© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 30-07 vom 28. Juli 2007

Berlin bekommt beste Noten
Hauptstadt für 16- bis 49jährige Spitze, auch Unternehmen zufrieden - doch an der Senatspolitik liegt das kaum
von Markus Schleusener

Sieben Frauen, sieben Männer. Sie kennen sich nicht, sitzen sich jetzt aber in der X Bar im Prenzlauer Berg gegenüber. Dann klingelt die Glocke und sie beginnen miteinander zu reden. Nach sieben Minuten erklingt wieder die Glocke. Alle 14 "Singles" machen ein Kreuz bei "Wiedersehen - ja oder nein". Dann wechseln die Männer mit ihrem Nachbarn zur Rechten und beginnen das Gespräch mit der Nächsten.

Was so aussieht wie "Reise nach Jerusalem" ist die moderne Art, wie sich Großstädter in Berlin kennenlernen. Speeddating (englisch für "Schnellverabredung") heißt der Wanderzirkus paarungswilliger Jung-Berliner.  Kreuzen beide Teilnehmer "Ja" an, so erhalten beide die Telefonnummer des anderen. Kreuzt auch nur einer "Nein" an, so kommt kein Kontakt zustande.

Carl K. (28) war zum ersten Mal dabei und nach 60 Minuten ganz schön geschafft. "Es hat aber Spaß gemacht", sagt er. Eine Lehrerin in seinem Alter hat ihm ein "Ja" gegeben, die beiden treffen sich demnächst. Auch Freund Florian hat sofort einen Treffer gelandet und eine Frau aufgetan, die er näher kennenlernen möchte.

Für 29 Euro pro Treffen verkuppelt eine Firma aus Warstein ihre Kunden im ganzen Land. Vor allem in Berlin brummt das Geschäft. Allein im August sind 14 Termine teilweise im Stundentakt geplant - mit Teilnehmern zwischen 21 und 45 Jahren. Der Veranstalter wirbt damit, daß Speeddating den Teilnehmern peinliche  Verabredungen mit Unbekannten erspare, aus "denen man sich herauswinden muß".

Berlin ist ein lukratives Pflaster für Partyveranstalter vom Schlage der Verabredungs-Agentur. Die Zeitschrift "Max" hat Anfang Juli eine Umfrage durchgeführt, bei der Berlin als besonders attraktiv für alleinstehende Erwachsene eingeschätzt wurde. 56 Prozent der Befragten sagten dies. Hamburg und München lagen dahinter.

Die Hamburger gelten als "zu reserviert" und die Münchener als "zu spießig". Zumindest aus Sicht der 1302 Umfrageteilnehmer zwischen 16 und 49 Jahren aus ganz Deutschland. 71 Prozent halten Berlin für die lebendigste Stadt, 61 für die kreativste (was immer das heißt). 27 Prozent erklärten, sogar einige Jahre in Berlin leben zu wollen. Es scheint, als müsse die Hauptstadt keine Angst vorm Schrumpfen haben.

Klaus Wowereit mag sich über diese Umfrage des Hochglanzmagazins freuen. Richtig glücklich aber ist er über eine andere Umfrage: das sogenannte Betriebspanel der Bundesagentur für Arbeit (BA).

Ein Tochterinstitut der BA hat 16000 Unternehmen zu den Rahmenbedingungen an ihrem Standort befragt. Und siehe da: Berlin hat unter allen Bundesländern am besten abgeschnitten! Die Überraschung war den Senatsmitgliedern fast schon ins Gesicht geschrieben. Weder der Bürgermeister noch seine rot-roten Mitstreiter hatten mit einem erfreulichen Abschneiden der Bundeshauptstadt gerechnet.

Die 900 in Berlin befragten Firmen gaben der Stadt die Bestnote 2,46. Der Durchschnitt beträgt im Westen 2,63 und in den "neuen" Ländern 2,66. "In Berlin bekommen die Kundennähe, die überregionale Verkehrsanbindung und die Attraktivität für Arbeitskräfte mit Abstand die besten Bewertungen. Die Qualität des Fachkräfteangebots und die Verfügbarkeit von Gewerbeimmobilien liegen im Durchschnitt", teilte die Senatsverwaltung für Arbeit und Soziales erfreut mit.

Allerdings hält die Studie auch einige Minuspunkte parat - und hier zeigt sich, daß der Senat sich das gute Abschneiden der deutschen Hauptstadt kaum auf die eigene Fahne schreiben kann: "Die Preise für Energie und Wasser, die kommunalen Steuern, die Zusammenarbeit mit Behörden sowie die Preise für Gewerbeflächen, Büro- und Ladenmieten werden schlecht bewertet."

Die Preise für Energie und Wasser sind besonders hoch, seit der Senat die Wasserwerke teilweise und den Stromversorger (Bewag) gänzlich privatisiert hat. Seitdem hat Berlin die höchsten Wasserpreise in Deutschland. Und auch über die jüngste Vattenfall-Strompreiserhöhung stöhnen Privat- wie Geschäftskunden. Eine Firma, die aus Berlin wieder abziehen könnte, ist Sat1. Es wird über einen Umzug der Zentrale des TV-Senders nach München (Sitz des Mutterkonzerns ProSieben-Sat1) spekuliert. Die Beschäftigen der Redaktionen, deren Programme gerade gestrichen worden sind (Sat1 am Mittag, Sat1 der Abend, Sat1 die Nacht), werden wohl komplett entlassen. Allen Standortvorteilen zum Trotz.


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