© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 27-07 vom 07. Juli 2007

Prognosen
von Harald Fourier

Unter den Kaisern war Rom eine blühende Millionenmetropole, aber während der Völkerwanderung war die Einwohnerzahl auf einige Zehntausend gesunken. Ziegen grasten, wo früher Feldherren Triumphzüge gefeiert hatten. Droht Berlin auch so ein Schicksal?

Letztes Wochenende war ich auf einer Party mit etwa 20 Leuten, darunter drei Ausländerinnen: eine Philippina, eine Belgierin und     eine Holländerin. Die beiden letztgenannten sind nur zum Studieren hergekommen,       verkündeten aber, sie mögen Berlin so sehr, daß sie für immer hier bleiben möchten.

Das erlebt immer wieder, wer mit ausländischen Besuchern spricht, von denen es an der Spree wimmelt: Russen, Amerikaner, Franzosen, Briten. Und am Sonntag war eine große Reportage in der "Berliner Morgenpost", aus der hervorging, daß nun auch Spanier und Italiener ihr Herz an die deutsche Hauptstadt verloren haben. Sie alle kämen nach Berlin, weil es zur Zeit die interessanteste Stadt zwischen New York und Moskau sei.

Mein alter Englischlehrer hat das übrigens schon 1990 steif und fest behauptet, und behielt also recht. Trotzdem sind die großen  Erwartungen von damals unerfüllt geblieben: eine Weltstadt mit Einwohnerzahlen von fünf Millionen und mehr ist Berlin nicht geworden.

Mittlerweile heißt das Schlüsselwort        "demographische Entwicklung". Unser schrumpfendes Volk wird sich neu verteilen, besagt eine neue Modellrechnung, die der Kölner Bevölkerungsexperte Bernhard Babel gerade aufgestellt hat. Für seine Stadt Köln heißt das, daß sich nichts verändert, aber München und Hamburg würden kräftig wachsen. Demnach hat die Hansestadt 2040 knapp zwei Millionen Einwohner.

Der große Verlierer dieser Modellrechnung ist Berlin. Dort sinke die Einwohnerzahl von 3,4 auf 3,1 Millionen, so Babel. Ursachen seien niedrige Geburtenrate und Abwanderung.

Aussagefähig sind solche Panik-Prognosen aber kaum, denn sie basieren - wie gesehen - immer nur auf vergangenen Werten,         können nie zuverlässig einkalkulieren, was die nächsten 33 Jahre mit sich bringen. Was, wenn Berlin-begeisterte junge Amerikaner oder Holländer in großer Zahl Ernst machen und tatsächlich auf Dauer ihre Zelte in Berlin aufschlagen? Was, wenn sich die Erwartungen der Jugend ans Lebensglück wieder ändern und mehr Kinder geboren werden?

Anfang der 1980er Jahre prognostizierten wissenschaftliche Berechnungen der Stadt Hamburg einen Rückgang der Einwohnerzahl von damals gut 1,6 auf etwas über 1,3 Millionen im Jahre 2000. In Wahrheit gab es vor sieben Jahren 1,7 Millionen Elbhanseaten, heute sind es noch einmal über 50000 mehr. Das Schicksal Roms vor 1500 Jahren wird Berlin also wohl nicht so schnell ereilen - und schon gar nicht mit der Zwangsläufigkeit, die uns die Prognosen glauben machen.


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