© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 27-07 vom 07. Juli 2007

"Open this Gate!"
20 Jahre nach Reagans Berlin-Besuch: Streit um Autorenschaft seiner historischen Rede
von Partick O'Brian

Herr Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor. Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer ein." Diese Worte machten vor genau 20 Jahren Geschichte. Ronald Reagan (gest. 2004), damals in Deutschland so angefeindet wie heute sein Nachfolger George W. Bush, forderte vor dem Brandenburger Tor die Öffnung der Grenze, und kaum jemand wagte zu hoffen, daß sie tatsächlich so kurz bevorstand.

Das Jubiläum dieser Rede (12. Juni 1987) wurde in der Berliner und der überregionalen Presse ausgiebig gewürdigt und veranlaßte CDU-Oppositionsführer Friedbert Pflüger zu der Forderung nach einer Ronald-Reagan-Straße. Pflügers Vorschlag richtete sich indirekt auch gegen den Regierenden Bürgermeister, der für Reagan nichts übrig zu haben scheint: Wowereit ließ die Gelegenheit verstreichen, an einer Trauerfeier anläßlich des Todes von Ronald Reagan (5. Juni 2004) teilzunehmen, obwohl er gerade ganz in der Nähe der Ronald-Reagan-Bibliothek war.

Dem deutsch-amerikanischen Verhältnis würde eine Erinnerung an Reagan im Straßenbild sicherlich guttun. Aus der Welt wären die Streitigkeiten damit jedoch nicht.

Allein der Bau der neuen US-Botschaft hat das Verhältnis des Berliner Senats zu den USA einer schweren Belastung ausgesetzt. Langsam, sehr langsam nimmt das Gebäude endlich  Gestalt an. Unmittelbar südlich des Brandenburger Tors entsteht die US-Botschaft, um deren Bau so heftig gerungen worden ist.

Erst hatten die Amerikaner immer wieder die Baupläne verändert und gerieten dabei auch mit dem Senat in Streit. 1996 gab es bereits einen Bauplan. Als endlich 2003 der Bauantrag eingereicht wurde, hieß es, spätestens 2007 sei die Botschaft fertig.

Als erst vergangenen Oktober endlich das Richtfest gefeiert wurde, war längst klar, daß die Eröffnung bis 2008 verschoben würde. Aus diesem Anlaß meinte US-Botschafter William Timken geknickt, er hätte die Botschaft auch "irgendwo im Wald" bauen lassen können, das sei wegen der Sicherheitsmaßnahmen dann leichter gefallen.

Als Reagan seine Rede vor dem Brandenburger Tor hielt, konnte er die Stelle zwar sehen, an der die US-Botschaft jetzt entsteht. Aber er hätte sicherlich nicht geahnt, daß ihr Neubau nach dem Fall der Mauer so lange dauern würde. Was der US-Präsident 1987 sicherlich auch nicht geahnt hat, war, daß seine historische Rede einmal Anlaß zu einem Urheberrechtsstreit der besonderen Art geben würde.

Aus Anlaß des Jubiläums schrieb John Kornblum, der damalige Stellvertreter des US-Stadtkommandanten von Berlin, in der Zeitschrift "American Interest" einen langen Beitrag, der das Attribut selbstgerecht mehr als verdient hat. Der Text wurde leicht gekürzt am 9. Juni von der Tageszeitung "Die Welt" wiedergegeben (Titel: "Ein Appell, der die Welt veränderte").

Unter anderem behauptet Kornblum, er sei der Autor der berühmten Reagan-Rede. Über seinen obersten Chef sagt er: "Ich war an der Entstehung einiger Reden Reagans und anderer Präsidenten beteiligt gewesen und wußte, wie schwierig das sein konnte."

Er selbst habe die Aufforderung zur Maueröffnung an Gorbatschow formuliert, schreibt Kornblum: "In unseren Augen mußte er Gorbatschow direkt dazu aufrufen, die Mauer zu öffnen. Nachdem ich die Idee an meinem Berliner Stab ausprobiert hatte, schickte ich sie als persönlichen Vorschlag an den Nationalen Sicherheitsrat."

Das Berliner Alliierten-Museum hat nun eine eigens anberaumte Pressekonferenz genutzt, um der Behauptung Kornblums, der später zum US-Botschafter ernannt wurde und jetzt als Privatmann in Berlin lebt, zu widersprechen. Zu diesem Zweck wurde extra Peter Robinson in die Hauptstadt eingeflogen.

Der damals 30jährige Robinson war 1987 einer von sechs Redenschreibern Reagans. "Kornblum hat mir nur gesagt, was ich nicht in die Rede schreiben soll", berichtet Robinson über ein Treffen, bei dem es um den Berlin-Auftritt des US-Präsidenten ging.

"Ich wußte nichts über Berlin", erinnert sich Robinson weiter. In einem Helikopter ließ er sich über die Stadt fliegen und das DDR-Grenzregime im Detail erklären. "Die haben ja an alles gedacht, das ist wirklich furchtbar", sei seine erste Reaktion gewesen.

Als er abends auf eine Privatparty eines deutschen Paars (Ingeborg und Dieter Elz, damals wohnhaft in der Limonenstraße in Dahlem) eingeladen war, fragte er die anwesenden deutschen Partygäste: "Berlin hat sich so an diese Mauer gewöhnt. Wie konnte das passieren?"

Zunächst schlug ihm nur Stille entgegen. Robinson dachte schon, er habe ein gesellschaftliches Tabu gebrochen. Aber dann begannen die Anwesenden zu erzählen. "20 Jahre durfte ich meine Schwester nicht sehen, daran gewöhne ich mich nie", zitiert er einen. "Jeder hatte so eine Geschichte." Die Gastgeberin sagte dann: "Wenn Gorbatschow es mit den Reformen ernst meint, dann soll er es beweisen, indem er die Mauer aufmacht." So sei der Satz geboren worden.

Reagans persönliches Rede-Manuskript gibt Aufschluß darüber, wer der Autor der welthistorischen Appells war:  kein anderer als Peter Robinson.

Das Außenministerium und der Nationale Sicherheitsrat waren damals übrigens auch gegen die Rede. Aber bekanntlich hat der Erfolg viele Väter. Anders kann sich Robinson nicht erklären, was Kornblum über die Reagan-Rede berichtet hat. "It's incorrect, it's not true", beteuert er  - "es ist unrichtig, es ist nicht wahr".

Für Robinson muß es eine deprimierende Erfahrung gewesen sein, was aus seinem geistigen Eigentum im Schlangennest politischer Eitelkeiten wurde. Vielleicht hat er sich auch deshalb aus der Politik zurückgezogen. Robinson arbeitet heute an der Universität Stanford in Kalifornien - an wissenschaftlichen Publikationen.

Foto: "Wenn Gorbatschow es ernst meint, soll er sie aufmachen": US-Präsident Ronald Reagan mit Frau Nancy im Juni 1987 vor der Mauer am Brandenburger Tor


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