© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 27-07 vom 07. Juli 2007

Orte der Stille und Besinnung
Pilgerwandern als neuer Urlaubstrend - Die spirituelle Seite des Salzburger Landes
von Cornelia Höhling

Zum Sonnenuntergang treffen sich alle auf dem Dach. Das Panorama ist überwältigend: die Mozartstadt Salzburg zu Füßen, von der Alexander von Humboldt, der weitgereiste preußische Gelehrte, sagte, sie sei eine der drei schönsten Städte der Welt, und in der Ferne der mächtige Untersberg. Während die Sonne sinkt, hat Pater Schwarzfischer ein passendes Gedicht zur Hand - ein Gotteslob. Auf der Pilgerwanderung sind wir Gäste im Johannesschlössl der Pallottiner auf dem Mönchsberg.

Bis dahin wußten wir kaum etwas von der Ordensgemeinschaft des Vincenz Pallotti (1795-1850), in der Patres und Laien zusammenleben.

"Wir sind ein Ort der Stille und Besinnung", erklärt der Pater. Hier finde jeder schützende Mauern und ein Dach und müsse nicht beten, räumt er letzte Zweifel aus, bevor er ganz weltlich zum Dämmerschoppen ins Kellerstübl einlädt. Er halte es mit K&K, womit er Kirche und Küche meint. Für alle Situationen hat der 67jährige eine Lebensweisheit parat.

Pilgerwandern liegt im Trend und muß nicht religiös motiviert sein, weiß auch Toni Wintersteller von der Erzdiözese Salzburg. Das Motto vieler Wanderer heißt einfach: Kraft schöpfen, innere Ruhe und sich selbst finden. Beim Pilgern sei der Weg entscheidend, erklärt Wintersteller den Unterschied zur Wallfahrt, bei der es um das Ziel gehe. Durch das Salzburger Land führen drei Pilgerwege: die Via Nova, der Donau-Alpen-Adria-Radpilgerweg und über 800 Kilometer des Jakobsweges. Sie laden ein, Geschichte und Kultur des Landes Schritt für Schritt zu entdecken. Dabei ist Wissenswertes zu erfahren über Legenden, Rituale und Traditionen. Oftmals führt der Weg an alten Kultstätten und Wallfahrtszielen vorbei.

Wir treffen auf eine Pilgergruppe, ausgerüstet mit dem Pilgerstab, den eine Jakobsmuschel ziert, und begleiten sie ein Stück. Zunächst geht es zum Marienheiligtum Großgmain am Fuße des Untersberges. Hinter der Kirche liegt, wie der Ortspfarrer erläutert, "auf einem starken Energiefeld der Marienheilgarten". Natur und Philosophie, Religion und Mythologie, Astrologie und Numerologie werden hier zu einer Weltsicht verbunden. Den Platz vor der Kirche schmückt indes ein barocker Brunnen, dessen doppelgestaltige, zum Himmel und zur Erde gewandte Marienfigur einst für Aufregung sorgte. Sie trägt das Kleid der römischen Göttin Diana, und aus ihren Brüsten fließt Leben spendendes Wasser.

Nach einer kräftigenden Pilgersuppe bei der Wirtin vom Gasthaus Wartberg folgen wir der Saalach flußaufwärts. Es geht auf dem Jakobsweg von Unken nach St. Martin beim bekannten Urlaubsort Lofer. Dank der aufmunternden Worte des Pilgerführers bewältigen wir auch den kleinen Umweg über die Wallfahrtskirche Maria Kirchental, wenngleich die letzte Etappe über den Tirolersteig auf 880 Meter Höhe schweißtreibend wird. Aber die 300 Jahre alte Kirche im abgelegenen Hochtal zu Füßen der Loferer Steinberge ist die Anstrengung wert.

Wegen ihrer Ausmaße "Pinzgauer Dom" genannt, beherbergt sie eine einzigartige Sammlung von rund 1200 Votivtafeln. 100 davon können wie ein "Bilderbuch der Dankbarkeit" betrachtet werden. Spirituelle Wanderer wollen in erster Linie ihre Heimat kennenlernen, den Menschen, die dort leben, begegnen und Kontakt zur Natur haben, wie es etwa alte Saalachtaler Heilwiesen ermöglichen. Für Pater Schwarzfischer findet sich diese Form der Dreieinigkeit aus Natur, Kultur und Religion in Salzburg auf engstem Raum. Auch ohne Mozart und Festspiele fasziniert das "Rom des Nordens" als ein Konzentrat europäischer Kulturgeschichte. Kein Wunder, daß viele hier länger verweilen.

Einerseits ist es geprägt durch großzügige Profanbauten, darunter vier Schlösser: Klessheim, Leopoldskron, Hellbrunn und Mirabell, wo im prunkvollen Marmorsaal seit 1954 Konzerte gegeben werden. Mit über 350 Konzerten im Jahr soll es sich um die bedeutendste Kammermusikreihe der Welt handeln. Alles andere sind Schlössl, sagt der Pater, wie das Johannesschlössl auf dem Mönchsberg, von dem ein Fußweg zur Festung Hohensalzburg führt. Sie ist die größte erhaltene Wehranlage Mitteleuropas, die nie erobert wurde.

Andererseits hat Salzburg auch eine spirituelle Seite. Die Hauskapellen eingerechnet, beherbergt es 50 bis 60 Kirchen, schätzt der Pater. Alle haben eine interessante Geschichte, ob Franziskaner-, Universitäts- oder Stiftskirche von

St. Peter. Allein der barocke, 1655 vollendete Dom bietet 3000 Menschen Platz. In seinem romanischen Taufbecken wurde der spätere Domorganist Wolfgang Amadeus Mozart getauft. Nicht weit davon entfernt markiert der "Nonnberger Hund" als Grenzstein das Immunitätsgebiet der Abtei Nonnberg. Es ist das älteste Frauenkloster im deutschsprachigen Raum, das seit seiner Gründung 713/15 ununterbrochen bewohnt ist.

Für eine Urkunde am Ende des Pilgerweges im spanischen Santiago de Compostela, die jeder erhält, der mindestens 100 Kilometer auf dem Jakobsweg zu Fuß unterwegs war, reicht bereits der Salzburger Teil.

Was gab uns Pater Schwarzfischer mit auf den Weg? Man muß im Leben nicht nur fragen "warum", sondern auch "wozu".

Foto: Oft auch schweißtreibend: Wandern in Begleitung christlichen Beistandes


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabo bestellen Registrieren