© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 30-07 vom 28. Juli 2007

Begehrliche Blicke nach Serbien
Ausländische Investoren profitieren von Privatisierungen, aber nur in Belgrad ist das Leben erträglich
von Wolf Oschlies

Sie seind Surffen und kommen von dem ort Griechisch Weyssenburg", besagt ein deutscher Balkan-Reisebericht von 1531, der in der Sprache jener Zeit zeitlose Fakten nennt: "Surffen, Serfen oder Raizen" sind Serben, "griechisch" steht für orthodox und "Weißenburg" ist die wörtliche Übersetzung von "Belgrad" (weiße Burg, Stadt).

Belgrad ist in seiner Geschichte rund 50mal zerstört, Serbien - 7,5 Millionen Einwohner - durch die Herrschaft des Diktators Milosevic für 15 Jahre politisch isoliert und ökonomisch ruiniert worden. Ende 2000 wurde Milosevic gestürzt, im Juni 2001 kurzerhand ans Haager Tribunal ausgeliefert (wo er am 11. März 2006 verstarb). Seither geht es mit dem Land aufwärts.

Belgrad zählt heute rund 1,6 Millionen Einwohner. Wie man im urbanen, administrativen und industriellen Zentrum Serbiens lebt, verdeutlichte Ende Juni 2007 die junge Familie Bogdanovic. Vater Slavisa und Mutter Slavica verdienen zusammen rund 65000 Dinar im Monat (rund 800 Euro), was für Kleidung und Ernährung des Paars und ihrer kleinen Töchter Andrea und Isidora hinreicht. Auch die knapp 53 Quadratmeter große Wohnung, das 15 Jahre alte Auto, die jährlichen zehn Urlaubstage und die 21 Zigaretten pro Tag sind noch bezahlbar. Wie alle Serben sparen die Bogdanovics.

Nach unseren deutschen Vorstellungen ist Serbien immer noch ein armes Land - nach Serbiens schlimmen Erfahrungen aus jüngster Vergangenheit steht das Land immer besser da: Sein Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg von 709 Milliarden (2001) auf knapp zwei Billionen Dinar (2006), legte im ersten Quartal 2007 nochmals 8,7 Prozent gegenüber demselben Zeitraum des Vorjahrs zu. Warum wohl wird Serbien seit drei Jahren von internationalen Finanzinstitutionen "Primus unter den Transitionsländern" genannt?

Geht es den Serben bereits zu gut? 2006 wurden im Land 41592 westliche Neuwagen gekauft, bei der diesjährigen 45. Belgrader Automesse waren schon am ersten Tage sämtliche Exponate verkauft, bei der Bootsmesse kurz darauf ein ähnliches Bild. Die Staatseinkünfte aus Glückspielen haben sich in den letzten zwei Jahren auf 110 Millionen verachtfacht.

Solchen Flitter beiseite: Serbien muß nach wie vor an allen Wirtschaftsfronten kämpfen: Seine Auslandsverschuldung betrug Ende 2006 19,6 Milliarden Dollar, sank im März 2007 leicht durch die Begleichung aller Verbindlichkeiten beim Internationalen Währungsfonds (IMF) und steht seither bei rund 18,8 Milliarden Dollar.

Im März 2007 lag die Arbeitslosigkeit erstmals unter einer Million. Das Durchschnittseinkommen der Beschäftigten pendelt um die 26000 Dinar, umgerechnet rund 300 Euro. Das soll sich bald bessern, wenn der neue Wirtschaftsminister, der energische Mladjan Dinkic, sein Versprechen einlöst, bis Ende 2008 die Privatisierung der letzten Staatsbetriebe durchzuziehen. Beispielsweise beträgt der reale Wert der "Eisenbahn Serbiens" 3,4 Milliarden Euro, der Renovierungsbedarf des Unternehmens aber rund sechs Milliarden Euro.

Solche Bürden will man loswerden, treibt Privatisierungen voran und lockt Investoren. Die davon erwartete ökonomische Belebung ist bitter nötig: Der Belgrader Sender B92, in den 90er Jahren mediales Sturmgeschütz der Opposition gegen Milosevic, meldete im April 2007, es gäbe in Serbien 2,8 Millionen Arme, davon 1,4 Millionen "in extremem Elend".

Etwas besser steht der serbische Mikrokosmos Belgrad da. Belgrad ist das politische, kulturelle, ökonomische, mediale und Bildungszentrum des Landes. 2003 waren nur 4,2 Prozent der Belgrader arm, aber 23,5 Prozent der Einwohner im Südosten Serbiens. Seit 2004 dominiert im 90köpfigen Stadtparlament die europäisch-reformerische Demokratische Partei (DS), deren Vorsitzender Boris Tadic auch Serbiens Staatspräsident ist. Belgrad ist die Stadt der Universitäten und Hochschulen, der Theater und Sportstadien, des Patriarchen der Serbischen Orthodoxen Kirche und der internationalen Festivals, des heiteren Amüsements und der harten Arbeit.

Japaner prüfen derzeit die Rentabilität serbischer Bergwerke, deutsche und andere Konzerne drängen auf den serbischen Energiemarkt, Russen wollen die Serbische Erdölindustrie (NIS) kaufen, ein Investor aus Zypern will die Aktienmehrheit des Touristikunternehmens "Putnik" erwerben, Kroatien hat in Serbien in den letzten Jahren über 240 Millionen Euro investiert, Griechenland seit 1996 gar zwei Milliarden Euro, wodurch 25000 Arbeitsplätze entstanden.

Dennoch ist die Wirtschaft unzufrieden mit der Politik. Serbien hat 2007 politisch Glück gehabt: Brüssel hat zugesagt, daß Belgrad 2008 EU-Beitrittskandidat sein könne. Der bosnischen Klage gegen Serbien wegen "Völkermords" wurde vom Internationalen Gerichtshof nicht stattgegeben. Bei den Parlamentswahlen im Januar siegte der "demokratische Block", im Mai einigten sich seine Mitglieder nach langem Gezänk auf die neue Regierung, der Kostunica zwar weiter vorsteht, in der seine DSS aber nur noch über sechs minder bedeutsame Ministerien verfügt. Als die neue Regierung Mitte Mai ihre Arbeit aufnahm, gab Staatspräsident Tadic ihr einige "Hausaufgaben" auf: "Ich erwarte, daß Serbien am Ende des Mandats dieser Regierung der Europäischen Union weit näher sein wird, als es das heute ist. Die Regierung soll ihren Job für die Bürger Serbiens tun, also den Lebensstandard verbessern und die Wirtschaft des Landes auf maximale Höhe bringen".


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