© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 27-07 vom 07. Juli 2007

Die Kluft wächst
Ägyptens Regierung distanziert sich vom Terror, doch das Volk liebäugelt mit der Hamas
von R. G. Kerschhofer

Die jüngste Entwicklung in Palästina wird in anderen Ländern und vor allem in Ägypten nicht ohne Auswirkungen bleiben. Denn Präsident Hosni Mubarak ergriff eindeutig Partei für die Fatah und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas. Die Hamas aber, ein Ableger der ägyptischen Muslim-Bruderschaft, genießt heute weit über diesen Kreis hinaus ungleich größere Sympathien als die abgewirtschaftete Fatah.

Daß Montag voriger Woche Mubarak, Abbas, Jordaniens König Abdallah und der israelische Premier Olmert in Scharm-el-Scheich zusammentrafen, war ein mehrfaches Ärgernis: Die drei Araber bewiesen ihre völlige Unterordnung unter ein US-Diktat und erreichten als Gegenleistung nur, daß Israel die Freigabe von 250 der über 10000 palästinensischen Gefangenen versprach - natürlich nur von Fatah-Leuten. Überdies war der Ort instinktlos gewählt, denn Scharm-el-Scheich löst bei Ägyptern andere Assoziationen aus als bei westlichen Urlaubern: Im "Sechstagekrieg" 1967 landeten dort israelische Fallschirmjäger und besiegelten das Debakel der Ägypter. Viele stört es zudem, daß der streng bewachte Badeort ein für sie unerreichbares Luxus-Ghetto ist, und Islamisten nehmen Anstoß an dem freizügigen Treiben.

Es gibt beträchtliche Unterschiede zwischen dem, was Ägypter am Regime stört, und dem, was man im Westen kritisieren zu müssen glaubt. Daß Mubarak seit 26 Jahren Präsident ist - seit der Ermordung von Anwar El-Sadat durch einen islamistischen Soldaten -, ist für "Demokraten" suspekt wie das Bestreben, seinen Sohn Gamal zum Nachfolger aufzubauen. Doch Kontinuität muß nichts Verwerfliches sein. In Syrien funktionierte die Hofübergabe, in Libyen wird sie funktionieren, im Irak hätte sie funktioniert - und Dynastien sind seit Jahrtausenden so entstanden.

Immerhin profitiert Mubarak davon, daß die "veröffentlichte" Weltmeinung bei Verbündeten weniger strenge Maßstäbe anlegt, was Menschenrechte, Meinungsfreiheit und dergleichen betrifft.

Das wirklich Beunruhigende macht hingegen kaum Schlagzeilen: Denn der Mensch lebt einerseits vom Brot und andererseits vom Bewußtsein der eigenen wie der nationalen Würde - und dabei sieht es traurig aus. Das krasse Auseinanderdriften von Arm und Reich begann schon unter Sadat, aber der konnte noch vom Prestige des relativen Erfolgs im "Yom-Kippur-Krieg" 1973 zehren. Mubarak hingegen hat nichts Vergleichbares aufzuweisen, die Kluft zwischen Luxus und Massenelend ist breiter.

Trotz Zensur tragen die Medien gewollt oder ungewollt dazu bei, daß die Probleme deutlicher bewußt werden: "Seifenopern" - und natürlich die Werbung - sind oft in einem Milieu angesiedelt, von dem die allermeisten nur träumen können. Vermehrt zeigt man aber auch Drogenmißbrauch, Straßenkinder und Negativ-Folgen der "Ehe auf Zeit" (arabisch "mut'a", in Ägypten "gawas urfi"). Die "Urfi"-Ehe ist oft nicht von Prostitution zu unterscheiden, unter Studenten heute aber recht beliebt. Wie sehr verdrängte Sexualität die Menschen beschäftigt, zeigten etwa die hohen Wogen über eine kuriose "Fatwa", derzufolge Nacktheit beim Sex verboten sei.

Die soziale und die nationale Frage sind in Ländern wie Ägypten eng verknüpft. Der "arabische Sozialismus" eines Gamal Abd-el-Nasser scheiterte mit der militärischen Niederlage. Kommunisten - unter Abd-el-Nasser ebenso verfolgt wie die Muslim-Brüder - haben keine Chancen. Also bleiben nur die religiösen Fundamentalisten, die den Menschen Hoffnung - und in gewissem Maß sogar Brot geben. Sie ersetzen das Vaterland ("watan") zunehmend durch die islamische Gemeinschaft ("umma") - und der Westen liefert ihnen "Munition". Konzessionen der Regierung - wie die Aufhebung des Schleierverbots an der Uni Kairo - werden nicht honoriert.

"Kämpfer" sind die ägyptischen Muslim-Brüder nicht. Offen bleibt aber, inwieweit die Armee bereits unterwandert ist. Ein größerer Konflikt, etwa ein US-Angriff auf den Iran, könnte es zutage bringen.

 

Muslim-Bruderschaft

Wie bei fundamentalistischen Bewegungen generell war auch die Gründung der Muslim-Bruderschaft (MB) im Jahr 1928 eine Reaktion auf Fremdherrschaft und andere Mißstände. Für Islamisten ist das politische Anliegen darüber hinaus auch religiös legitimiert: Selbst muslimische Regierungen können sich im Zustand der "dschahilia", der vorislamischen "Unwissenheit", befinden und bekämpft werden müssen. Für die Anhänger überzeugend ist nicht nur das "offenkundige" Feindbild (ursprünglich die Briten, heute die USA und Israel), sondern vor allem das soziale Engagement der MB. Die ägyptische MB war im Laufe der Jahre meistens verboten und wurde zuweilen blutig unterdrückt. Die MB, obwohl nicht als Partei zugelassen, ist heute mit 88 "Unabhängigen" im ägyptischen Parlament vertreten. Aus der MB ist unter anderem die palästinensische Hamas entstanden.

Foto: Zwischen Orient und Okzident: Präsident Mubarak mit dem König Saudi-Arabiens


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