© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 27-07 vom 07. Juli 2007

Nur "ein pathologischer Zustand"
Berühmte Liebespaare der Kulturgeschichte: George Bernard Shaw und geliebte Frauen
von Esther Knorr-Anders

Der rappeldürre Mann war kein Erotiker. Zeitlebens vertraute er dem "gesunden Menschenverstand". Die Liebe hielt er "für einen pathologischen Zustand". Er meinte, diese Auffassung sei der Wahrheit nicht allzufern. In jungen Jahren war er in Amouren verwickelt gewesen. Einfluß auf seine Persönlichkeit hatten sie nicht gehabt. Er blieb seiner Anlage treu, Gefühle und Taten in nüchterner Sachlichkeit zu analysieren. Erträglich für seine Umwelt wurde sein Verhalten durch profunden Humor und sprühenden Witz. Sein schriftstellerischer Weg zum Nobelpreisträger 1926 war mit Fußangeln gepflastert.

Georg Bernard Shaw, am 28. Juli 1856 in Dublin geboren, wuchs in unguten Familienverhältnissen auf. 1876 zog er mit seiner Mutter nach London, die dort als Musiklehrerin ein karges Einkommen fand. Er schlug sich als Kontorist, Klavierspieler und freier Journalist durch. Oft reichte es nur zum Frühstücksbrot. Er tupfte die Krumen von den Lippen; es mußte reichen. Nimmt es Wunder, daß er Mitglied der sozialistischen Fabian Society, einer Vorläuferin der Labour Party, wurde und zum begehrten Hyde-Park-Redner aufstieg. Ihren Namen hatten die "Fabier" dem römischen Feldherrn Fabius Cunctator entlehnt, dessen Lebensmaxime die Geduld und das "Warten auf den richtigen Augenblick" war.

Jenny Patterson, erosvertraute Witwe, leitete den jungen, protestantischen Puritaner ins Liebesleben. Daß sie sein zukünftiges Verhältnis zu Frauen prägte, wurde ihm erst später bewußt. Durch sie erfuhr er, daß Liebe mehr ist als sexueller Rausch, der, wie Streichhölzer, nur kurz aufflakkert. Zuinnerst wußte er, was er suchte: Geborgenheit, Zuverlässigkeit. Jenny Patterson wurde Vorbild vieler Frauengestalten seiner Schauspiele: "Candida", "Major Barbara", "Die heilige Johanna". Es waren durchweg kluge, ihres Wollens sichere Frauen. Zwei Jahre währte die Beziehung. Dann begann seine mühselige künstlerische Laufbahn.

Als Wegbereiter trat der angesehene Londoner Kritiker William Archer in Erscheinung. Er ermöglichte dem unbekannten Gelegenheitsjournalisten den Zugang in die führenden Blätter. Vom Romanschreiben riet er ihm ab. Shaw hatte mehrere erfolglose Manuskripte verfaßt. "Schreiben Sie Theaterstücke. Sie sind ein Meister des Dialogs. Einprägsame Szenen, ungewöhnliche Milieus mit ungewöhnlichen Menschen." Augenblicklich erkannte Shaw den Wert des Hinweises. Es entstanden die ersten "Unpleasant Plays" (Unerquickliche Spiele), zu denen "Frau Warrens Gewerbe" zählte. Sie war eine Frau "mit einem Lächeln auf den Lippen und einem Nichts im Herzen". In den Elendsvierteln Londons aufgewachsen, wurde sie millionenschwere Bordellbesitzerin. Zunächst von der Zensur verboten, eroberte "Frau Warren" die Bühnen Europas. Ellen Terry brillierte in der Rolle.

Shaws für schöne Frauen aufgeschlossenes Herz geriet in ihren Bann. Doch Ellen war es, die dem von Shaw gepriesenen "Gesunden Menschenverstand" den Vorzug einräumte. So blieb es beim platonischen Geplänkel, das beide lustvoll auskosteten. Er schrieb ihr: "Du hast tausendmal recht, mich außerhalb Deiner Unterröcke zu halten. Was die Leute so Liebe nennen, ist nur als Spaß möglich und dabei kann man sicher nicht damit rechnen, daß einer von beiden es plötzlich ernst meint."

Dies Erlebnis blieb dem Liebesskeptiker Shaw nicht erspart. Wie so oft fühlte er sich überarbeitet, erschöpft. Was lag näher, als eine Pause einzulegen und den Sommer bei Freunden auf dem Land zu verbringen. In deren Haus lernte er die ebenfalls zu Besuch weilende Lottie Payne-Townshend kennen. Sie war Irin, eine Landsmännin von Shaw, was ihn für sie einnahm. Sie verfügte über ein Millionenerbe. Ihre Haltung war die der "formsicheren Dame", und doch vermittelte ihr Wesen unerklärliche Scheu. Shaw fühlte sich zu ihr hingezogen. Vielleicht lag es an ihrer Ruhe. In ihrer Nähe lösten sich alltägliche Mißlichkeiten zu Unbedeutendem auf. Diese Frau war Wohltat, Labsal. Mit unversiegbarer Spottlust bekannte Shaw, daß er Lottie "mit den lichten grünen Augen" so gern mochte, "daß es überflüssig war, sich in sie zu verlieben". Da er selbst Dank seiner Bühnenwerke auf bestem Wege war, Millionär zu werden, fragte er die Millionärin, ob sie ihn heiraten wolle.

Lottie blieb still. Betroffen fragte Shaw: "Magst du mich nicht?" Endlich sagte sie: "Ich liebe dich vom ersten Sehen an. Aber - ich kann keine Ehefrau sein. Es graust mich." Shaw verstand. Er erinnerte sich eigener Schwierigkeiten, damals, als junger Mann. Und wenn es nicht Jenny Patterson gegeben hätte ... Er drückte Lotties Hand: "Ich weiß, was du meinst. Doch es ist kein Hindernis. So selten ist dies Grausen gar nicht. Denk' an die heilige Johanna." Am 1. Juni 1898 heirateten sie. Bis zu Lotties Tod verband

sie beglückende Lebensgemeinschaft, 45 Jahre lang. Im Grunde ähnelten sie sich.

Shaw war und wurde nie Erotiker. Als bloße Geschlechtswesen übten Frauen keinen Reiz auf ihn aus. Um verzaubert lieben zu können, brauchte er ein Traumbild. Es begegnetet dem alternden Mann in der Schauspielerin Stella Patrick-Campbell. Belustigt stellte er fest, daß er heimlicher "Liebesromantiker" sei. Er teilte Stella mit: "Du bist eine Gestalt aus meinen frühen Knabenträumen - eine einzige Romantik." Für sie schrieb er die zeitlos gebliebene Paraderolle des Blumenmädchens Eliza Doolittle in "Pygmalion", das später im Musical "My fair Lady" die Bühnen der Welt eroberte. Strahlend verkündete er Stella: "Du spielst die Eliza." Sekunden glaubte sie, einen Geistesverwirrten zu hören. Entsprechend vorsichtig redete sie auf ihn ein: "Deine Eliza ist allenfalls 17 Jahre alt, ich bin 47."

Shaw blieb unbeeindruckt: "Keine 17jährige kann eine 17jährige spielen. Dazu fehlt ihr die Reife. Du bist Eliza. Ganz London wird dir zu Füßen liegen." Ihm zuliebe ging Stella auf das Wagnis ein.

Am Premierenabend stand sie mit Bangen in der Kulisse. Der Inspezient reichte ihr den Blumenkorb: "Das Stichwort, Misses Campbell." Stella trat ins Scheinwerferlicht. Da war er, der stimulierende Geruch von Schminke, Pappe, Kleister. Die Wandlung geschah.

Sie war das hundsordinäre Blumenmädel aus den Londoner Slums, 17 Jahre, keinen Tag älter. Wüst beschimpfte sie den Dialektforscher Professor Higgins, der sie zur "großen Dame" werden läßt. Im tobenden Schlußapplaus lächelte Stella ins Publikum. Ganz London lag ihr zu Füßen.

Sie und Shaw schieden in Freundschaft. Die "Liebesromantik" war auf Dauer zu anstrengend.

Shaw zog sich auf seinen Landsitz in Ayot St. Lawrence zurück. Er erlebte die Einsamkeit des "Übriggebliebenen". Freunde und Vertraute waren verstorben. Am 2. November 1950 starb auch er, 94 Jahre alt. Wunschgemäß wurde seine Asche mit der Asche seiner Frau vermengt und im Garten verstreut.

Foto: George Bernard Shaw: Kein Frauenheld


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabo bestellen Registrieren