© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 30-07 vom 28. Juli 2007

Noch mehr Truppen an den Hindukusch?
Auch unter dem Druck des Geiseldramas will Berlin keinen Strategiewechsel einleiten
von Klaus Apfelbaum

Afghanistan ist ein Land, in dem es keine Sieger gibt. Man kann dort allenfalls überleben, aber nur, wenn man sich klug verhält. Im Drama um die deutschen Geiseln hat die Bundesregierung ein eher hilfloses Bild geliefert. Es wäre an der Zeit, grundsätzliche und richtige Entscheidungen zu fällen. Aber es ist zu befürchten, daß sich Berlin an die gescheiterte Afghanistan-Strategie klammern und noch mehr Soldaten in den falschen Einsatz schicken wird - zur Zeit gibt es in den beiden Fraktionen der Großen Koalition nicht genug Stimmen, die ein Ende erzwingen könnten.

Die Strategie für den deutschen Militäreinsatz am Hindukusch ist gescheitert - und die Lage wird immer gefährlicher. Es drohen nicht nur weitere Geiselnahmen und Anschläge auf deutsche Soldaten, die Sicherheitsdienste warnen immer eindringlicher vor Attentaten in Deutschland, mit denen die Debatte um die Fortführung des Isaf-Kommandos in Afghanistan beeinflußt werden soll - in den Amtsräumen herrscht deutliche Alarmstimmung.

Auch das haben unsere Dienste erkannt: Die Taliban und ihre El-Kaida-Verbündeten können Lage und Stimmung in Deutschland sehr präzise einschätzen, die Situation in Afghanistan ohnehin.

Die Forderung des Isaf-Kommandeurs Dan McNeill, die deutschen Truppen erheblich zu verstärken - bis zu 1000 Mann zusätzlich - ist im Grunde nur das öffentlich gemachte Eingeständnis, daß die Isaf mit ihrer Strategie nicht weiter kommt; es ist ein erneutes Scheitern.

Ursprünglich, nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, hatte der UN-Sicherheitsrat das Mandat erteilt, nach dem Sturz des Taliban-Regimes "mit allen notwendigen Maßnahmen" die verfassunggebende Versammlung Loya Dschirga, die Wahlen und den Aufbau einer neuen Regierung und Verwaltung abzusichern.

Die Bezeichnung Isaf ist deutlich: "International Security Assistance Force", eine Leibgarde für die Regierung, die Uno-Organisationen im Land und die Helfer unter dem Schutz der Vereinten Nationen. Das Einsatzgebiet war zunächst auf die Region um die afghanische Hauptstadt Kabul begrenzt, wurde dann schrittweise auf alle anderen Teile des Landes ausgedehnt.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Isaf-Führung das Scheitern dieser Mission eingestehen mußte, 2003 kam es zum ersten Strategiewechsel.

Seit vier Jahren versucht die Isaf, "Inseln der Stabilität" aufzubauen mit sogenannten PRT-Teams, also Einheiten, die den Wiederaufbau im Land vorantreiben und sich damit Freunde machen sollten.

Die Bundeswehr wird in der Nord-Region eingesetzt, dazu gehören die Stützpunkte Kundus, Masar-i-Scharif und Faisabad. Kritiker, die militärische und zivile Aufgaben von Anfang an für unvereinbar hielten, sollten Recht behalten.

Auch wenn die militärische Führung sich diesen strategischen Ansatz schönredet: Sicherer ist die Lage nicht geworden, im Gegenteil.

Politologen erforschen inzwischen, warum sich die damalige Regierung Schröder/Fischer auf dieses Abenteuer eingelassen hatte. Im Mai 2003 ging es um die Entscheidung über den Einsatz deutscher Soldaten im Irak: "Kundus statt Bagdad" mutete als das kleinere Übel an.

Der schlimmste Fehler im Norden war, daß die Bundeswehr auf ausdrückliche Weisung den Drogenanbau geschehen lassen mußte. Jetzt, dank der besten Ernte seit Jahren, schwimmen die Taliban und ihre verbündeten Drogenbarone im Geld. Sie verschaffen sich  Waffen, rüsten Terrorgruppen aus und "kaufen" die "Freunde der PRT-Teams" wieder zurück.

Unter dem Druck von Anschlägen und Übergriffen haben sich mehr und mehr Hilfsorganisationen aus den Einsatzgebieten zurückgezogen, auch die Bundeswehrsoldaten müssen auf Befehl in Deckung bleiben. Das hat Folgen: Bei den PRT-Teams gibt es für die afghanische Bevölkerung kaum noch Arbeit und nicht mehr viel zu verdienen. Jetzt machen sich also die Taliban mit Drogengeld neue Freunde.


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