© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 27-07 vom 07. Juli 2007

Blick hinter die Heldenfassade
30 Millionen in der Uniform der Roten Armee - Der Zweite Weltkrieg aus Sicht des kleinen Soldaten

Das Buch "Iwans Krieg - Die Rote Armee 1939-1945", verfaßt von der britischen Historikerin Catherine Merridale, ist zweifellos wichtig. Denn es beschreibt zum ersten Mal die Geschichte der Roten Armee nicht als Heldenepos der Stalindiktatur und ihrer Marschälle, sondern als Geschichte von unten. Erzählt wird vom Leben des normalen Soldaten, vom Iwan, wie er genannt wurde. Catherine Merridale berichtet von den ungeheueren Verlusten der Roten Armee, die, geht man von der Vorkriegsstärke im Jahre 1939 aus, Ende 1941 entweder tot oder interniert war. Bevor diese gigantische Streitmacht 1944/45 in Zentraleuropa erschien und zusammen mit den Amerikanern, Briten und anderen Verbündeten Deutschland bezwang, war sie zweimal völlig aufgerieben und erneuert worden - ein unvorstellbarer Kraftakt, eine Geschichte des Leidens. Mehr als acht Millionen Rotarmisten kamen während des Zweiten Weltkriegs ums Leben, über 30 Millionen Menschen streiften zwischen 1939 und 1945 die Uniform über. Mitunter kämpften an der Ostfront Merridale zufolge elf Millionen Männer und Frauen gleichzeitig, auf der einen Seite die Rote Armee, auf der anderen die Wehrmacht.

Bedauerlicherweise gibt Catherine Merridale aber schon nach wenigen Seiten die Haltung auf, die der erzählende Historiker einzunehmen hat, nämlich unparteiisch, gewissermaßen mit kaltem Blick, sich dem Panorama, dem Drama des Krieges anzunähern. Wenn es darum geht, zu erklären, warum das Schicksal von 30 Millionen Menschen die Geschichtsschreibung bislang nicht beschäftigt hat, ist die Schlußfolgerung von Merridale unzutreffend. Die britische Historikerin übersieht das Versagen sowjetischer Politik in Krieg und Frieden. Denn das Schicksal des Einzelnen war in Zeiten des Kommunismus uninteressant, und ist es im heutigen Rußland anscheinend weiterhin. Offenkundig ist seit dem Ende der Sowjetunion auf diesem Gebiet nur wenig geschehen. Darüber hinaus zeigt die russische Führung dieser Tage beim Streit um ein Kriegerdenkmal im estnischen Tallinn im Gegenteil an, daß sie nicht daran denkt, ein falsches, ideologisch bedingtes Geschichtsbild zu revidieren. Gewiß ging es 1944/45 darum, Europa vom NS-Regime zu befreien. Aber für die Länder, die die Rote Armee beim Vormarsch nach Westen eroberte, den Osten Deutschlands eingeschlossen, folgte auf eine Diktatur die nächste.

In Deutschland hat seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine umfassende Geschichtsschreibung und Diskussion um den Rußlandfeldzug stattgefunden, die noch immer nicht zu Ende ist, die im Gegenteil an Härte zunimmt. Daher irrt Merridale erneut, wenn sie schreibt: "Wenn es aber um den Krieg der Extreme an der sowjetischen Front geht, so stehen dabei perverserweise (!) fast immer die Soldaten von Hitlers Wehrmacht im Vordergrund." Nein, Catherine Merridale, eine offene Demokratie hätte schon längst an diesem Zustand etwas geändert! 

Aus deutscher Sicht am wichtigsten ist das Kapitel, das die britische Historikerin mit "Schändungen" überschreibt. Aber auch in diesem Abschnitt stimmen die Gewichtungen nicht, entwickelt Catherine Merridale nicht die Emphase, die auch die deutschen Opfer des Krieges verdienen. Darüber hinaus scheint Merridale Deutschland nicht zu kennen. Sie bezeichnet Ostpreußen als eine "windzerpeitschte Enklave". In den Briefen von Rotarmisten, die die Historikerin auswertete, gibt es keinerlei Hinweise auf das, was in Ostpreußen 1945 passierte. Daher ist auch das Fazit der Britin, die sich im Laufe dieses Kapitels über die Exzesse der Roten Armee in Ostpreußen rasch anderen Aspekten des Krieges zuwendet, bemerkenswert kühl und nicht hinreichend von Sachkenntnis geprägt. "In den Vergewaltigungen verband sich demnach ein Rachebedürfnis mit Zerstörungswut, dem tiefen Haß auf den im Nazideutschland herrschenden Luxus und Überfluß; damit strafte man nicht nur die Frauen ab, sondern bestätigt sich auch seine labile Männlichkeit." Die Wirklichkeit war jedoch eine andere: Gewiß gab es auf der einen Seite die Realität des Krieges, eines Vernichtungskrieges, der sich bis dahin auf russischem Boden abgespielt hatte. Auf der anderen Seite kamen Millionen von russischen Soldaten unvorbereitet nach Deutschland, gedemütigt und verarmt durch 20 Jahre sowjetischer Planwirtschaft und gescheiterter gesellschaftlicher Großexperimente, aufgehetzt durch die Stalin'sche Propaganda und bei ihrem Tun kaum gebremst durch militärische Vorgesetzte. Von alldem will Catherine Merridale nicht allzuviel wissen, auch nicht von der Literatur, die es mittlerweile über die massenhaften Vergewaltigungen deutscher Mädchen und Frauen gibt. Die Zahlen liegen weitaus höher, als Merridale schreibt.             J. Thies

Catherine Merridale: "Iwans Krieg - Die Rote Armee 1939-1945", S. Fischer Verlag, Frankfurt 2006, 474 Seiten, 22,90 Euro, Best.-Nr. 6237


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