© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 30-07 vom 28. Juli 2007

"... und dann nischt wie raus zum Wannsee"
Das Stadtmuseum Berlin zeigt eine Ausstellung über das Badevergnügen im Lauf der Zeit

Der Sommer spielt verrückt in Europa. Während hierzulande herbstlich anmutende Stürme toben und ergiebige Regengüsse heruntergehen, kämpft man nur wenige Flugstunden entfernt mit mörderischer Hitze, mit Waldbränden und hat sogar Tote zu beklagen. So mancher sehnt sich nach der guten alten Zeit, in der Sommer noch Sommer waren, mit Eisessen und Badengehen.

Das Stadtmuseum Berlin präsentiert derzeit im Ephraim-Palais eine Ausstellung zur Kulturgeschichte des Badens. Alles dreht sich um den Schwimmsport, verschiedene Badeorte und die Reiselust. Mit Installationen, Fotos, Gemälden und Bademoden, Postkarten und "Strandgut" werden die verschiedenen Aspekte der Badekultur und der Körperpflege lebendig: Hygiene und Abhärtung, Sport und Spaß, Fernweh nach Sonne, Sand und Meer.

Neben dem individuellen Erlebnis gilt das Baden auch als gesellschaftliches Ereignis, und sogar "Lebensbünde" wurden hier nicht selten geschmiedet.

Der Nationalsozialismus wandelte den Badespaß zum kontrollierten Massenvergnügen und instrumentalisierte ihn durch seine "Kraft durch Freude"-Bewegung für seinen ideologischen Körperkult. Noch heute sichtbarer Höhepunkt der nationalsozialistischen Freizeitorganisation ist das nie fertiggestellte Großbad Prora auf Rügen.

Die Badekultur in Berlin beginnt 1802 mit der Eröffnung der ersten öffentlichen Badeanstalt an der Spree, auf der Höhe der alten Nationalgalerie. Das heutige Badeschiff in Treptow steht in der Tradition des Welperschen Badeschiffs, das 1803 als erstes offizielles Badeschiff in der Spree eröffnete.

Allerdings gilt öffentliches Baden damals als unschicklich, und die "feine" Gesellschaft verläßt sich lieber auf Puder und Parfüm. Auch haben nur wenige Berliner Häuser Badezimmer, obwohl mit zunehmender Bevölkerungszahl und wachsenden medizinischen Kenntnissen Waschen und Baden immer wichtiger werden.

Schwimmen lernen in Berlin zuerst die Soldaten: auf Anordnung von 1817. Nur wenig später wird es zum allgemeinen Volkssport. Das "betuchte" Berlin bevorzugt damals die Kaiserbäder der Ostsee, besonders Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin auf Usedom. Dabei steht jedoch weniger das Baden als das gesellschaftliche Leben im Mittelpunkt der Sommerfrische.

Anfang des 20. Jahrhunderts drängt es den Großstädter raus ins Grüne und an die Seen, vor allem an den Wannsee zum Schwimmen und Luftbaden. Aus der "wilden" Badestelle am Wannsee wird schnell ein behördlich geregelter Badebetrieb.

Das auch heute noch beliebte Strandbad Wannsee wird 1929 / 30 zum damals größten und mo-dernsten Binnenseefreibad Europas ausgebaut. Und es ist Schauplatz einiger Ärgernisse: Vor allem Touristen hatten sich über die unmöglichen und unschicklichen Badekostüme der Berliner erregt, denn die im feuchten Zustand schlabberigen Textilien gaben zu viele Körperdetails preis.

Der denkwürdige "Zwickelerlaß" von 1932 schreibt Zwickelnähte im Schritt behördlich vor und stellt damit die öffentliche Ordnung wieder her. In der Berliner Nachkriegszeit zieht es Ost wie West in die wieder eröffneten Frei- und Hallenbäder, an die heimischen Seen und mit zunehmendem Wirtschaftswachstum auch an die fernen Meere. Während im Westen 1946 nach einem Atomtest auf dem Bikini-Atoll ein neuer knapper Zweiteiler unter dem Namen "Bikini" die Gemüter erregt, erlebt die FKK-Bewegung gerade im Osten ein Comeback: Die DDR-Bürger ziehen das zwanglose Lichtkleid jeder Bademode vor. Am bulgarischen Goldstrand und bei zahlreichen Badegelegenheiten in der Republik fallen die Hüllen schneller - zunächst gegen den Willen der politischen Obrigkeit. Heute steht allen Berlinern die Wahl frei: Die neueste Bademode oder das Adamskostüm, die Stadt bietet für alle Badevorlieben das richtige Plätzchen.   as/os

Die Ausstellung "Berlin geht baden" ist im Stadtmuseum Berlin, Ephraim-Palais, Poststraße 16, 10178 Berlin, dienstags und donnerstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, mittwochs von 12 bis 20 Uhr zu sehen, Eintritt 5 / 3 Euro, mittwochs frei, Führungen nach telefonischer Voranmeldung unter Telefon (0 30) 24 00 22 33, bis 14. Oktober.

Foto: Badevergnügen: Die Kinder auf dem Berliner Monbijouplatz brauchten 1966 noch keinen Pool.


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