© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 30-07 vom 28. Juli 2007

Hilfe, mein Kind lügt!
Gelassen bleiben, Ursachen erforschen und Vorbild sein
von Anja Schäfers

Kinder können zwischen Wahrheit und Lüge noch nicht unterscheiden. Sie denken sich Geschichten aus und vermischen sie mit realen Eindrücken. "Bei allzu wilden Schilderungen widersprechen Eltern ihren Kindern manchmal", sagt Cornelia Nitsch, Autorin von Erziehungsratgebern. Sorgen bräuchten sie sich wegen solcher "Spinnereien" aber nicht zu machen.

Etwa bis zum Schulalter entwickelt sich bei Kindern das Bewußtsein für Phantasie und Wirklichkeit stärker aus. Auch beginnen sie, das Konzept der Höflichkeitslüge zu verstehen. Wenn Eltern ihre Kinder aber darüber hinaus bei Unwahrheiten ertappen, sind sie entsetzt: "Hilfe, mein Kind lügt!"

"Eltern müssen sich mit dem Thema auseinandersetzen, sollten einzelne Lügen aber nicht zu ernst nehmen", empfiehlt Nitsch. Keinesfalls dürften sie darin eine charakterliche Schwäche sehen. Niemand müsse befürchten, daß ein Kind wegen einer gelegentlichen Unaufrichtigkeit auf die schiefe Bahn gerate.

Kinder lügen aus ähnlichen Gründen wie Erwachsene. Häufig geht es um kleine Ausflüchte wie das immergleiche "Ja" auf die Frage, ob das Kind seine Hausaufgaben schon gemacht habe. "Man darf auf keinen Fall die Moralkeule herausholen", rät die Fachbuchautorin. Aussagen wie "hier wird nicht gelogen" brächten nichts und seien außerdem nicht einhaltbar. Vielmehr sollte man dem Kind erklären, daß eine richtige Lüge immer einen Vertrauensbruch darstelle.

In Ruhe sollte man dann mit seinem Sprößling über die Situation sprechen und ihn fragen, warum er sich so verhalten habe. Vielleicht war das Kind zu bequem - oder es scheute einen Konflikt mit den Eltern. Manche Kinder fürchten sich auch vor einer Bestrafung.

"Häufig muß man sein eigenes Verhalten als Vater oder Mutter hinterfragen", sagt Nitsch. Denn sowohl ein zu strenger als auch eine zu lässiger Erziehungsstil könne kindliche Ausreden fördern. Außerdem sollte man ein Familienklima schaffen, in dem Auseinandersetzungen möglich seien.

In bestimmten Situationen kann es schwer fallen, überlegt zu handeln. Dies kommt vor, wenn ein wertvoller Gegenstand kaputtgegangen ist und keiner die Verantwortung übernehmen will.

"Einige Eltern lassen sich dann zu kriminologischen Verhören oder heftigen Anklagen hinreißen", sagt Andreas Engel, Diplompsychologe.

Ein solches Verhalten verletze jedoch die Beziehung zwischen Eltern und Kind. "Zunächst sollte man in Ruhe nach möglichen Handlungsmotiven bei sich und seinem Kind suchen", rät Engel. Man könne zum Beispiel fragen, warum man den "Täter" unbedingt herausfinden wolle. Oder weshalb es dem Kind so wichtig sei, nicht der Verursacher zu sein.

"Es hilft oft mehr, sich auf das eigene Handeln zu konzentrieren als auf das Fehlverhalten des Kindes", empfiehlt der Psychologe.

Durch das elterliche Vorbild lasse sich zum Beispiel eine Atmosphäre schaffen, in der jedes Familienmitglied zu seinen Fehlern stehen könne. Dafür müßten auch Väter und Mütter es zugeben, wenn sie etwas falsch gemacht haben, und daraus Konsequenzen ziehen.

Ein ähnlich gelagertes Problem ist das Verschweigen von schlechten schulischen Leistungen. Die Situation kann eskalieren, wenn der betroffene Schüler einzelne Lügen mit immer neuen Falschaussagen oder Betrügereien verdecken muß. "Solche Kinder stehen häufig unter einem enormen Leistungsdruck", sagt Engel. Oft falle Eltern gar nicht auf, daß sie ihren Nachwuchs mit dem eigenen Ehrgeiz überfordern.

Viele Eltern sind auch erstaunt, wenn sie von Lehrern erfahren, daß ihr Kind bei Mitschülern und Bekannten als Aufschneider verschrien ist. Solche Lügen sollen Aufmerksamkeit erregen und sind häufig ein Zeichen von geringem Selbstwertgefühl. Eltern müssen sich dann mehr mit ihrem Sprößling beschäftigen und mit ihm zusammen Auswege aus der Situation suchen.

"Familien sollten sich nicht scheuen, professionelle Unterstützung zu holen", sagt Nitsch. Wenn sich Eltern und Kinder täglich mit Lügen auseinandersetzen müssen, helfen zum Beispiel Erziehungsberatungsstellen weiter. Hier können Eltern und Kinder ihre Probleme besprechen und mögliche Lösungswege erarbeiten. Professionelle Hilfe bei der Kindererziehung bekommen Eltern bei verschiedenen Stellen von Kommunen, Kirchen und Wohlfahrtsverbänden. Diese lassen sich vor Ort erfragen oder im Internet herausfinden, zum Beispiel auf der Webseite der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (www.bke.de).

Foto: "Nein, das war ich nicht": Mutters Schuhe "geborgt".


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