© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 27-07 vom 07. Juli 2007

In russischer Hand
Oligarchen wollen verstärkt in deutsche Firmen investieren
von M. Rosenthal-Kappi

Gerüchten zufolge hegt die russische Telekommunikationsgesellschaft Sistema Interesse an der deutschen Telekom. Laut "Spiegel" hatte der russische Großunternehmer Wladimir Jewtuschenkow, einer der Großaktionäre von Sistema, der Telekom einen Aktientausch vorgeschlagen: Er erhielte 25 Prozent der Telekom-Aktien, die Telekom bekäme im Tausch dafür ein Aktienpaket von bis zu 20 Prozent des Mobilfunkanbieters MTS, an dem sie einmal zu 40 Prozent beteiligt war, 2005 aber zum Schuldenabbau wieder ausstieg. Im Juni dieses Jahres erklärte Sistema im russischen "Täglichen Handelsblatt", daß zwar im Augenblick, da die Telekom AG auf dem Markt unterbewertet und die Aktien günstig seien, der beste Zeitpunkt für den Kauf eines Aktienpaketes gegeben sei, man allerdings abwarten könne. Will heißen, da die Bundesregierung sich bislang zu dem vorgeschlagenen Deal nicht geäußert hat, auf dem Markt nur kleinere Aktienpakete der Telekom gehandelt werden, ist das Geschäft für die Russen uninteressant. Der Einfluß wäre erst ab einem Anteil von zehn Prozent bedeutsam.

Aufgrund des Engagements ausländischer Investmentgesellschaften in Deutschland plant die Bundesregierung die Gründung eines Komitees, das die Übernahme strategisch wichtiger Unternehmen wie Energie-, Kommunikations- und Versorgungskonzerne verhindern soll.

Daß ein solcher Schutzmechanismus vonnöten ist, beweist das Beispiel Siemens / BenQ. Deutsche Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Die Firmen befürchten ein aggressives Vorgehen russischer Investoren, bei dem sie unter den Einfluß des Kreml geraten könnten, da die heutige Generation der als Investoren auftretenden Oligarchen als putintreu gilt. 

Die Russen schätzen an deutschen Unternehmen neben dem Know-how deren Zuverlässigkeit und die Produktqualität. Zudem sind sie daran interessiert, ihr durch den Rohstoffboom gewonnenes Kapital sicher anzulegen. Wenn sie dies im Westen tun, entziehen sie sich damit quasi der Kontrolle und dem Zugriff des Kreml und begehen auf bequeme Weise Kapitalflucht.

Schätzungsweise 1000 deutsche Firmen befinden sich in der Hand von Russen. Tendenz steigend.  Obwohl in Rußland 4000 deutsche Unternehmen arbeiten, begegnet man den Russen hierzulande mit Mißtrauen und Ablehnung. Meist erhalten sie erst den Zuschlag, wenn gar nichts mehr geht, wie im Falle von Schalke, dem Münchner Modehaus Escada oder dem Kosmetikhersteller Dr. Schöller. Die Übernahmen verlaufen in der Regel unauffällig. Im Traditionskonzern Fahrzeugtechnik Dessau ist die Leitung froh über die russischen Chefs. 175 Arbeitsplätze konnten so erhalten werden. Außer den Russen waren nur chinesische Käufer interessiert, doch die wollten nur die Experten mitnehmen und die Firma dicht machen. Heute produziert Fahrzeugtechnik Dessau wieder moderne Waggons für Holland. Bei Escada mischt sich Käufer Rustam Aksenenko aktiv ein; er wechselte die Führung aus, weil die Gewinne zu gering waren.

Ein gesundes Mißtrauen ist geboten, wenn Oligarchen über Fonds versuchen, weltweit ganze Branchen zu beherrschen. Ein Beispiel ist Wiktor Wekselbergs Beteiligungsgesellschaft Renova. Gemeinsam mit Oligarch Oleg Deripaska gründete Wekselberg einen der mächtigsten Metallkonzerne (United Company Rusal), der 12,5 Prozent der globalen Alluminumproduktion abdeckt. Wekselberg investiert in großem Umfang in der Schweiz und hat in Deutschland ein Auge auf alternative Energieanbieter und die Leipziger Stadtwerke geworfen. Längst schon hat der Megakonzern Gasprom bei "strategisch wichtigen" Unternehmen wie EADS den Fuß in der Tür.


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