© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 27-07 vom 07. Juli 2007

Tabus gebrochen
Roman über die Arbeit des Sexualforschers Kinsey

Provozierend liegen die Bücher im Blickfeld des Besuchers von Bahnhofsbuchhändlern. Der Titel "Dr. Sex" zusammen mit dem Foto eines sich küssenden 50er-Jahre-Pärchens soll wohl die Laufkundschaft neugierig machen und den Verkauf des nun als Taschenbuch herausgekommenen Romans von T. C. Boyle ankurbeln. Doch der verrucht klingende deutsche Titel - der englische lautet "Der innere Kreis" - übertüncht eigentlich einen Geschichtsroman.

Es geht nämlich um den Sexualforscher Dr. Alfred Kinsey, der in den 40er und 50er Jahren das biedere Amerika erschütterte, in dem er offen über das menschliche Sexualverhalten sprach. Was uns heute nur ein müdes Gähnen abverlangt, war damals schockierend und neu.

Also eigentlich ein spannendes Thema, dessen sich der preisgekrönte US-Autor T. C. Boyle da angenommen hat. Auch wählte er eine neugierig machende Perspektive. Er beschreibt aus Sicht des Studenten und späteren Mitarbeiters Kinseys, John Milk die Arbeit des Biologen.

Was als Ehekurs für junge Ehepaare und Verlobte begann, endete mit einer neuen Wissenschaft. John Milk, schüchterner Student ohne Sexerfahrung, wird von seiner Kommilitonin Laura gebeten, sich als ihren Verlobten auszugeben, da sie sonst nicht an dem Kurs teilnehmen könnte. Dank Laura lernt er den Professor kennen, der den jungen Mann zu seinem Assistenten macht. Gemeinsam führen sie Interviews mit Studenten über deren Sexualkontakte. Später vergrößert sich der Kreis der Interview-Partner, es kommen Ehepaare aller Altersklassen, Prostituierte und sogar Kinder hinzu.

Bedauerlicherweise zieht sich der Roman ziemlich in die Länge. Zu zäh und detailliert beschreibt der Autor den Aufbau des Instituts, während er den offenbar massiven Widerstand gegen Kinseys Forschung leider nur am Rande anspricht.

Am Beispiel von John Milk schildert Boyle, wie schwierig es damals für junge Menschen war, sich näherzukommen, wenn sie verbotener Weise vor der Ehe Sex haben wollten. Letztendlich blieb ihnen nur das Auto - wenn sie eines hatten. Da John Milk keines hat, dauert es eine Ewigkeit, bis er seiner Verlobten Iris endlich näherkommen kann. Dies ist gerade angesichts der Tatsache, daß er in seinem Berufsalltag so einiges an Sex-Geschichten erzählt bekommt, während er selber grün hinter den Ohren ist, ganz amüsant.

Boyle schildert auch das Problem der vier Forscher, die Grenze zwischen "normalem" und krankhaften Sex-Verhalten zu finden. Sie tauschen nachher untereinander die Ehepartner, haben Sex mit Probantinnen und sprechen ohne Ekel mit Kinderschändern. In ihrem Drang, alles für die Forschung zu geben, merken sie nicht, wie dieses Argument nachher zur Phrase verkommt. Offenbar hat Iris ein Problem mit der "Arbeitsweise", doch Boyle arbeitet dieses moralische Dilemma bedauerlicherweise nicht genügend heraus. Überhaupt hätte man aus dem interessanten Thema, der Vorstufe zur sexuellen Revolution, auf weniger Seiten mehr machen können.          R. Bellano

T. C. Boyle: "Dr. Sex", dtv, München 2007, broschiert, 539 Seiten, 9,95 Euro, Best.-Nr. 6236


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