© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 30-07 vom 28. Juli 2007

Den Spieß umgedreht
Litwinenko soll Lugowoj und Kowtun vergiftet haben
von M. Rosenthal-Kappi

Der Fall des ermordeten Ex-KGB-Agenten Alexander Litwinenko hat zu Spannungen in den britisch-russischen Beziehungen geführt, die an Bewährtes aus dem Kalten Krieg erinnern. Hüben wie drüben werden Diplomaten ausgewiesen, Visa entwertet, Anschuldigungen ausgesprochen.

Der Aufruf des britischen Außenministers David Miliband, die russische Verfassung zu ändern, damit der von Scotland Yard ermittelte Hauptverdächtige im Mordfall Litwinenko an Großbritannien ausgeliefert werden könne, hatte heftige Reaktionen des für internationale Rechtskontakte zuständigen stellvertretenden Generalstaatsanwalts Alexander Swjaginzew hervorgerufen. Auf einer Pressekonferenz im Gebäude der Staatsanwaltschaft in Moskau stellte Swjaginzew vor Journalisten die russische Sicht der Dinge dar. Er warf den Briten schlampige Arbeit vor. Da Scotland Yard nach wie vor keine eindeutigen Beweise für die Täterschaft Lugowojs vorgelegt habe, hege die russische Seite großen Zweifel an der Effektivität der britischen Polizeiarbeit. Die russische Staatsanwaltschaft habe Kooperationsbereitschaft bewiesen, aber die britische Seite habe den Russen eigene Ermittlungen in London untersagt. Die hatte nämlich vorgehabt, im persönlichen Umfeld des in Rußland meistgesuchten Ex-Oligarchen Boris Beresowkij zu ermitteln, dessen Auslieferung die britische Regierung seit Jahren verweigert. Lugowoj und Kowtun müßten deshalb weiterhin als Zeugen und Opfer gelten, eine Auslieferung sei völlig ausgeschlossen.

Der für das russische Verfahren zuständige stellvertretende Leiter der Abteilung für besonders wichtige Fälle, Andrej Majorow, drehte den Spieß einfach um, indem er behauptete, die Quelle der Polonium-Verstrahlung sei von Litwinenko selbst ausgegangen und die Urheber der Vergiftung seien in seinem Umfeld zu suchen, sprich bei Beresowskij.

Immer wieder fällt im Zusammenhang mit Litwinenko der Name Beresowskij. Die Botschaft aus Moskau scheint klar: Wird Beresowskij nicht ausgeliefert, bekommt ihr Lugowoj nicht. Was macht Beresowskij für die russische Regierung so wichtig? Boris Beresowskij, einst mächtigster Oligarch Rußlands, genoß als Vizepräsident des Sicherheitsrats großen Einfluß im Kreml. Als Medienzar unterstützte er die Wahlkampagnen der Mächtigen. Dank der Macht des ihm zur Verfügung stehenden Geldes lenkte er im Hintergrund die Geschicke des Landes. Er verhalf Wladimir Putin an die Macht, machte ihn jedoch für den zweiten Tschetschenienkrieg verantwortlich und fiel in Ungnade. 2000 flüchtete Beresowskij ins britische Exil. Seitdem hat er nie aufgehört, Einfluß zu nehmen. Er unterstützt die russische Opposition von London aus, er verfügt über einflußreiche Kontakte in Amerika und Rußland - und vor allem über das notwendige Geld. Nach der Ermordung Litwinenkos rief er zum Sturz des Putin-Regimes und zu freien Wahlen auf, da das Übel anders nicht zu bekämpfen sei.


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