© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 30-07 vom 28. Juli 2007

"Lieber die Russen"
Ungarn ziehen Moskau Wien vor
von R. G. Kerschhofer

Zwischen dem österreichischen Öl- und Gas-Konzern OMV und dem ungarischen Gegenstück MOL spielt sich seit Ende Juni ab, was man andernorts bombastisch eine "Übernahmeschlacht" nennen würde. Es ist zumindest ein trickreiches Geplänkel, in dem die kleinere MOL staatliche und anscheinend auch russische Schützenhilfe hat. Manches erinnert dabei an vergangene Zeiten: einerseits an die ständigen Rivalitäten in den Jahrzehnten der Doppelmonarchie, andererseits an den Ostblock, als Ungarn außenpolitisch der treueste Vasall Moskaus war.

Die OMV, wie die MOL einst Staatsbetrieb, wurde 1994 mehrheitlich privatisiert, hat aber zwei staatliche Kernaktionäre, die österreichische ÖIAG mit 31,5 Prozent und die IPIC aus Abu Dhabi mit 17,6 Prozent. Die MOL wurde fast zur Gänze privatisiert. Beide kämpfen um Südosteuropa - durch Errichtung eigener Tankstellen wie durch Aufkauf lokaler Firmen.

Mit Übernahme der slowakischen Slovnaft und einer Sperrminorität bei der kroatischen INA machte MOL das Rennen in den "Ländern der Stephanskrone". In der Region insgesamt führend ist aber die OMV, die selbst in Ungarn 14 Prozent Marktanteil hat. Und seit sie 2003 in Süddeutschland Tankstellen von BP / Aral, Shell / DEA und Avanti sowie 2004 die Mehrheit an der rumänischen PETROM übernahm, ist sie "die Nummer Eins zwischen Schwarzwald und Schwarzem Meer". Im Vorjahr kaufte sie überdies 34 Prozent des türkischen Ölkonzerns Petrol Ofisi.

Zum Mißfallen der Ungarn hatte die OMV schon vor sieben Jahren zehn Prozent der MOL-Aktien erworben. Nun stockte sie den Anteil auf 18,6 Prozent auf, vor allem mit jenem Aktienpaket, das bisher dem "reichsten Mann in Ungarn" gehörte, dem russischen Oligarchen Medget Rachimkulow. Der steht zwar in der russischen Rangliste nur auf Platz 41, wird aber allein in Ungarn mit 600 Millionen Euro gehandelt. Der Verkauf an die Österreicher trägt ihm allerdings nicht nur ungarische Kritik ein: Er habe einfach an den Meistbietenden verkauft und nicht wie ein "russischer Patriot" gehandelt, heißt es.

Die ungarische Regierung und die Führung von MOL sind strikt gegen ein Zusammengehen mit der OMV, die angeblich schon ein Übernahmeangebot ausgearbeitet hat. Die Tageszeitung "Népsabadság" zitiert den MOL-Chef mit der Aussage, er kenne mindestens zehn andere, die als Partner besser wären als die Österreicher, und er nannte Rosneft und Lukoil.

Wenig überraschend, denn von Ministerpräsident Gyurcsány abwärts, der selbst als einer der reichsten Ungarn gilt, sind heute alle wichtigen Positionen in Staat und Wirtschaft mit Wendekommunisten besetzt. Dazu paßt das Doppelspiel bei "Nabucco": An diesem von der OMV initiierten Projekt einer Gasleitung für nahöstliches und zentralasiatisches Gas über die Türkei, Bulgarien, Rumänien und Ungarn nach Österreich ist zwar auch MOL beteiligt. Gyurcsány erklärte im März aber seine Präferenz für ein konkurrierendes Gasprom-Projekt.


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