© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 27-07 vom 07. Juli 2007

Fürst Merkelich / Wie Polen die Völker aufwiegelt, warum Engländer Angst vor ihren Ärzten haben, und was der Weltmarkt alles weiß
Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

Andere Länder, andere Sitten, spannende Sitten! Das Fremdartige zieht uns magisch an, der passionierte Globetrotter kann nicht genug davon bekommen - es sei denn, er wird da draußen krank und muß ins Hospital. Von da an sehnt er sich nur noch nach der Botschaft, daß er nächste Woche in die Heimat verlegt wird. Wenn wir angegriffen sind, kommen uns die fremden Sitten nämlich keineswegs mehr spannend vor, sondern nur noch lästig, undurchsichtig und irgendwie falsch.

So geht es nicht bloß uns Deutschen, alle Europäer packt das selbe Heimweh, das an keiner Krankenhausbettkante haltmacht. Alle Europäer? Nicht ganz: Deutsche Klinikärzte berichten, daß britische Patienten die Nachricht von ihrer Heimholung nicht etwa als Erlösung empfangen, sondern reagieren wie ein mittelalterliche Delinquent, dem man soeben die Folterwerkzeuge gezeigt hat. Käseweiß im Gesicht flehen sie darum, doch in Deutschland bleiben zu dürfen, bis alles wieder gut ist mit ihnen.

Das britische Gesundheitswesen hat eben nicht den besten Ruf, dachten wir da schulterzuckend - und hatten keine Ahnung, was für Leute in den Inselkliniken tatsächlich ihr düsteres Wesen treiben. Alle acht Terrorverdächtigen arbeiteten in britischen Krankenhäusern. Vom wahren Ausmaß der Bedrohung durch das britische Gesundheitswesen wußten bis vor kurzem wohl nicht einmal die Engländer selbst. Aber vielleicht haben sie ja so einen sechsten Sinn und ahnten was! Notorische Britenfresser würden ergänzen, das sei so wie mit den Blinden, die ja einen besonders gut ausgebildeten Tastsinn entwickeln, weil sie nichts sehen können. Und die Briten besäßen halt diesen sechsten Sinn, weil sie die anderen fünf nicht alle beieinander hätten. Klingt gemein, aber schlüssig.

Natürlich beschwichtigen uns die üblichen Geradebieger mit dem Hinweis, daß nicht alle britischen Ärzte Terroristen seien. Das stimmt natürlich. Doch erstens lassen sich die britischen Patienten davon kaum beruhigen und zweitens: Was nützt mir die statistische Sicherheit, wenn Dr. Mohammed H. seine Zündkabel ausgerechnet unter meiner Matratze verlegt?

Am besten, man fährt gar nicht mehr über die Grenzen. Wir sind längst hinlänglich globalisiert und haben alles Exotische zu uns hereingeholt, damit wir es vor der Haustür genießen können. In Loriots Anfang der 90er gedrehtem Kino-Erfolg "Ödipussy" hat der Regisseur eine besonders ulkige Szene eingebaut: Da stolpern Loriot und seine Partnerin Evelyn Hamann über den fast menschenleeren Mailänder Bahnhof und kommen nicht weg: Streik. Was haben wir uns damals gekringelt! Bahnstreik - so was Spektakuläres gibt's bei uns nicht. Waren ja Beamte. Deutschland war das langweiligste Land der Welt, weil alles funktionierte. Aus dieser Tristesse hat man uns diese Woche befreit und siehe da: Endlich haben wir auch mal Zeit für einander, so wie die Italiener! Ein Schwätzchen mit dem streikenden Lokführer, oder mit dem Geschäftsmann, der seit Mitternacht auf dem Bahnhof herumlungert, oder dem Arbeitssuchenden, der gerade sein Vorstellungsgespräch verpaßt hat. Alle haben was zu erzählen, vor allem dem Lokführer.

Wer zu der Massenunterhaltung keine Lust hat, wird zu Hause allein unterhalten. Für Liebhaber des gleichmäßigen Pieptons hat die Deutsche Bahn eine kostenlose "Service-Hotline" eingerichtet, wo Sie sich stundenlang vollpiepen lassen können.

Wer aber meint, dennoch reisen  zu müssen und den Streikposten durch die Wahl eines anderen Verkehrsmittels ein Schnippchen schlagen will, wird auf die Nase fallen. In einem Akt beispielloser Solidarität von Großkonzernen und Gewerkschaften haben die Ölgesellschaften just am Tage des Streikausbruchs kräftig die Benzinpreise angehoben. Daß es solche Nischen trauter Kumpanei im eisigen Wind der Weltwirtschaft noch gibt, füllt unsere Herzen mit großer Freude und die Kassen der Ölkonzerne mit viel Geld. Den Konzernen ist ihre noble Geste fast peinlich, sie begründen die Inflation an den Zapfsäulen verschmitzt mit "gestiegenen Weltmarktpreisen". Das ist natürlich ein Scherz: Der "Weltmarkt", das sind sie selbst, die Konzerne. Deshalb weiß der Weltmarkt auch immer so gut Bescheid, wann in Deutschland die Ferien beginnen oder die Bahn bestreikt wird.

Dabei haben wir ausgerechnet von unseren britischen Nachbarn in Sachen Streik offenbar einiges dazugelernt. Wie auf der Insel bis in die 80er Jahre streikt nicht nur eine Eisenbahner-Gewerkschaft, sondern gleich drei, welche sich in zwei Lager gespalten haben, die nichts von einander wissen wollen. Britanniens Wirtschaft hat diese Art von Arbeitskämpfen am Ende soweit gebracht, daß britische Filmteams ihr Land gar nicht mehr verlassen mußten, um typisches Dritte-Welt-Ambiente vor die Linse zu bekommen.

Warum auch immerzu arbeiten, jetzt ist ohnehin erstmal "Sommerloch" angesagt. Nein, das ist nicht das Loch, in das der Sommer verschwunden ist, weshalb wir diesen endlosen Früh-November ertragen müssen. Das Sommerloch ist die Parlamentspause, in der die großen Politiker in die Ferien gehen und sich erholen von der Mühsal.

Das haben sie dieses Jahr besonders nötig nach der nervtötenden EU-Ratspräsidentschaft. Mann, war das knapp! Erst nach und nach wird uns klar, was alles hätte passieren können. Mit ihrer Veto-Drohung hätten die Polen beinahe für ein Scheitern des EU-Gipfels gesorgt. Ihre Quadratwurzelei hätte eine verhängnisvolle Debatte lostreten können, auch wenn die Zwillinge das gar nicht vorhatten, sondern bloß mehr für sich wollten.

Aber es hätte nicht mehr viel gefehlt, und einige Querulanten wären auf die verbotene Frage gekommen: "Wie demokratisch ist EU-Europa eigentlich?" Dann hätten wir den Salat!

Schließlich hat sich die EWG/EG/EU bislang nur ein einziges Mal zaghaft dem berüchtigten Volkswillen ausgesetzt. Das Ergebnis war ein Desaster ersten Ranges: Beim Referendum über die EU-Verfassung in Holland und Frankreich knallten die EU-Oberen der Länge nach hin.

Die in Brüssel versammelten  Repräsentanten der europäischen Regierungen schweißte danach die selbe schreckliche Erfahrung zusammen wie weiland die Herrscher auf dem Wiener Kongreß 1814/15: Sie hatten erlitten, welches Durcheinander Volksbeteiligung an der Politik anrichtet, und waren sich seitdem felsenfest einig: Der Plebs bleibt draußen, wir entscheiden Europas Neuordnung allein und teilen sie dem frechen Pöbel dann in freundlichen Worten mit.

Die in Wien hatten es allerdings in einem entscheidenden Punkt besser als ihre Erben in Brüssel knapp 200 Jahre später: Polen war 1815 nicht souverän und wurde vom Kongreß als "Kongreß-Polen" unter die Obhut Rußlands gestellt. Somit konnte auch kein wildgewordenes Herrscherpaar aus Warschau alles in Gefahr bringen. Ansonsten blieb über die Jahrhunderte alles beim alten, nur daß Fürst Metternich diesmal als Frau auftrat.

So heißt die EU-Verfassung also  "Vertrag", damit die Völker nie wieder ihre schmutzigen demokratischen Finger in die hohen Belange Europas stecken können. Denn über Verträge muß man das Volk ja nicht abstimmen lassen, nicht mal in Frankreich.

Wenn die Polen ihre Drohung aber wahrmachen und dem neuen Ratspräsidenten aus Portugal auch so viel Ärger bereiten, wird man ihnen mit irgendwas drohen müssen. Aber womit bloß? So mancher EU-Grande dürfte des Nachts heimlich davon träumen, Polen wie einst in Wien unter Kuratel zu stellen und als "Kommissions-Polen" direkt von Brüssel aus zu verwalten, bevor weiteres Gezappel  die demokratischen Dämonen der europäischen Untertanen aufweckt. Oder man läßt sie doch noch einfach am Wegrand stehen bei den Verhandlungen, so wie Fürst Merkelich es ja bereits angedacht hatte.


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