© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 30-07 vom 28. Juli 2007

Traumatisierte fordern Millionen
Nachkommen von Holocaustopfern klagen in Tel Aviv gegen die Bundesrepublik
von Maria Bornhöft

Das ist heute ein bedeutender Tag und ein guter Tag", mit diesen Worten würdigte Bundespräsident Horst Köhler Mitte Juni in einer Feierstunde im Schloß Bellevue den Abschluß der NS-Zwangsarbeiterentschädigung. Bis dahin hatte die 2000 gegründete Stiftung "Erinnern, Verantwortung und Zukunft" 4,4 Milliarden Euro an 1,7 Millionen Betroffene ausgezahlt. Gut 425 Millionen Euro verbleiben noch in der Stiftung, die hiervon Projekte zur Erinnerungsarbeit unterstützen will.

So mancher mag die Veranstaltung auch als eine Art Schlußstrich unter das Thema NS-Wiedergutmachung gesehen haben, doch wer so dachte, wurde eines besseren belehrt. Es waren noch nicht einmal vier Wochen vergangen, da meldeten die Tageszeitungen: "Holocaust-Trauma - Berlin soll zahlen".

Kinder von Überlebenden des Holocaust haben in Tel Aviv vor einem israelischen Gericht eine Sammelklage eingereicht. Deutschland soll für Betroffene - etwa fünf Prozent von 400000 genannten Nachkommen - zwei Therapie-Sitzungen pro Woche für die nächsten drei Jahre finanzieren. Die Kosten für die 15000 bis 20000 zu behandelnden Personen werden mit 7,3 Millionen Euro pro Jahr veranschlagt.  

Der Vertreter der Ankläger, Baruch Masor, schilderte vor Pressevertretern das Leid seiner Mandanten. Er berichtete von Kindern, die erleben mußten, wie ihre Großmutter bis zum Lebensende ihr Brot unterm Kopfkissen versteckte, weil sie nie die Angst loswurde, daß man ihr Essen klaut und sie verhungern muß. Auch nannte er Nachkommen, die erleben mußten, wie ihre Eltern bis an ihr Lebensende in Momenten, in denen sie von der Erinnerung überwältigt wurden, unvermittelt in Tränen ausbrachen. Die Erziehung durch traumatisierte Eltern hätte viele Kinder verstört und ihnen auf Dauer einen Knacks mitgegeben. Mancher Deutscher dieser Generation kann ähnliches berichten. Seine ausgebombten, vertriebenen oder durch Gefangenschaft und Vergewaltigung traumatisierten Elternteile haben ihm keine unbeschwerte Kindheit ermöglicht, doch bei allem Verständnis für die Leiden der jüdischen Betroffen fühlen sich viele Deutsche als Melkkuh. Schließlich wären sie als deutscher Steuerzahler jene, die die Therapien der Kläger zahlen müßten, während sie selbst nie eine solche Behandlung in Anspruch nehmen können und wohl auch kein Verständnis dafür erhielten.

Angesichts der Tatsache, daß Deutschland seit Anfang der 50er Jahre bis 2006 64,5 Milliarden Euro für Entschädigungsleistungen gezahlt hat - gut ein Drittel davon an Israel -, ist die Summe, die die jetzigen Kläger fordern minimal, trotzdem hat die deutsche Botschaft in Tel Aviv die Annahme der Klageschrift wegen Nicht-Zuständigkeit verweigert. Zwar behauptet Baruch Masor, er hätte Kontakt zu einer "hochrangigen Persönlichkeit der Bundesregierung", doch bisher hat ihm dieser offenbar nichts gebracht. Aus völkerrechtlichen Gründen (Staatenimmunität) ist zudem eine Klage gegen die Bundesrepublik Deutschland oder ihre Organe vor einem ausländischen Gericht nicht zulässig, aber Baruch Masor und sein federführender Anwaltskollege Gideon Fisher hoffen, so Druck auf die Bundesregierung ausüben und sie zu einer außergerichtlichen Einigung bewegen zu können. Diese Strategie hatte durchaus schon Erfolg, denn selten hat die Bundesrepublik Deutschland freiwillig gezahlt. Schon in den 50er Jahren wurde von den Alliierten Druck ausgeübt. Besonders die Jewish Claims Conference war stets engagiert: "Da mußte jedes Zugeständnis abgerungen werden", so deren deutscher Repräsentant im Zusammenhang mit der NS-Zwangsarbeiter-Entschädigung, welche die deutsche Wirtschaft und Regierung angesichts der bereits gezahlten Milliarden an andere Opfergruppen anfänglich zu vermeiden suchten. Erst als das Bundesverfassungsgericht nach der Wiedervereinigung keinen Grund mehr für die Unterlassung einer Wiedergutmachung sah und NS-Opfer mit Sammelklagen vor US-Gerichten gegen VW, AEG oder Siemens drohten, zahlten unter der rot-grünen Schröder-Regierung Bund und Wirtschaft je fünf Milliarden D-Mark. Hiervon wurden von den einst über zehn Millionen Zwangsarbeitern die zu dem Zeitpunkt noch lebenden 1,7 Millionen entschädigt. Auch sie haben noch traumatisierte Nachkommen, die klagen könnten.


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