© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 27-07 vom 07. Juli 2007

Flakhelfer im Visier
Der Fall Grass und die Folgen: NSDAP-Archive nach bekannten Namen durchsucht
von Klaus D. Voss

Es ist wohl eine Spätfolge aus dem tiefen Fall von Günter Grass, daß sich die Schriftsteller Siegfried Lenz und Martin Walser und der Kabarettist Dieter Hildebrandt eine NSDAP-Mitgliedschaft vorhalten lassen müssen - und dies ganz offensichtlich zu Unrecht. Aber mit dieser Affäre ist auch ein Meinungsumschwung angestoßen worden, hin zu einem kritischeren und historisch gerechteren Umgang mit NS-Aktenfunden.

Hildebrandt und Walser wehren sich, an den Pranger gestellt zu werden, eine schwere Krankheit hindert den 81jährigen Siegfried Lenz, selbst für seine Ehre einzutreten. Sein Verlag Hoffmann & Campe wehrt die Vorwürfe ab.

Der Reihe nach: Das späte Geständnis von Grass zu seiner Mitgliedschaft in der SS-Panzer-Division Frundsberg hatte im vergangenen Jahr nicht nur den Nobelpreisträger von seinem moralischen Hochsitz geworfen. Es hatte auch die Feuilletonisten im Lande blamiert: 500 Auserwählte hatten ein Vorab-Exemplar des Buchs "Beim Häuten der Zwiebel" auf dem Schreibtisch, ohne "die Stelle" zu finden. Die Sensation verpaßt - das sollte nicht noch einmal passieren.

In den letzten Monaten hatte sich ganz offenbar ein Fleißarbeiter daran gemacht, das NSDAP-Archiv in der Berliner Außenstelle des Bundesarchivs nach Bekannten und Berühmten aus der Kunst- und Literaturszene auszuforschen - drei Namen, die in den Unterlagen verzeichnet sind, kennen wir jetzt aus dem "Focus".

Als "haltlos und schlecht recherchiert" attackiert Hildebrandt den Bericht, und Lenz wie Walser könnten sich dem Urteil anschließen. Im Kern geht es um die Frage, ob jemand ohne sein Wissen in die NSDAP aufgenommen werden konnte - Hildebrandt zum Beispiel war 16jähriger Flakhelfer in Oberschlesien, als er 1944 auf die Mitgliederliste der Nazis gesetzt worden war; Walser erging es ähnlich. Lenz war 1943 zur Marine eingezogen worden, die angebliche Mitgliedschaft datiert aus diesem Jahr.

Der Meinungswandel unter den Historikern könnte dem angegriffenen Trio helfen - gegen alle bisherige Erfahrung mit der Auswertung von NS-Unterlagen. Denn bislang wurden NSDAP-Funde zu regelrechten Strafaktionen herangezogen. Unter den dominanten Meinungsführern in den Geschichtswissenschaften galt es als ausgemacht, daß niemand ohne eigenes Zutun in die NSDAP-Mitgliederkartei gelangen konnte. Jeder Fund einer Nazi-Akte kam folgerichtig einem "gesellschaftlichen Todesurteil" gleich und wurde auch so instrumentalisiert. Die Dinge haben sich geändert.

Hat Dieter Hildebrandt als Senior-Liebling der Linken doch zu viele Fürsprecher - oder kann man die unsichere Quellenlage einfach nicht mehr ignorieren: Inzwischen verdichtet sich das Bild, daß doch einige Standortführer pauschal Gruppenanträge ganzer Hitlerjugendeinheiten zur Aufnahme in die NSDAP eingereicht hatten - also ohne das Wissen der Betroffenen. Die Standortführer wollten so offensichtlich ihren Auftrag erfüllen, geeigneten Nachwuchs für die NSDAP zu rekrutieren.

Hildebrandt und andere weisen darauf hin, daß es von ihnen keine Unterschrift auf Aufnahmeanträgen gibt. Und die eklatanten Mängel in der Dokumentenführung hätten auch schon früher auffallen oder entsprechend gewürdigt werden müssen.

Die unvoreingenommene Sicht auf die NS-Unterlagen verlangt auch, die schon erledigt geglaubten Altfälle zu überprüfen und wenn nötig zu revidieren. Nicht nur die "Gruppe 47"-Literaten Walter Höllerer oder Walter Jens warten darauf, daß ihnen endlich geglaubt wird - viele andere aus der Flakhelfer-Generation auch.

Foto: Unfreiwillig NSDAP-Mitglied: Walser, Lenz, Hildebrandt (v.l.)


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