© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 30-07 vom 28. Juli 2007

Forscher im Machbarkeitswahn
Stammzellenforschung: Ethische Bedenken bringen Wissenschaftler um neue Erkenntnisse
von Rebecca Bellano

Ein Wundermittel, das Parkinson, Alzheimer, Querschnittslähmung und Diabetes heilt und sogar neue Organe herstellen kann? Das klingt doch sehr phantastisch und erinnert an so manche Versprechen herumfahrender Quaksalber aus dem vorletzten Jahrhundert, die mit einer einzigen Medizin unzählige Krankheiten heilen wollten, doch das einzige Ergebnis waren bestenfalls Kopfschmerzen, denn die Wundermittel bestanden hauptsächlich aus Alkohol.

Kopfschmerzen bekommt jetzt auch der medizinische Laie, versucht er sich mit den Argumenten der Stammzellenforscher und ihrer Gegner auseinanderzusetzen. Die Forscher sichern ähnliches wie die fahrenden Quaksalber von einst zu, nur sprechen im Falle der Wissenschaftler durchaus einige Punkte für ihre Versprechungen. Diese besagt, daß man mit Stammzellen zahlreiche Krankheiten heilen oder zumindest lindern kann.

Doch was sind diese Stammzellen überhaupt? Stammzellen sind Körperzellen, die noch nicht ihre Aufgabe gefunden haben, aber als "Reserve" auf Abruf bereit sind. Sogenannte adulte Stammzellen kommen im geborenen Lebewesen in zahlreichen Organen vor. Sie lassen sich relativ leicht in andere Zelltypen umwandeln. Und so ist es nicht ungewöhnlich, daß Stammzellen aus dem Knochenmark bei Bedarf von alleine zur Leber wandern und Aufgaben von Leberzellen übernehmen. Embryonale Stammzellen, die aus dem Zellhaufen eines etwa zwei Wochen alten Embryos gewonnen werden, können sich nach aktuellem Wissensstand unentwegt teilen. Ihr Potential ist noch größer als das der adulten Stammzellen, da diese Zellen zu bis zu 200 Gewebesorten heranwachsen können.

Stammzellen sind also Bausteine des Lebens und mit diesen Bausteinen möchten deutsche Forscher endlich besser arbeiten können. Adulte Stammzellen stehen ihnen zwar für Grundlagenforschung und auch für medizinische Versuche zur Verfügung, doch bei embryonalen Stammzellen hat der deutsche Gesetzgeber aus ethischen Aspekten einen Riegel vorgeschoben. Das Embryonenschutzgesetz und die sogenannte Stichtagsregelung verbieten ihnen, in Deutschland mit hier gewonnenen embryonalen Stammzellen beziehungsweise jenen aus dem Ausland, die nach dem 1. Januar 2002 entstanden sind, zu forschen. Embryonen zu Forschungszwecken heranzuzüchten, um sie dann - vielleicht gar noch zur Gewinnerzielung - zu töten, sei ethisch nicht vertretbar.

Vergangene Woche hat aber der 2001 unter der Schröder-Regierung einberufene, jetzt scheidende Nationale Ethikrat mit einer neuen Stellungnahme seine eigene Entscheidung von 2001 in Frage gestellt. Die Zeit habe gezeigt, daß die Stichtagsregelung deutsche Forscher isoliere und auch ihre Forschungsergebnisse verzerre. Erstens dürften sie nicht mit Forschern anderer Länder zusammenarbeiten, da die mit embryonalen Stammzellen arbeiten, die anderen "Herstellungskriterien" unterliegen, und zweitens seien die alten hauptsächlich aus Schweden, Belgien und Israel gelieferten embryonalen Stammzellen inzwischen verseucht. Da die Forschung vor einigen Jahren noch Eiweiße aus Mäusen als Nährlösung für die menschlichen Zellen verwendet habe, seien diese inzwischen teilweise mutiert beziehungsweise würden von menschlichem Immunsystem im Falle einer in Deutschland derzeit noch nicht erlaubten Verpflanzung abgestoßen werden. Zudem hätten derartige Zellen im Ausland bei den Versuchstieren Krebs hervorgerufen. Ob die Krebserkrankung nur an den veralteten Stammzellen liegen mag oder ob der Körper sich auf diese Art gegen derartige Eingriffe von außen wehrt, ist eine Frage, die Kritiker dieser Forschung neben den ethischen Aspekten bewegt. Forscher hingegen argumentieren, daß Nichtwissen keine Alternative sei, nur weitere Versuche würden Klarheit schaffen.

Wird in Deutschland nun die Stichtagsregelung fallen, auf einen jüngeren Zeitpunkt vorverschoben oder beibehalten? Diese Frage wird in den nächsten Monaten heiß diskutiert werden. Wer ehrlich ist, entdeckt in dieser Regelung allerdings nur Heuchelei: Sie ist, wie ein bißchen schwanger zu sein! Forschen ja, aber nur an alten embryonalen Stammzellen aus dem Ausland. Als ob sich bei Embryonen aus dem Ausland nicht die ethische Frage stellen würde. Teile des Nationalen Ethikrates fordern eine eigene Stammzellenbank anzulegen, die man auch besser kontrollieren kann. Die embryonalen Stammzellen, da zum Teil nicht benötigtes "Abfallprodukt" bei künstlichen Befruchtungen, sind in Deutschland bereits vorhanden, nur werden sie derzeit  weggeworfen. Wegwerfen oder forschen? Ethisch betrachtet ist beides durchaus diskussionswürdig, doch im Falle des Forschens könnten die embryonalen Stammzellen immerhin Erkenntnisgewinn bei einer noch jungen Wissenschaft bringen.

"Wenn Sie das Buch des Lebens kennenlernen wollen, müssen Sie es natürlich von Anfang bis Ende lesen", erklärt Detlev Ganten, Vorstandsvorsitzender der Charité Universitätsmedizin Berlin, seine Forderung, auch an embryonalen Stammzellen ungehindert forschen zu können. Er will erforschen, ob man Stammzellen - adulte wie embryonale - dazu anregen kann, Heilungsprozesse im Körper zu befördern. Ob dies nur Wunschträume oder reale Hoffnungen sind, kann letztendlich nur die Forschung belegen.


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