© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 30-07 vom 28. Juli 2007

Geld rein - Mitarbeiter raus
DB-Tochter Berliner S-Bahn: Trotz satter Überschüsse werden weitere Stellen gestrichen
von Patrick O'Brian

Renate Hermann steht am Alexanderplatz und wartet auf die S-Bahn. Sie will zum Hauptbahnhof. Von dort will sie mit ihrem Mann einen Ausflug ins Umland machen. Ihr Regionalexpreß fährt in 15 Minuten. Die Zeit reicht locker aus, um an einem normalen Tag die nur drei S-Bahnstationen lange Strecke zweimal zurückzulegen. Wie gesagt: an einem normalen Tag.

Aber Renate Hermann hat die Rechnung ohne die S-Bahn gemacht. Es ist der 2. Juni. Ein Großteil der S-Bahn-Führer hat sich krankgemeldet. Deswegen fährt die Bahn nur mit großen Einschränkungen. An diesem Sonnabend rollen die Züge nur von einem der zwei Gleise am Alexanderplatz.

Im ersten Moment nach dem Einfahren des Zuges springt die Anzeige um und zeigt als Ziel: nicht mehr Wartenberg, sondern Potsdam - Renate Hermanns Richtung also.

Die Frau zerrt ihren Mann in den Wagon, der Zug fährt los. Aber an der nächsten Station (Jannowitzbrücke) muß sie feststellen, daß die Bahn in die falsche Richtung gefahren ist. Bis der nächste Zug kommt und die enttäuschte Rentnerin zum Hauptbahnhof bringt, ist ihr Regionalexpreß fort. Die Hermanns müssen eine Stunde auf die nachfolgende Verbindung warten.

Die plötzliche Krankenwelle und die wilden Streiks der vergangenen Wochen, über die offiziell nicht viel nach außen drang, waren nur das Vorspiel zu den jetzt laufenden Tarif-Auseinandersetzungen. Einen Monat nach der oben geschilderten Situation Anfang Juni kam es zu einem ersten Warnstreik der Berliner S-Bahn.

Personalkosten sind alles, deswegen wird so hart verhandelt. Von beiden Seiten. Zwar führen die Vertreter der S-Bahn-Seite immer wieder blinde Zerstörungen als Kostenfaktor an, aber das sind "nur" fünf Millionen Euro im Jahr. Kleinkram - verglichen mit den Kosten für die Mitarbeiter.

Die Instandhaltung der Bahn funktioniert sogar vorbildlich. So ging neulich eine Rolltreppe am Bahnhof Gesundbrunnen nicht mehr, was öfter vorkommt bei Rolltreppen. Im Nu war der Schaden behoben.

Ganz anders beim Konkurrenten BVG (Busse und U-Bahn): Am U-Bahnhof Gesundbrunnen (ein Umsteigebahnhof) stehen die Rolltreppen seit Tagen still. Repariert werden sie nach Plan erst im November!

Die Bahntochter S-Bahn hat aus finanziellen Gründen viel Personal abgebaut. Seit 1995 sank die Zahl der Beschäftigten von über 4000 auf derzeit 3546, die der Lokführer von 1211 auf 927. Gleichzeitig ist es ihr aber gelungen, immer mehr Fahrgäste zu transportieren: Ihre Zahl wuchs von 900000 auf 1,3 Millionen täglich. Das wurde nur möglich, weil die Bahn als Mutterkonzern über eine Milliarde Euro in die Infrastruktur gesteckt hat. Das wiederum veranlaßt Berlin, der S-Bahn einen Betriebszuschuß - derzeit laut Pressebericht 200 Millionen pro Jahr - zu zahlen.

Das Land gehe viel zu großzügig mit den Steuergeldern um, sagen nun Kritiker. Vergangene Woche veröffentlichte der "Tagesspiegel" interne Informationen, nach denen die S-Bahn in diesem Jahr über 40 Millionen Euro Gewinn erwirtschaftet haben soll. Der Ertrag fließt aber nicht an die Landesregierung. Statt dessen läßt er die Kasse von Bahnchef Hartmut Mehdorn klimpern.

Und die Deutsche Bahn AG soll bekanntlich privatisiert werden. Berlin fördert also indirekt die Rendite der Kapitalanleger. Bahn-interne Schätzungen versprechen ihnen angeblich jetzt schon reiche Ernte: Der S-Bahn-Gewinn solle auf 125 Millionen Euro im Jahr 2010 steigen.

Die Bahn dementierte die Berichte über die Höhe des Gewinns. Allerdings weigert sie sich, die Zahlen auf den Tisch zu packen - das S-Bahn-Betriebsergebnis, das der DB zugute kommt, ist nach wie vor geheim. Der Senat erfährt auch nicht genau, was mit dem Geld geschieht, das er der     S-Bahn zukommen läßt. Dieser Zustand könnte noch zehn Jahre anhalten. Bis 2017 existiert ein langfristiger Vertrag zwischen dem Land Berlin und der Bahn AG. Bis dahin ist alles fest geregelt, noch mehr Gewinne sind nur drin, wenn die Bahn ihre Ausgaben noch weiter drückt.

Weitere Kostensenkungen gehen aber (gerade auch angesichts der hohen Lohnforderungen, siehe Lokführer) nur bei starkem Personalabbau. Unter dem Sparzwang leidet längst das Betriebsklima bei der Bahn und der S-Bahn. Ständige Angst um den Arbeitsplatz und erzwungene Mehrarbeit schaden der Motivation der Belegschaft.

Das bekommt auch Renate Hermann zu spüren. Erst ist sie am "Alex" in den falschen Zug eingestiegen, weil ein unkonzentrierter Mitarbeiter zu früh das Signal für den nächsten gesetzt hatte, als der alte noch am Gleis stand. Dann bekommt sie am Bahnhof Jannowitzbrücke noch eine Abfuhr der besonderen Art, als sie sich bei der Bahnaufsicht beschwert. Die S-Bahn-Mitarbeiterin antwortete berlinerisch-schnoddrig: "Da kann ick doch nüscht dafür, wenn Sie in'n falschen Zug einsteijen."

Renate Hermann ärgert sich noch mehr über diese Antwort als über die falsche Anzeige. Dabei hatte sie "Glück im Unglück", daß sie überhaupt jemanden angetroffen hat: Die Bahn plant im Bereich Bahnsteigaufseher die Streichung von satten 250 der 650 Stellen.

Foto: "Da kann ick doch nüscht dafür!": Unzufriedene Kunden müssen sich bei Berlins S-Bahn manchmal auf einiges gefaßt machen.


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabo bestellen Registrieren