an der goldgelben Farbe zu erkennen.

Über 44 Kilometer Küstenwanderwege führen durch die abwechslungsreiche Landschaft. Die schönen Steilküsten und Badestellen, die hauptsächlich den Südosten prägen, waren einst Inspiration für Hugo, aber auch für französische Impressionisten wie Auguste Renoir (1841-1919). Wobei das Hauptinteresse des Malers mehr den englischen Mädchen gegolten haben soll, die sich in Moulin Huet, einer der 27 Buchten der Insel, zum Baden umkleideten.

Die Ebenen an Nord- und Westküste der Insel laden zum Radfahren ein. Die Wege sind gut ausgeschildert und fast alle Routen im Kreis angelegt. So führen sie in die stille Natur, streifen aber auch die historischen Sehenswürdigkeiten wie die sogenannten Dolmen, Megalithgräber aus der Jungsteinzeit. Steine gibt es auch heute noch reichlich. Guernsey ist förmlich auf Granit gebaut, der in zwölf Farben schimmert: im Norden mehr blau, im Süden eher pink. In 260 Steinbrüchen wird das wichtige Exportgut abgebaut. Auch die Türme der Tower Bridge in London sollen aus Guernsey-Granit bestehen.

Kaum ein Tourist, der sich nicht auf den Weg ins grüne Herz der Insel macht, um in der Nähe von St. Andrew Guernseys "größten Scherbenhaufen" zu sehen. Ein Franzose, Bruder Déodat, hatte 1914 begonnen, die kleinste Kirche der Welt innen und außen mit Muscheln, Kieselsteinen und Bruchstücken farbigen Porzellans zu dekorieren, als wolle er dem Blütenmeer der Natur Konkurrenz machen. Mit Innenabmessungen von fünf mal drei Metern gilt die Miniatur-Ausgabe der Grotte von Lourdes in Frankreich als Guernseys meistbesuchte Attraktion.

Immer wieder ist französischer Charme zu spüren. Zweifellos liegt das an der Nähe zur Normandie, zu der die Inseln vorübergehend gehörten. Einige Nachnamen, das normannische Recht und das Norman-French erinnern daran, wenngleich die Sprache kaum noch verstanden und gesprochen wird. Auch findet sich in den hochwertigen Restaurants französisch inspirierte Cuisine. Eine seltene Spezialität ist die köstliche Abalone, auch Seeohr genannt.

Früher konnte man von dem an der geschützten Ostküste gelegenen St. Peter Port nur bei Ebbe zum Castle Cornet gelangen. Einst wurde es zur Abwehr einer französischen Invasion errichtet. Heute beherbergt es zahlreiche Museen und ein Freilichttheater. Mittags wird täglich ein Böllerschuß abgefeuert. Inzwischen verbindet eine 800 Meter lange Mole die Festungsanlage mit der Hafenpromenade. Die Marina bietet fast 1500 Liegeplätze für Yachten und Fischkutter. Auch Gunter Botzenhardts Restaurant liegt in Reichweite der Yachten. Die leckeren Krebse, Hummer und Muscheln auf seiner Speisekarte stammen aus lokalen Fanggründen.

 

Die Kanalinsel Guernsey

Mit einer Fläche von rund 40 Quadratkilometern und etwa 60000 Einwohnern ist Guernsey nach Jersey die zweitgrößte Insel im Ärmelkanal zwischen Frankreich und Großbritannien. Die Inseln sind zwar britisch, aber kein Teil des Vereinigten Königreichs, sondern als Kronbesitz direkt der britischen Krone unterstellt. Guernsey gilt als die konservativere der beiden Hauptinseln, weil hier die Freikirchen großen Einfluß etwa auf Öffnungszeiten von Bars und Diskos haben. Für Finanzgeschäfte ist sie jedoch gleichermaßen interessant. Da die Inseln dem Zugriff Londons und der EU entzogen sind, gelten sie seit Jahrzehnten als Steuerparadies. Auf Guernsey sind 23 Prozent aller Arbeitskräfte im Finanzsektor tätig und erwirtschaften 32 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Zehn bis 15 Prozent bringt der Tourismus.

Foto: "Größter Scherbenhaufen": Eine Kirche aus Muscheln


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