© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 27-07 vom 07. Juli 2007

Das Sockenmonster
oder: Warum Fußbekleidung in der Waschmaschine so oft verschwindet
von Corinna Weinert

Immer wieder passiert es, daß man Sockenpaare vollzählig in die Waschmaschine gibt und nach dem Waschen von manchen nur noch ein Exemplar übrig ist. Der Versuch, die Partner der Einzelgänger in den Überbleibseln früherer Waschgänge ausfindig zu machen, scheitert meist kläglich. Doch wie kommt es, daß Fußbekleidung beim Waschen spurlos verschwindet?

Das Ende eines Waschgangs - für Peter Seibler stellt sich jedes Mal die Frage: Haben alle Socken überlebt? Sind die Paare noch vereint? Oder gab es wieder Verluste? "Das ist wirklich ein ganz großes Phänomen, das ich immer wieder beobachte. Jede Einzelsocke hatte schließlich einmal ein Pendant. Ich kann es mir nur so erklären, daß in der Waschmaschine irgendwo versteckt ein Sockenmonster wohnt. Das greift sich wahllos Socken, läßt sie verschwinden, frißt sie auf oder versteckt sie - ich weiß es nicht."

Nun denn, denkbar ist eher, daß von Anfang an nur eine Socke in die Waschmaschine gegeben wurde, während die andere noch im Wäschekorb liegt. Oder die vermeintlich verlorene Socke befindet sich noch in der Maschine, platt wie eine Flunder an die Trommel gepreßt. Vielleicht hält auch ein Bettbezug oder Spannbettlaken die Socke gefangen, denn durch die beim Schleudern entstehende Zentrifugalkraft können sich kleinere Wäschestücke hierin verirren.

Was wirklich mit den Socken passiert, weiß Karl-Heinz Grahl. Seit 25 Jahren schaut der Monteur den sockenfressenden Haushaltsgeräten in den Bauch. "Es gibt nur eine Stelle, an der die Socken sich verstecken können. Und zwar zwischen der Trommel und dem Gummi. Da tut sich entweder durch produktionsbedingten Abstand oder altersbedingte Gummiverhärtung eine Lücke auf. Und diese Lücke ist so beschaffen, daß sich Socken beim Schleudern dort reinlegen und dann unter der Trommel verschwinden. Die Socken rutschen hoch, landen zwischen Tonne und Bottich und werden dort an der Oberfläche zerrieben. Beim Schleudern entwickelt jede etwas höhertourige Waschmaschine eine Umdrehungszahl von 200 Kilometern pro Stunde - der sichere Tod stiften gegangener Sokken." In der Pressestelle der AEG Haushaltsgeräte GmbH bestätigt man die Sockenflucht: "Socken verschwinden tatsächlich in der Waschmaschine. Aber nicht nur die; betroffen sind auch andere kleine Wäschestücke - in erster Linie Unterwäsche." Das Infoteam der Robert Bosch Hausgeräte GmbH erklärt das Phänomen wie folgt: "Zwischen Gummimanschette und Trommel entsteht vor dem Bullauge durch die Schleuderbewegung ein unvermeidlicher Spalt. Der ist zwar überlappt, jedoch kann durch den Druck, den die Wäsche bei zu starker Befüllung erzeugt, die Lippe nach vorne gepreßt werden, so daß Kleinstteile wie Socken hindurchrutschen. Die landen dann im Bottich unter der Trommel und können durch den Abwasserschlauch aus der Waschmaschine gesaugt werden. In den Gebrauchsanleitungen von Bosch wird daher darauf hingewiesen, daß man Kleinstteile im Netz waschen soll."

Das Rätsel ist also gelöst. Sokken können demnach aber nur in bestimmten Geräten, nämlich Frontladern, verlorengehen, und das vor allem bei Überladung. Was aber wird dann aus den hinterbliebenen Einzelsocken? Klaus Daiber kümmert sich um sie. Vor vier Jahren gründete er in Remscheid das Institut für Einzelsocken. Sein Ziel: Sockenvermittlung per Internet. "Die Leute können sich auf unserer Internet-Seite informieren, welche Socken wir in unserem Fundus haben. Das sehen sie ja an den Bildern, die eingestellt sind. Sie können uns dann ein entsprechendes Einzelstück zuschicken. Wir führen die Socken dann als Paar zusammen und senden es zurück."

Allerdings besteht nicht für alle Socken Hoffnung: Exoten sind schwer vermittelbar, wie im echten Leben haben es durchschnittliche Typen leichter, weiß Klaus Daiber. "Gute Chancen haben natürlich Socken, die nicht so außergewöhnlich sind, wie zum Beispiel eine ganz normale graue Socke. Wenn sie nicht zu kurz und nicht zu lang ist, findet sie sicher schnell einen Partner. Bei geringelten Socken wird es schwierig." Tatsächlich hat Klaus Daiber schon einigen Socken einen neuen Partner besorgt. Als Paar schreiten sie wieder vereint in die Zukunft - bis die Waschmaschine sie scheidet.


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