© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 27-07 vom 07. Juli 2007

Explosives Gemisch
Leben mit 30 anderen Gefangenen im türkischen Gefängnis - ein Erfahrungsbericht

Matthias Weimer war selbst elf Monate ohne triftigen Haftgrund in türkischen Gefängnissen in Istanbul und Edirne inhaftiert: Wegen einer in Deutschland nicht bezahlten Geldstrafe kam es zu einer "Ausschreibung zur Feststellung des Aufenthaltes" durch das Landgericht Berlin. Durch einen Behördenfehler rutschte Weimer 1998 in die Fahndungscomputer von Europol, an die auch die Türkei angeschlossen ist. Der heute 40jährige hatte zu diesem Zeitpunkt beruflich in der Türkei zu tun. Da die Türkei das ordentliche Verfahren zur Auslieferung (48 Tage) herauszögerte, mußte Weimer elf Monate in drei verschiedenen Gefängnissen und in Polizeihaft in der Türkei zubringen - bis er 1999 nach Berlin ausgeflogen und freigelassen wurde  ...

 

Gefängnisse in der Türkei - die Realität hat weder etwas mit dem schrillen US-Kinothriller "Midnight Express" (1978, Oliver Stone), noch mit der Darstellung eines "friedlichen Lebens reuiger Sünder" in den Hochglanz-Broschüren, die das Justizministerium in Ankara gerne verteilt, zu tun. Knastalltag ist dort wie überall in der Welt vor allem eines: Knastalltag.

Ein Tag beginnt um 8 Uhr mit der "Sayim", dem militärischen Zählappell: Die Gefangenen treten - wie insgesamt dreimal am Tag (16.30 und 0 Uhr) in Reih und Glied vor den Großraumzellen an und zählen sich durch. Mit einem gehörigen "Allah korusun!" - "Gott rette Euch!" - aus dem Mund des wachhabenden Oberwärters schließt die Prozedur.

Die Sammelzellen ("kogus") beherbergen bis zu 30 Gefangene, in Istanbul bis zu 150 Männer. Es gibt neben den Doppelstock-Betten noch eine Toilette und eine mehr oder weniger provisorische Kochecke. Atmen, schlafen, baden, waschen, kochen, essen - alles erledigen die Gefangenen eines kogus gemeinsam. In den verschiedenen Blocks herrscht von morgens bis Mitternacht "Aufschluß", das heißt die Gefangenen können sich frei bewegen, es gibt ein kleines Kaffeestübchen, oder wer will, kann tagsüber im Freien auf dem Hof spazierengehen.

"Aus jeder Mauerritze mieft es hier nach Männerwirtschaft", erzählt einer. Ausländer sind separiert von den türkischen Gefangenen untergebracht: ob rumänischer Autodieb, syrischer Vergewaltiger, ein polnischer Mörder oder einfach nur ein Russe, der seine Aufenthaltserlaubnis überschritten hat - die Türkei kennt keine Trennung nach Nationen oder Delikten, auf die in Westeuropa in den Gefängnissen großer Wert gelegt wird. Die Türkei kennt auch - jedenfalls die meisten Gefängnisse - keinen Unterschied in der Unterbringung von Untersuchungshäftlingen und abgestraften Häftlingen und keinen Unterschied zwischen "Langsträflern" und "Kurzsträflern" - dieses Gemisch birgt natürlich ein hohes Potential an Konfliktpersonal. Ein Häftling, der noch 15 Jahre absitzen muß, hat verständlicherweise eine andere Einstellung zu seinem Knastalltag als einer, der vielleicht weiß, daß er schon nach der nächsten Verhandlung oder ein paar Monaten wieder auf freiem Fuß ist. Deswegen kommt es zu einem strengen, hierarchischen System. "Der Eierdieb hat dem lebenslänglich verurteilten Mörder in jeder Beziehung seinen Respekt zu erweisen. Sonst knallt's."

Zum Frühstück gibt's in Antalya ein kleines Weißbrot pro Person, dreimal die Woche werden morgens dazu Oliven und eine Art Marmelade verteilt. Mittags- und Abendkost: Kichererbsensuppe, manchmal Kartoffeln mit einem bißchen Fleisch, Bohnen, Kartoffelbrei, zweimal pro Woche eine einzelne Apfelsine oder Banane - das Essen ist wenig abwechslungsreich. Jedoch können die Gefangenen nach Herzenslust in gefängniseigenen Läden frisches Obst und Gemüse, alle Arten von Konserven, über Shampoo, Parfums und Zeitungen bis hin zu Pudding und Süßigkeiten einkaufen, frisches Fleisch kann am Vortag bestellt werden. Das geschieht gegen Bargeld, und so kommen nur die in den Genuß einer opulenten Ernährung, die von "draußen" auch das nötige Kleingeld erhalten. Verwandte (oder bei Ausländern die Botschaft) können Geld auf ein Konto einzahlen, das für jeden Gefangenen geführt wird und von dem wöchentlich bis zu umgerechnet 100 Euro ausgezahlt werden. Damit kann man schon ganz gut leben.

Türkische Gefängnisse sind mit Sicherheit anders organisiert als Gefängnisse in Deutschland, wo ein Untersuchungshäftling wie der 17jährige Marko beispielsweise 23 Stunden alleine in der Zelle eingesperrt wäre und nur eine Stunde Recht auf "Sozialkontakt" - das ist dann ein Hofgang in der Gruppe - pro Tag hätte. Das Einkaufen zusätzlicher Lebensmittel oder Waren zur Körperpflege ist in Deutschland ebenfalls streng reglementiert: Dort können kaum Frischwaren bestellt werden, bestellt werden darf nur einmal die Woche, die Lieferung erfolgt in der Folgewoche, und auch der Höchstbetrag, für den bestellt werden darf, ist in Deutschland viel geringer. Damit, so deutsche Justizbehörden, will man einen "Waren-Schwarzhandel" und einen "Tauschhandel" verhindern.

Freier sind in der Türkei auch die Besuchsregelungen: Muß der Besucher eines Untersuchungshäftlings in Deutschland zunächst Wochen zuvor beim fallführenden Staatsanwalt oder Untersuchungsrichter einen Besucherschein beantragen und ist die Besucherzahl pro Häftling in Deutschland auf zwei pro Monat beschränkt, läuft dies in der Türkei ohne diese Prozedur ab: Faustregel hier ist das Tragen desselben Familiennamens mit dem U-Häftling. Wer den trägt, kann einmal pro Woche zur Besuchszeit ohne besondere Genehmigung oder Anmeldung vorbeikommen.

Der Tagesablauf in einem türkischen Gefängnis ist geprägt vom Warten: Warten auf den nächsten Besuchstag, warten, bis vielleicht der Anwalt vorbeikommt ... Sportgruppen bis hin zu Sprachkursen oder handfesten Ausbildungsangeboten wie in Deutschland: Fehlanzeige. Von Therapieangeboten für Sexualstraftäter oder Drogensüchtige ganz zu schweigen. Man sitzt herum und schlürft Tee. Warten auf den "Termin" mit dem Urteil oder - für die schon Abgeurteilten - warten auf die nächste Amnestie.

Im Gegensatz zu Deutschland findet in der Türkei alle fünf Jahre im Durchschnitt eine größere Generalamnestie statt, in der Regel beim Dienstantritt eines jeden neuen Staatspräsidenten. Ernüchternd der Hintergrund: Mit der steigenden Zahl von Gefangenen geht der Justiz das Geld aus.

Zur Statistik: Derzeit sitzen zirka 62000 Menschen in 269 Gefängnissen in der Türkei in Untersuchungs- oder Strafhaft, davon sind rund 11000 - offiziell natürlich nicht - politische Gefangene: meistens Angehörige oder Sympathisanten der PKK oder anderer kurdischer "Befreiungsorganisationen". Offiziell gibt es in der Türkei keine politischen Gefangenen: Die Häftlinge haben hier höchstens gegen die "öffentliche Ruhe und Ordnung" verstoßen.

Foto: Gefängnis in Antalya: Hier sitzt der 17jährige Marco.


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