© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 27-07 vom 07. Juli 2007

Russen ehren Ernst Wiechert
Unter deutscher Beteiligung wurde der 120. Geburtstag des Dichters in Königsberg festlich begangen

Anläßlich des 120. Geburtstages des Dichters und Pädagogen Ernst Wiechert fanden in Königsberg eine Reihe von Jubiläumsveranstaltungen statt. Schon drei Tage vor Wiecherts Ehrentag wurde in der Aula im Staatlichen Stadtbaukolleg, dem ehemaligen Hufengymnasium, eine Festveranstaltung mit den Studenten, Dozenten und Gästen durchgeführt. Nach der Begrüßung durch die Stellvertretende Direktorin Irina Iwanowa trug Sem Simkin, der Vorsitzende der russischen Sektion der Ernst-Wiechert-Gesellschaft und Träger des Kulturpreises der Landsmannschaft Ostpreußen, Verse aus dem Gedichtband "Noch tönt mein Lied" vor. Dann hielt die Germanistin Lidia Natjagan die Festansprache, in der sie den Lebensweg und das Schaffen Wiecherts würdigte. Ihre Ausführungen wurden von Studenten nach einzelnen Abschnitten durch Gedichte Wiecherts teils in deutscher, teils in russischer Sprache ergänzt. Natjagan schilderte das Leben Wiecherts, seine Geburt 1887 im Forsthaus Kleinort im Kreis Sensburg in Ostpreußen sowie die Zeit des Besuches der Burgschule, des Studiums an der Albertina und seiner Tätigkeit als Pädagoge von 1920 bis 1930 am Hufengymnasium in Königsberg und schließlich von 1930 bis 1933 am Kaiserin-Augusta-Gymnasium in Berlin, wo er dann unter dem Druck des NS-Regimes seine Tätigkeit aufgeben mußte. Natjagan würdigte das Wirken Wiecherts gegen den Nationalsozialismus, insbesondere durch seine Reden an die Jugend 1933 und 1935 in München und seinen Protest gegen die Inhaftierung des Pfarrers Martin Niemöller. In dessen Folge wurde er 1938 für mehrere Monate ins KZ Buchenwald gebracht, erhielt Arbeits- und Aufenthaltsverbot und stand bis 1945 unter Gestapo-Aufsicht.

Natjagan verwies auf seine bedeutenden Werke, wie die Autobiografie "Wälder und Menschen" und "Jahre und Zeiten", den "Totenwald", "Das einfache Leben", die "Jerominkinder", die letzte große Arbeit "Missa sine nomine", und wies auf seine vielen Gedichte hin. Sie erwähnte, daß Wiecherts Werke in mehr als 20 Fremdsprachen übersetzt wurden und er in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die deutsche Literatur ganz wesentlich beeinflußt hat. Nach 1945 machte er noch mehrere Auslandsreisen mit Lesungen seiner Werke. Von 1948 bis zu seinem Tode 1950 lebte er dann in der Schweiz.

Nach Natjagans Festansprache verlas der ehemalige Schüler des Hufengymnasiums Klaus Behrend, der die Internationale Ernst-Wiechert-Gesellschaft (IEWG) in der Bundesrepublik Deutschland vertrat, ein Grußwort seiner Vorsitzenden Dr. Bärbel Beutner. Im Grußschreiben heißt es:

"Und daß Ernst Wiechert nicht vergessen ist, zeigt sich heute in dieser Veranstaltung, die von denen gestaltet wird, die sich hier in Königsberg für den ostpreußischen Dichter einsetzen. Das ehemalige Hufengymnasium, Wiecherts Wirkungsstätte, bietet unter dem heutigen Leiter des Baukollegs, Dr. Lazar Fukson, dem Dichter eine Heimstätte, einen Raum als Museum. Sem Simkin hat die Lyrik Wiecherts dem russischen Leser nahegebracht. Lidia Natjagan hat Wiecherts Lebenserinnerungen ins Russische übersetzt und arbeitet an einer weiteren Sammlung von Prosa-Texten. Die Mitglieder der deutschen ‚Wiechert-Familie' sind glücklich und dankbar für den Austausch mit den russischen Freunden."

Im Anschluß daran dankte Behrend für die Einladung zur Teilnahme an den Feierlichkeiten zu Ehren Ernst Wiecherts. Er übermittelte die herzlichen Grüße der ehemaligen Hufengymnasiasten und wies darauf hin, daß er bereits vor zwölf Jahren, im Mai 1995, an der Einweihung des Gedenksteines für Ernst Wiechert anläßlich des 90. Gründungsjahres des Gymnasiums teilgenommen hatte. In dieser Aula hielt Wiechert 1929 vor den Abiturienten seine bekannte Abschiedsrede, die heute hoch aktuelle Bedeutung hat. Dort gab er den Absolventen auf den Weg:

"Es ist nicht nötig, daß es auf der Welt mehr Geld, mehr Schnellzüge, mehr Parteien und Weltanschauungen gibt. Aber es ist nötig, daß es etwas weniger Tränen auf der Welt gibt, etwas weniger Qualen. Wer in diesem Jahrhundert auf die Erde tritt, hat nicht dafür zu sorgen, daß die Gemeinschaft der Satten und Zufriedenen sich vermehre, sondern die Gemeinschaft der Erniedrigten und Beleidigten sich vermindere."

Drei Tage später, am 120. Geburtstag Ernst Wiecherts selber versammelten sich am Vormittag in der Aula des Baukollegs Studenten, Dozenten und Vertreter der Öffentlichkeit. Der Direktor Dr. Fukson eröffnete das Treffen. In kurzen Ansprachen gedachten des Dichters und Pädagogen Wiechert der Dichter Simkin, die Kulturministerin des Gebietes Frau Peretjakani, Frau Aweresch, Kulturattaché des deutschen Generalkonsulats, ein Vertreter der Außenstelle des russischen Außenministeriums, der Kulturattaché des Generalkonsulats Litauens, der Direktor des Deutsch-Russischen Hauses, Dr. Peter Wunsch, und Behrend. Anschließend begaben sich die Anwesenden zum Gedenkstein für Ernst Wiechert neben dem Portal des Kollegs. Ein Musikstück, von einem Flötenterzett des Musikkollegs gespielt, erklang und Simkin sprach einige Worte des Gedenkens. Von Studenten und Gästen wurden dann Blumengestecke und viele Rosen am Gedenkstein niedergelegt. Der Direktor des Baukollegs bat nun alle Anwesenden zur Einweihung des Wiechert-Museums in das Kolleg. Nachdem von ihm, Simkin und mehreren Gästen ein rotes Band durchschnitten worden war, konnte das Museum betreten werden. Im Museum waren eine Büste Wiecherts und eine Reihe von Fotos aus seinem Leben, einige seiner Werke, ein Holzkästchen mit Erde aus dem Wald seines Geburtsortes und mehrere sehr interessante Zeichnungen und Bilder zu den Werken Wiecherts von der Künstlerin Tamara Tichonowa zu sehen. Auch zwei Bilder von ihren Schülerinnen (13 und 14 Jahre alt) wurden mit Freude betrachtet. Im Namen der ehemaligen Hufenschüler überreichte Behrend 20 Exemplare des Buches "Wälder und Menschen" in russischer Sprache, eine Kopie von Wiecherts Schilderung seines letzten Besuches bei seinem Vater im Forsthaus Kleinort 1937 mit dem Titel "In der Heimat". Außerdem übergab er eine Mappe mit der Originalbriefmarke, die zu Ehren von Wiechert anläßlich seines 50. Todestages im August 2000 in der Bundesrepublik erschienen war, sowie eine Broschüre über die Erinnerungen von Blanche Gaudenz an das Leben Wiecherts in der Schweiz von 1948 bis 1950. Der Direktor Fukson überreichte dann allen besonders aktiv an der Vorbereitung und Durchführung der Wiechertfeierlichkeiten Beteiligten wie Simkin, Natjagan, Tichonowa, Dr. Wunsch und Behrend individuell gehaltene Dankesurkunden sowie an Studenten Dankschreiben.

Am Abend fand im Deutsch-Russischen Haus ein Literatur- und Musikabend statt. Der Direktor des Hauses begrüßte herzlich die- vielen Gäste im gefüllten Saal. Simkin rezitierte aus dem von ihm herausgegebenen Buch "Noch tönt mein Lied" das Wiechert-Gedicht "Ein Kind hat geweint". Danach sprach Natjagan, die für die Übersetzung der Autobiografie "Wälder und Menschen" 2001 den Ernst-Wiechert-Preis erhielt, über einige Aspekte des Lebens und Schaffens des Dichters. Der Professor für Kunstgeschichte an der Kant-Universität Wladimir Gilmanow trug dann ein Essay zu Wiecherts "inneren Leitmotiven und Schicksalsschlägen" für seine Arbeiten vor. Anschließend wurden von Musikern, Sängern und Schauspielern Lieder mit vertonten Gedichten Wiecherts gespielt und gesungen sowie mehrere Gedichte in deutscher oder russischer Sprache vorgetragen. Behrend dankte für die sehr gelungene Abendveranstaltung und wünschte allen Künstlern und Gästen weiterhin Erfolge in ihrer Arbeit im Sinne Wiecherts zur Festigung der Freundschaft zwischen russischen und deutschen Menschen. Der lyrisch-musikalische Abend wurde durch Simkin mit dem Gedicht "Was die Mutter für dich spinnt" und einem Musikstück beendet. Der Direktor des Deutsch-Russischen Hauses lud dann alle Gäste der Veranstaltung zu einem Glas Wein und kleinem Imbiß ein. Am darauffolgenden Tag fand in der regionalen wissenschaftlichen Bibliothek noch eine Wiechert-Konferenz statt, an der Simkin und Prof. Gilmanow teilnahmen.

Das Fernsehen und die Zeitung "Kaliningrader Prawda" berichteten in den darauffolgenden Tagen sehr lobend über die Jubiläumsveranstaltungen zu Ehren Ernst Wiecherts.   K. B.

Foto: Ehrten Ernst Wiechert zum Geburtstag mit Blumen: Studentinnen des Staatlichen Stadtbaukollegs in Königsberg


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